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Kolumne 5/2020

Nichts gegen Dortmund

Deutschlands Straßen glänzen nicht mit schönem, fuß- und fahrradfreundlichen Design. Eine Kolumne von Martin Unfried über die Kunst des Straßenbauens.

Das ist asozial: Wer wenig Geld hat, muss an hässlichen, lauten Straßen wohnen.

Warum sind eigentlich  ­viele deutsche Städte so hässlich? Ich weilte in Dortmund. Prima Fußballmuseum. Aller­dings war ich auch ein bisschen erstaunt. In manchen Straßen sah es irgendwie merkwürdig aus, als könne man hier sehr günstig einen 70er- oder 80er-Jahre-Film drehen, wenn man kurz ein paar Golf II und Opel Kadetts aufstellt. Die Kreuzungen, die Ampelanlagen, die Gebäude: nicht gerade 2020. Ich stand im Nirgendwo an einer Kreuzung und hatte Mühe, zur anderen Seite zu kommen, weil Fußgänger und Radfahrer anscheinend nicht erwünscht sind. Nichts gegen Dortmund, aber mein Blick auf das Design von Städten ist niederländisch geprägt, da ich seit langem dort wohne. Und Dortmund ist von einer – sagen wir, normal gut gestylten niederländischen Stadt sehr weit, vielleicht Lichtjahre entfernt. „Aber Dortmund ist Ruhrgebiet!“, werden Sie einwenden. Klar, und der Zweite Weltkrieg ist erst 75 Jahre vorbei.

Gut, nehmen wir Düsseldorf. Ich fuhr mal mit meinem Faltrad vom Hauptbahnhof zum Umweltministerium. Düsseldorf! Wird gern als schicke, reiche Modestadt bezeichnet. Ehrlich gesagt, kommt es mir ein bisschen abgelebt vor. Man kann nicht mal ruhig mit dem Rad vom Bahnhof wegfahren. Städtische Lebensqualität? Sobald man aus den Fußgängerzonen rauskommt, wird es ungemütlich, um nicht zu sagen, ungepflegt. Nichts gegen Düsseldorf, aber da wollte ich nicht jeden Tag gegen den Verkehr kämpfen.

Oder meine schwäbische Heimatmetropole Stuttgart: Trotz grünem OB und Ministerpräsidenten ist für mich der Anblick des Talkessels immer noch schockierend: Wie heftig die Autoschluchten die Stadt verunstalten. Waren die Stuttgarter nie in Rotterdam? Ähnliche Größe und gilt noch als die am wenigsten schmucke niederländische Metropole. Dort wüteten bekanntlich auch Krieg und die Ideologie der autogerechten Stadt. Doch heute: Der neue Hauptbahnhof mit Vorplatz ist superb, mit einer Fahrradtiefgarage vom Feinsten; das Design der Boulevards menschenfreundlich mit einer gesunden Zähmung des Autoverkehrs. Auch da bin ich schon mal mit meinem Faltrad vom Bahnhof zur neuen Markthalle gefahren. Pfeifend.

Das Gestalten von Straßen ist wohl eine höhere Kunst. Ich sage immer: Die Deutschen können gutes Brot backen, aber das Design der lebenswerten Stadt gehört nicht zu ihren Stärken. Rotterdam empfinde ich als angenehmer als manche deutsche Kleinstadt. Und im Vergleich mit dem anscheinend reichen Stuttgart sieht es gepflegter und moderner aus. Ist das nicht merkwürdig?

Blicken wir zuletzt noch auf eine Stadt, die alle Voraussetzungen für das gute Leben hätte. Aachen: Altstadt, Dom, Universität, nicht zu groß. Aber Aachen besticht besonders durch seine zahlreichen und grottenhässlichen Ausfallstraßen. Super deutsches Wort. Nicht wirklich städtischer Raum, sondern Ausfall. Ich fuhr mal mit meinem Faltrad vom Bahnhof zu einer Autovermietung in der Jülicher Straße. Hübsch hässlich, und der Radweg ganz normal lebensgefährlich. Für mich kein Problem, ich kann ja flugs wieder zurück über die Grenze nach Maastricht, aber andere Leute müssen da wohnen.

Der große Nachteil der hässlichen Autostadt ist: Sie ist extrem asozial. Wer wenig Geld hat, kann nicht nur nicht preiswert mit dem Rad mobil sein, sondern muss neben Lärm und Abgasen die Hässlichkeit der Ausfallstraße mit ihren Tankstellenlandschaften ertragen. Die Schönheit der Städte ist eine soziale Frage. Und da habe ich einen kleinen Tipp. Die Farbe Rot. In Deutschland wird ja immer noch diskutiert, ob es Sinn macht, Radinfrastruktur mit rotem Asphalt zu kennzeichnen. Ja, macht es, schon aus ästhetischen Gründen. Wann immer ich aus Deutschland zurückkomme und die Farbe Rot im Straßenbild sehe, fühle ich mich daheim, lacht mein Herz und frohlockt mein Gemüt. Eine Stadt ohne roten Fahrradasphalt ist wie ein Auto ohne Elektromotor. Möglich, aber sinnlos.

Martin Unfried 

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fairkehr 5/2020