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Rotterdamer Stadtplaner Lior Steinberg im Interview

„Der klassische Weg funktioniert nicht.“

Wir müssen weg von der autozentrierten Stadtplanung und endlich den Menschen in den Mittelpunkt stellen, fordert der Stadtplaner Lior Steinberg.

Dieser Outdoor-Sportplatz in Groningen, gestaltet von Humankind, ist mit seinen bunten Farben schnell zu einem beliebten Nachbarschafts­treffpunkt geworden.

fairkehr: Herr Steinberg, auf der Website Ihrer Firma Humankind sprechen Sie davon, Städte zu kreieren, die freundlich für Menschen sind. Was genau meinen Sie damit?

Lior Steinberg: Als Stadtplaner ist mir klar, dass die bebaute Umwelt einen großen Einfluss auf die Menschen hat. In der traditionellen Stadtplanung geht man sehr wissenschaftlich vor, man hat Modelle, berechnet Auswirkungen und baut dementsprechend. Aber das funktioniert oft nicht. Wir sehen, dass die Menschen in Städten immer unglücklicher werden. Darum haben mein Partner Jorn Wemmenhove und ich beschlossen, den Menschen und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt zu stellen. Von diesem Ausgangspunkt finden wir dann schon die technischen Lösungen.

Und wie würde so eine menschenfreundliche Stadt aussehen?
Nehmen wir zum Beispiel Straßenbahnen. Wenn eine neue Verbindung geplant wird, geht es nur darum, wie viele Menschen transportiert werden können und was das kostet. Aber keiner hinterfragt, ob diese Entwicklung sinnvoll ist. Warum bringen wir nicht die Arbeitsplätze zu den Menschen, statt sie zum Arbeiten immer schneller immer weiter weg zu bringen?

Es kommt auch auf die Gebäude an: Lebe ich in einer Gegend voller Hochhäuser, begegne meinen Nachbarn nur im Fahrstuhl und versuche, sie möglichst nicht anzusehen? Oder lebe ich in einer Straße mit vielen kleineren Häusern und kenne meine Nachbarn? Es ist ja nicht so, dass die Menschen in den Hochhäusern unfreundlicher wären, sondern die Gestaltung lädt einfach nicht dazu ein, sich kennenzulernen.

Gebäude wirken sich stark auf das Miteinander einer Straße aus. Manche Häuserfronten wirken wie Mauern, abweisend, und das ist allein eine Sache der Gestaltung. Erdgeschosse sollten offen und freundlich sein, mit einladenden Schaufenstern und Cafés. In Hauptstraßen braucht es einen guten Mix verschiedener Läden und Restaurants, die zu unterschiedlichen Zeiten geöffnet sind. Sonst ist abends alles zu und plötzlich ist die Straße langweilig oder sogar unheimlich.

Welche Elemente sind außer den Gebäuden noch wichtig für freundliche Städte?

Definitiv die Straßen. Seit den 50ern benutzen wir unsere Straßen als Abfluss für den Verkehr. 60 bis 70 Prozent einer Straße sind oft Fahrbahn, und wenn wir so breite Fahrbahnen bauen, gibt es mehr Autos. Das wiederum führt dazu, dass wir mehr Platz für Fahrbahnen brauchen, weil wir so viel Verkehr haben. Ein Teufelskreis. Der einzige Weg, ihn zu durchbrechen, ist, den Platz für Autos zu verringern und die entstehenden Freiräume umzuwidmen. Ein gutes Beispiel sind Fitnessstudios: Warum soll ich Menschen dazu bringen, mit dem Auto ins Sportstudio zu fahren? Es wäre viel besser, den Platz, der durch die Autos belegt wird, als Outdoor-Fitnesspark umzubauen.

Wie überzeugen Sie die Menschen in Ämtern und Regierungen von solchen Ideen?

Klassischerweise geht das so: Man diskutiert, man einigt sich auf einen Vorschlag, man macht einen Masterplan, man beantragt das Geld, das alles dauert viele Jahre. Dann ändert sich die Regierung und man kann von vorn anfangen. Das funktioniert nicht. Aber es ist schwer, Menschen, die selbst ein Auto haben oder die in einer Partei mit Autofreunden sind, davon zu überzeugen, den Autos Platz wegzunehmen. Darum ist unser Credo: erstmal ausprobieren.

