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Reise 5/2020

Fahrradurlaub

Mit dem E-Bike in die Berge

Im hügeligen Voralpenland macht eine Tour mit dem Elektrorad besonders viel Spaß: Der Motor unterstützt bergauf und die steilen Anstiege verlieren ihren Schrecken.

Blauer Himmel, grüne Weiden, überall Kuhglockengeläut, Kirchlein auf den Hügeln und immer die Berge vor Augen: Bayern kann so kitschig schön sein.

Der Bodensee-Königssee-Radweg ist eine Bike- und Badetour. Deshalb zuerst ein Hoch auf die letzte Eiszeit, die am Fuß der Bayerischen Alpen diese einzigartige Hügellandschaft mit tiefblauen und grünlich schimmernden Seen hinterlassen hat. Eiskalt ist ihr Wasser immer noch, auch im Sommer, doch wer sich die vielen steilen Anstiege hochgestrampelt hat, kann überall am Radweg in erfrischend klaren Badeseen schwimmen.

Von West nach Ost beginnt unsere Tour Mitte September am Bodensee direkt mit einem Bad im See. Schließlich liegt der Zielbahnhof unserer Anreise mit Rädern und Gepäck direkt am Wasser. In acht Etappen geht es von dort durchs Allgäu in die Zugspitzregion, durch den Naturpark Ammerauer Alpen, das Tölzer Land, an Tegernsee, Schliersee und Chiemsee entlang bis zum Königssee im Berchtesgadener Land. Unser Fazit nach acht Tagen im Sattel: Wir haben 560 Kilometer zurückgelegt, sind in elf Seen geschwommen und haben 4 000 Höhenmeter geschafft.

Starke Akkus halten durch

Unsere Sorge, die Akkus könnten bei  den 70-Kilometer-Etappen mit Bergfahrten und Gepäck unterwegs schlapp machen, war unbegründet. Es kommt natürlich darauf an, wie viel Unterstützung man beim Treten zuschaltet. Wer eine solide Grundkondition mitbringt und den Motor auf flachen Strecken auch mal ausschaltet oder schont, kommt mit einem 500-Wh-Akku sicher ohne Nachladen ans Tagesziel.

Kraft gibt auf dieser Tour aber nicht nur der Motor, sondern die großartige Landschaft, durch die die Reise geht. Die ersten Tage im Allgäu sind eine Berg- und Talfahrt über grüne Hügel: Auf den satten Weiden grasen die Kühe, wir haben durchgehend ihr Glockengeläut im Ohr und den Dunggeruch in der Nase, dazu Bilderbuchblicke auf die nahen Alpen oder den nächsten See. Mitunter wird es steil, was uns weniger quält als die bepackten Radfahrer*innen ohne Motor. Die Strecke führt meistens über asphaltierte Sträßchen, durch kleine Weiler mit Kirchlein, Dorfladen und geraniengeschmückten Bauernhäusern. Die Versorgung ist immer gesichert: Rechtzeitig taucht ein Biergarten unter mächtigen Bäumen auf. Über allem strahlt der blaue Himmel. Man könnte die Idylle auch kitschig nennen, aber es ist nicht zu übersehen, woher die Bayern den Stolz auf ihre Heimat nehmen.

Bestes Fotomotiv: Die Wallfahrtskirche
St. Bartholomä am Königssee.

In Immenstadt gerät die Radreisegruppe unverhofft in den Almabtrieb. Normalerweise wäre der Viehscheid ein riesiges Volksfest, diesmal bleiben die Einheimischen coronabedingt unter sich. Trotzdem grüßen sie das geschmückte Jungvieh in Tracht und Lederhosen – wir mittendrin. Auch Kunst     und Kultur kommen am Weg nicht zu kurz: Die Radtour führt unmittelbar am Schloss Neu­schwanstein und am Kloster Benedikt­beuren vorbei. Zu Bayerns Rokoko-Juwel, der Wieskiche, ein Weltkulturerbe der UNESCO, ist es nur ein Abstecher von einer halben Stunde. Auch die Gegend um den Kochelsee ist nicht nur zum Baden und Radfahren schön. Hier schlug die Geburtsstunde der Künstlergruppe des Blauen Reiters. Die Maler Wassily Kandinsky, Gabriele Münter und Franz Marc lebten und arbeiteten hier vor dem Ersten Weltkrieg. Einige ihrer Werke sind in Museen in Murnau ausgestellt. Wer die Orte von früheren Besuchern kannte, konnte aufatmen: kein Rummel oder Andrang, keine Busladungen mit Touristen aus Fernost, stattdessen freie Fahrradständer und Platz für ruhige Picknickpausen.

