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Service 4/2020

Mit dem Zug durch die Nacht

Neue Nachtverbindungen

Die Deutsche Bahn stellte das Nachtzuggeschäft vor Jahren ein. Andere Anbieter übernehmen oder starten angesichts von Klima- und Coronakrise mit neuen Verbindungen.

Abends in Norddeutschland einsteigen, morgens in den Bergen aufwachen – das geht mit dem Alpen-Sylt-Express.

Im Zug durch die Nacht fahren – und am nächsten Morgen mit Blick aufs Meer oder die Berge aufwachen. Mit dieser Reiseromantik konnte die Deutsche Bahn nichts mehr anfangen. Ihren letzten Nachtzug ließ sie 2016 aufs Abstell­gleis rollen. Der Konzern stellte das Geschäft mit den Schlaf- und Liegewagen gegen Proteste vieler Reisender, des VCD und weiterer Umwelt- und Fahrgastverbände ein. Auch zahlreiche deutsche Politikerinnen und Abgeordnete im EU-Parlament meldeten sich mit einem Veto. Vergeblich. Nachtzüge hätten keine Zukunft, seien wirtschaftlich unrentabel, einfach nicht mehr zeitgemäß, lautete die Begründung. Den Ausstieg hatte die DB gut vorbereitet und ihre europaweit verkehrenden Nachtzugwaggons systematisch verrotten lassen.

Einen großen Teil der Verbindungen, auch innerhalb Deutschlands, haben die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) übernommen. Schon ein Jahr, nachdem die ersten Nachtzüge etwa auf den Strecken Wien-Hamburg, Wien – Düsseldorf oder Zürich – Berlin unterwegs waren, zeigten die Österreicher, dass die von der DB verkündeten düsteren Prognosen nicht stimmen müssen. Bis heute melden die ÖBB Erfolg, zeigen sich zufrieden mit den Buchungen, schreiben schwarzen Zahlen und weiten das Nachtzug-Angebot mit ihren Nightjets weiter aus.

Seit 2016 hat sich viel verändert: Eine wachsende Zahl von Menschen fragen sich, wie sie klimaverträglich reisen können. Sie wollen nicht innerhalb Europas und schon gar nicht für Strecken innerhalb Deutschlands ins Flugzeug steigen. Und seit die Fridays-for-Future-Aktivist*innen mit Zügen den Kontinent bereisen, träumen junge Menschen wieder davon, Europa CO2-sparend zu erkunden.

Flugscham verändert Reisen

Auch in Schweden, dem Land, das das Wort „Flugscham“ erfunden hat, nimmt das Interesse an klimafreundlichen Bahnreisen zu. Die Regierung in Stockholm reagierte auf diese Entwicklung und beschloss, dass gleich mehrere Schlaf- und Liegewagenverbindungen den Betrieb von und nach Schweden aufnehmen sollen. Das Infrastrukturministerium spricht von der „größten Eisen­bahninvestition der Neuzeit“: 40 Millionen Euro will die rot-grüne Regierung dafür investieren. Ab 1. August 2022 sollen Nachtzüge von Malmö über Kopenhagen nach Brüssel und Köln sowie von Stockholm nach Hamburg fahren.

Am Anfang wollen die Schweden die Verbindungen subventionieren, langfristig rechnen sie mit rentablen Zügen. Sollte die Konkurrenz der Billigflieger tatsächlich schwinden, weil die Europäer den Flugverkehr für seine Umweltkosten zahlen lassen, könnte das klappen.

Und dann ist da noch Corona. Viele Flugzeuge bleiben am Boden, aber die Bahnen fahren weiter. Anfang Juli ist eine weitere Bahngesellschaft an den Start gegangen: Der Alpen-Sylt-Nacht­express fährt bis November wöchentlich zweimal von Sylt nach Salzburg und zurück. Das Versprechen des privaten Bahnanbieters RDC hört sich durchaus zukunftsfähig an: ohne Stau und Stress im eigenen Zugabteil entspannt über Nacht ans Meer oder in die Berge fahren.

Uta Linnert

fairkehr 4/2020