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Familie 5/2020

Kinder tracken mit der Smartwatch

Kinder auf Freigang

Fußfessel oder Mutmacher? Die Hersteller von Smart Watches versprechen mehr selbstständige Mobilität für Kinder. Stimmt das?

Die große Freiheit mit Smart Watch? Digitale Technologien sind im Alltag von Kindern inzwischen allgegenwärtig.

„Freiheit, Freiheit, ist das Einzige, das zählt!“, plärrte Marius Müller-Westernhagen1989 in jedes öffentlich-rechtliche Mikrofon, das sich ihm bot. Und recht hatte er. Freiheit ohne Sicherheit? Unangenehm. Sicherheit ohne Freiheit? Unerträglich. Ohne Freiheit ist alles nichts.

Deutschland im Corona-Herbst 2020. Ich stehe am Zaun eines Fußballplatzes und schaue meinem Sohn beim Kicken zu. Das Fußballtraining ist ein Rückzugsort für ihn. Die Spielräume des Alltags sind auch für Kinder zusammengeschrumpft angesichts der Pandemie, aber für 60 Minuten läuft der Ball, wohin er will, und die Kinder auch. Freiheit ...

Eigentlich muss ich hier gar nicht mehr stehen. Maxi (8) ist jetzt in dem Alter, in dem er mit dem Fahrrad selbst zum Training fahren kann, auch wenn der Verein im Nachbardorf ist. „Kauf ihm doch eine Smart Watch!“ sagt Carsten, ein weiterer Fußballpapa, der neben mir am Zaun steht. Smart Watch für Kinder?

„Ja“, erklärt Carsten. „Dein Kind hat die Uhr am Handgelenk, und du kannst in einer App auf dem Handy verfolgen, wo es gerade ist. Im Notfall kann es dich mit der Telefonfunktion anrufen. Seit Luca die Uhr hat, traut er sich, allein zu seinen Freunden zu gehen. Vorher war ihm das noch zu unheimlich. In Lucas Klasse haben jetzt fast alle Kinder eine!“

Mir kommt eine Zeile der Fantastischen Vier in den Sinn: „Ist es normal, nur weil alle es tun?“. Legen wir unseren Kindern nicht elektronische Fußfesseln an, wenn wir sie über eine App tracken? Auf der anderen Seite: Jetzt, im Herbst, ist es schon dunkel, wenn Maxi nach dem Training nach Hause fährt, und leider ist er der Einzige in seiner Mannschaft, der diesen Weg nimmt. Wäre eine Smart­uhr nicht doch hilfreich? Ich beschließe, mich erstmal schlauzumachen, bevor ich eine Entscheidung dafür oder dagegen treffe.

Das ganze Internet am Arm

Anruf bei Dr. Iren Schulz in Erfurt. Die promovierte Medienpädagogin ist als Mediencoach für die Initiative „Schau hin! Was dein Kind mit Medien macht“ des Bundesfamilienministeriums tätig und berät Eltern zum Umgang mit digitalen Medien. Wie steht sie zu Smart Watches für Kinder? „Natürlich sind Situationen denkbar, in denen eine Smartuhr hilfreich sein kann, etwa wenn ein Kind wirklich lange Wege allein zurücklegen muss, zum Beispiel auf dem Land. Trotzdem sollte man sich das gut überlegen.“ Zunächst rate sie Eltern, sich zu informieren, was sie da genau kaufen: „Die Kindermodelle kommen sehr unschuldig daher, aber man muss sich klarmachen, dass an so einer kleinen Uhr das ganze Internet hängt. Das bringt Vor- und Nachteile mit sich.“

Ich nehme den Rat an und lese im Internet, was so eine Smartuhr genau kann. Die wichtigsten Funktionen der handelsüblichen Modelle sind Telefonieren, Chatten, GPS und das sogenannte Geo-Fencing. Telefon- und Chatfunktion sind in der Regel auf zehn Telefonnummern begrenzt, die die Eltern vorher einprogrammieren. Über einen SOS-Knopf kann das Kind im Notfall direkt den Kontakt zu den Eltern herstellen. Für die Telefonie benötigt man einen Handyvertrag; einige wenige Hersteller bieten aber auch eigene SIM-Karten mit begrenzten Gesprächsminuten und Datenvolumen an. Die Uhr selbst ist mit einem Kaufpreis zwischen 30 und 60 Euro verhältnismäßg preiswert.

Über die GPS-Funktion können die Eltern den Aufenthaltsort ihres Kindes verfolgen. Beim Geo-Fencing können sie Zonen festlegen, in denen sich das Kind bewegen darf. Verlässt das Kind die Zone, bekommen die Eltern eine Warnmeldung aufs eigene Handy geschickt.