Verfahren kann man sich auf dem Boden­see-Königssee-Radweg praktisch nicht. An jedem Abzweig hängt ein Schild. Die letzten Etappen führen etliche Kilometer entlang einer Bundesstraße mit viel Verkehr, im Inntal recht nah an der Autobahn vorbei. Viele Alternativen gibt es dort nicht, doch wer dem Fahrradnavi Komoot statt der Schilder folgt, macht zwar manchmal einen kleinen Umweg, fährt dafür aber ruhig am plätschernden Bach oder am Waldrand entlang.

Ziel der Tour: der Königssee

Begegnungen mit echten Einheimischen beim Almabtrieb.

Am Königssee, dem Ziel der Tour, verzichten wir zum ersten Mal auf ein Bad im See, denn die Wassertemperatur ist jetzt doch schon auf kühle 16 Grad gefallen. Eine Radumrundung erübrigt sich auch, denn die Felsen der Berchtesgadener Alpen fallen fast senkrecht zum Ufer des Königssees hinab, Wege gibt es keine. Stattdessen gönnen wir uns die obligatorische Bootsfahrt mit einem Elektroschiff der Königsseeflotte. Im Biergarten der Halbinsel St. Bartholomä stoßen wir auf die gelungene Tour an und bestaunen dabei eines der weltweit meistfotografierten Motive: die barocke Wallfahrtskirche mit ihren weinroten Zwiebeltürmen. Weil die Welt corona­bedingt dieses Jahr zu Hause bleiben muss, gibt es Platz überall.

Als großes Glück hat sich die Wahl des Reisetermins Mitte September erwiesen. Im Januar geplant, war vieles nicht vorhersehbar. Denn das Alpenvorland hat in diesem außergewöhnlichen Sommer einiges mitgemacht. Zwar blieben die Japaner und Chinesen fern, dafür haben die Deutschen selbst für den Ansturm gesorgt. Wer nicht wie sonst ans Mittelmeer flog, setzte sich in München ins Auto und fuhr zu den Stränden der bayerischen Seen. Anwohner und Wirte berichteten von chaotischen Zuständen, von überfüllten Parkplätzen, Autos, Wohnmobilen und Motorrädern, mit denen Tagesausflügler die Täler fluteten. Die sind jetzt in den letzten warmen Tagen dieses Pandemie-Sommers 2020 größtenteils wieder weg. Wir E-Bike-Touristen können die Berge und Täler, die uns die Gletscher vor 10 000 Jahren hinterlassen haben, in entspanntem Tempo genießen.

Uta Linnert

Bodensee-Königssee-Radweg

Anreise

Fahrradmitnahme im Intercity der DB zum Startpunkt Lindau ist aus ganz Deutschland möglich, von Norden mit Umsteigen in Stuttgart. Zurück aus Berchtesgaden fahren durchgehende Züge bis ins Rheinland. Rechtzeitig Fahrradplätze reservieren, am Schalter oder online: www.bahn.de.

Anforderung

Die Strecke ist auch mit normalem Fahrrad zu schaffen, gilt dann aber wegen der vielen Steigungen als anspruchsvoll. Für E-Bikes ist sie mittelschwer, man kann sie innerhalb einer Woche fahren. Wer aber die vielen schönen Seen, Orte und Baudenkmäler am Weg besuchen will, sollte ein paar Tage mehr einplanen. Ein gut gewartetes Pedelec mit 500-Wh-Akku, breiten Reifen für die Waldwege und stabilem Rahmen wegen der Packtaschen ist perfekt.

Übernachten

Unterkünfte für jedes Budget sind überall zu finden, von der Jugendherberge in Lindau über Bauernhöfe, kleine Hotels oder Luxusherbergen an den Seen. Alle Vermieter sind auf Gäste mit E-Bikes eingestellt, bieten sichere Abstellplätze und ausreichend Steckdosen. Auch unterwegs ist Nachladen der Akkus bei den Wirtsleuten an der Strecke immer möglich.

Karten, Literatur, Navigation

Bikeline-Radtourenbuch „Bodensee-Königssee-Radweg“ mit Streckenbeschreibung, Karten und Reise­infos an der Strecke. Verlag esterbauer.com

Die Smartphone-App „komoot“ navigiert perfekt durch alle Etappen. Mit Handy am Lenker lassen sich auch Umwege einplanen und Abstecher zu Sehenswürdigkeiten oder Unterkünften leicht finden.

Ausführliche Infos, auch zum E-Bike-Verleih

fairkehr 5/2020