Lior Steinberg ist Stadtplaner und Mitgründer von Humankind, Agentur für urbanen Wandel. Steinberg wuchs in Tel Aviv auf und lebt heute in Rotterdam.

Und wie machen Sie das?

Mit taktischem Urbanismus. Das können Pop-up-Bikelanes wie in Berlin sein oder Straßen und Parkplätze, die mit beweglichen Elementen zu Mini-Parks und Begegnungsorten umgebaut werden. Wir beziehen die Anwohner von Anfang an mit ein und fragen sie danach, was sie sich von ihrer Straße wünschen. Und wenn wir ein Konzept erarbeitet und umgesetzt haben, erstmal temporär, dann fragen wir die Leute, sprechen mit Anwohnern und Ladenbesitzern: Seid ihr glücklich damit, wie die Straße jetzt ist? Wir zählen und untersuchen, ob mehr Menschen Zeit auf der Straße verbringen und in den Läden einkaufen. Und wir versprechen: Wenn es nicht funktioniert, machen wir es rückgängig. Das ist die einzige Methode, die ich kenne, die funktioniert. Nur so überzeugt man die Menschen von den Veränderungen. Oder man braucht eine starke Anführerin, die sagt: „Ich mach das jetzt einfach“, so, wie es Anne Hidalgo in Paris gerade macht. Aber solche Anführer gibt es leider selten.

Welches Projekt war Ihr bisher größter Erfolg?

Für mich ist jede Straße, die wir für den Durchgangsverkehr schließen und für die Menschen öffnen, ein Erfolg. Auch, wenn es nur temporär ist. In Rotterdam haben wir im Sommer „Vacation Streets“ eingerichtet. Nicht alle Anwohner waren davon begeistert, aber am Ende des Sommers waren es mehr als am Anfang. Und wenn wir das Projekt in den nächsten Sommerferien wiederholen, wird es ein bisschen einfacher sein, sie zu überzeugen. Und das ist es, worum es geht: Den Menschen zu zeigen, dass es einen anderen Weg gibt.

Wann finden Menschen eine Straße ästhetisch ansprechend?

Ohne Zweifel fühlen sich Menschen von Blau und Grün angezogen, also Wasser und Pflanzen. Das wertet jede Straße auf. Ganz grundlegend geht es aber darum, mehr sichere, komfortable und angenehme Orte zu kreieren, an denen wir einander treffen können, Freunde und Fremde. Das ist schließlich der Grund, warum wir in Städten leben und nicht allein.

Kann Design dabei helfen, die Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen?

Ja, absolut. Wir leben in einer Kultur, in der fremde Menschen nicht einfach so ein Gespräch anfangen. Aber oftmals, sobald es etwas Interessantes zu sehen oder zu tun gibt, wird eine Verbindung geschaffen und man kommt leichter ins Gespräch. Und Gespräche sind in unserer heutigen vielfältigen Gesellschaft so wichtig.

Was ist Ihr Lieblingsbeispiel für gutes Stadtdesign?

Ich liebe Orte, die viele verschiedene Menschen anziehen, Alt und Jung, Geschäftsmann oder Hippie. So, wie der Stadtstrand von Tel Aviv.

Sie benutzen eine sehr positive Sprache, wenn Sie über Stadtgestaltung sprechen. Warum stellen Sie die Forderung nach weniger Autoverkehr nicht zum Beispiel in den Kontext des Klimawandels?

Den Leuten Angst zu machen und ihnen zu sagen „Tu das nicht“ funktioniert nicht, jedenfalls nicht auf Dauer. Natürlich kann man jemandem sagen: „Fahr nicht mit dem Auto, das ist schlecht für das Klima.“ Aber man kann ihm auch zeigen: „Hey, so geht es auch und so ist es schöner.“ Positive Kommunikation hat auch positive Auswirkungen.

Interview: Katharina Baum, Tim Albrecht 

fairkehr 5/2020