Die Billigprodukte bringen allerdings versteckte Risiken mit sich: Wie die norwegische Verbraucherzentrale 2017 in einem Test aufdeckte, sind die Uhren mit einer schlechten Sicherheitsarchitektur ausgestattet: IT-Experten gelang es ohne großen Aufwand, die Uhren zu hacken und den Aufenthaltsort der Kinder live mitzuverfolgen. Darüber hinaus schafften sie es, über die Uhr mit den Kindern Kontakt aufzunehmen, ohne dass die Eltern es merkten. „Die Uhren bieten nur eine vermeintliche Sicherheit“, bestätigt Iren Schulz. „Das gilt für die Software genauso wie für den Fall, dass das Kind die Uhr mit dem Schulranzen irgendwo abstellt, während es selbst ganz woanders unterwegs ist.“

Dr. Iren Schulz ist Expertin für Medienkompetenz und Mediencoach der Initiative „Schau Hin!“.

Dazu kommt ein Datenschutzpro­blem: Viele Internetkonzerne machen ihr Geld inzwischen mit Nutzerdaten, die sie sammeln und weiterverkaufen. Was für Giganten wie Facebook gilt, gilt auch für die oft in China ansässigen Hersteller der Uhren. Was mit den abgegriffenen Daten genau passiert, ist schon für erwachsene Konsument*innen kaum nachvollziehbar. Im Hinblick auf Kinder findet Iren Schulz diesen Aspekt aber besonders problematisch: „Gerade Kinder im Grundschulalter überblicken nicht, wie sie mit einer Smartuhr überwacht werden. Die Kindheit ist aber ein besonders schützenswerter Bereich.“

Ist Kontrolle besser?

Sieht man vom Datenschutz und der IT-Sicherheit einmal ab, kommen aber auch pädagogische Erwägungen ins Blickfeld: Ist es gut für die Entwicklung meines Kindes, wenn es sich bei jeder Schwierigkeit bei mir rückversichern kann? Und was macht es mit unserer Beziehung, wenn es das Gefühl hat, immer unter meiner Beobachtung zu stehen, selbst wenn es „da draußen“ unterwegs ist?

Sich mal verlaufen. Mal nach dem Weg fragen müssen. Mal nicht nur von A nach B unterwegs sein, sich ganz unsichtbar und einfach eins mit der Welt fühlen. Geht das noch mit Smart Watch? Geht mit dem direkten digitalen Draht zu Mama und Papa nicht auch etwas verloren?

Aus Sicht von Iren Schulz sollten Eltern in der Erziehung auf Vertrauen setzen: „Statt ständig zu kontrollieren, was mein Kind gerade macht, ist es besser, Regeln zu besprechen. Die Eltern immer im Nacken zu haben, kann Entwicklungschancen verkürzen oder gar ganz wegnehmen. Wenn in der Schule mal die letzte Stunde ausfällt, soll das Kind sich überlegen können: Die 500 Meter kann ich jetzt auch mal allein nach Hause gehen. Und zwar ohne, dass am Handy der Eltern gleich irgendein Alarm losgeht. Es muss auch mal ohne die digitale Nabelschnur gehen.“

Es seien sowieso oft eher die Eltern und nicht die Kinder, die die Unsicherheit in einer solchen Situation schlecht aushalten könnten. Mehr Kontrolle bedeutet nicht automatisch mehr Sicherheit, sondern kann im Gegenteil zu mehr Verunsicherung führen: Wenn ich den Standort meines Kindes über eine App verfolgen kann, bin ich auch versucht, ständig aufs Handy zu schauen und dadurch Anlässe zur Sorge zu schaffen. Werde ich selbst nicht unfreier, wenn ich ständig in Alarmbereitschaft bin? Und suggeriere ich meinem Kind damit nicht, sich ständig in Gefahr zu befinden?

Im Gespräch mit Iren Schulz wird mir klar, dass es besser ist, die Fähigkeiten meines Sohnes und die möglichen Risiken, denen er auf seinen Wegen ausgesetzt ist, realistisch einzuschätzen, mit ihm zu besprechen und entprechende Verhaltensregeln zu verabreden. Diese Erziehungsarbeit nimmt mir kein digitales Tool ab. Deshalb entscheide ich mich letztlich gegen die Smartuhr. Vor rasenden Autos schützt sie sowieso nicht und auch nicht vor dem großen Unbekannten. Vor allem will ich aber nicht, dass mein Sohn mir irgendwann vorwurfsvoll die andere Zeile von Müller-Westernhagen vorsingt: „Freiheit, Freiheit, ist die Einzige, die fehlt!“

Tim Albrecht 

fairkehr 5/2020