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Autodesign

BMW 4er: Die Ästhetik der Angst

Autos wie der BMW i4 werden von den Designern immer gespenstischer aufgerüstet. Es geht nicht mehr um Mobilität: Man soll davorstehen und Angst haben.

Das Gesicht des neuen BMW 4er sieht aus, als wollte er uns zermalmen.

Der Regen sieht aus, als hinter­lie­ße er Blutspuren. Eine Tierkralle ist zu sehen. Der Blick der Kamera gleitet über Formen, die in der Fantasie des Betrachters zu Raubtiermaschinen gehören. Alles schreit: „Alarm!“ Ein Mann gleitet die Fassade hinab, eine Frau taucht ins Wasser. Man weiß nicht, wer hier wen verfolgt in einem halb erotomanischen, halb actionhaften Setting des Bösen, das dem neuen Bondfilm entspringen könnte. Doch wird in dem Clip von BMW nicht 007 als Held gefeiert. Sondern: „the 4“.

Gemeint ist der neue 4er. Der Premiumhersteller aus München schreibt dazu: „Grenzen verschieben, eigenen Regeln folgen, sich durch nichts aufhalten lassen: Das neue BMW 4er Coupé setzt sich mit progressivem Design über bestehende Konventionen hinweg.“

Was könnten das für Konventionen sein? Die Straßenverkehrsordnung? Oder lah­me Enten, die nicht schnell die Spur wechseln, wenn man ihnen – wild die Lichthupe betätigend – mit Tempo 230 suggeriert, dass hier kein Verkehrsteilnehmer im Amok heranrast, sondern jemand, der die Grenzen verschiebt?

Es passt zur Ära der Egozentrik. Und der neue BMW passt gut in eine Zeit, da die Straßen nicht mehr nur von Autos, sondern immer öfter von fahrbaren Kriegserklärungen bevölkert werden. Ein Auto, das mit einem monsterhaft vergrößerten Frontgrill versehen ist, mit der sogenannten Monsterniere, illustriert perfekt die Epoche der Ichlinge, die eine Ästhetik der Angst hervorgebracht hat. Das neue Modell aus Bayern ist mit seiner grotesk, ja beinahe sinnentleert pathologisch vergrößerten „Niere“ – so heißt der BMW-typische Kühlergrill – nur ein Beispiel für diese bemerkenswert barbarische Entwicklung, die aus dem einst verehrungswürdig eleganten Auto­design der Nachkriegsmoderne eine Monsterschau macht.

Wie mit Anabolika vollgepumpt

Auch andere Premiummarken wie Audi oder Mercedes setzen auf ein Design, das wirkt, als wolle man andere Verkehrs­teilnehmer am liebsten zermalmen. Selbst die Kleinwagen der Massenhersteller fangen an, solchen Furor der Idio­tie zu kopieren. Als wollten sie wörtlich nehmen, was sonst Greta Thunberg in einem ganz anderen Kontext meint: „I want you to panic!“

Am Telefon sagt Paolo Tumminelli, dass seine Oma kein Auto mehr kaufen mag, weil fast alles auf vier Rädern aussieht „wie mit Anabolika vollgepumpt“. Der Design-Experte, der eine Studie über „Aggromobile – A Semiotic Analysis of Automobile Faces“ verfasst hat, spricht von einem Dilemma: „Früher war klar, dass ein Ferrari nicht aussieht wie ein Fiat 500. Aber inzwischen wollen auch die Kleinwagen, die es schon von der

Dimensionierung her praktisch gar nicht mehr gibt, aussehen wie vor Kraft strotzende Titanen.“ Der Design-Experte sieht das Autodesign der Gegenwart „in einer tiefen Krise“.

Wer mit Tumminelli spricht, versteht auch, warum äußerlich immer größere Autos innen immer weniger Platz bieten: Um den fahrenden Menschen im Auto und seine Bequemlichkeit geht es nicht. Es geht um den vor Angst schlotternden Menschen vor dem Wagen. Man kann nur hoffen, dass die Evolution über die Autoaggression der Gegenwart hinweggeht wie einst über die Dinos. Vielleicht erinnern die Autos der Gegenwart ja deshalb an die Saurier.

Gerhard Matzig 

fairkehr 5/2020