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Service 4/2020

Österreich

Abenteuer Nachtzugreise

Die Nightjets der ÖBB haben eine Schlüsselrolle in Europa. Die Kundenbewertung fällt unterschiedlich aus.

Neu lackiert und auf vielen ehemaligen Strecken der Deutschen Bahn unterwegs: die Nightjets der Österreichischen Bundesbahnen ÖBB.

Seit Januar 2020 bieten die ÖBB die symbolträchtige Nightjet-Direktverbindung von Wien in die EU-Hauptstadt Brüssel an. In der Pilotphase vorerst nur zweimal pro Woche. Während ein Fluggast auf der Strecke von Wien nach Brüssel 410 Kilogramm der klimaschädlichen CO2-Emissionen verursacht, sind es im Nachtzug nur 40 Kilogramm CO2.

Etwa 1,5 Millionen Fahrgäste der ÖBB reisten 2019 im Nightjet. „Wir merken die Klimadebatte“, sagt Bernhard Rieder, Pressesprecher der ÖBB. „Die Tendenz ist stark steigend. So sind besonders die Verbindungen nach Rom, Hamburg, Venedig und Zürich sehr stark nachgefragt.“

Frühes Buchen sei daher zu empfehlen, es ist maximal 180 Tage im Voraus möglich. ÖBB-Nightjet-Linien gibt es derzeit innerhalb Österreichs von Wien, Graz und Villach nach Feldkirch und Bregenz. Und dann die genannten Strecken nach Zürich, Berlin, Hamburg, Düsseldorf sowie nach Brüssel. Auch Italien, Kroatien, Polen und Tschechien hat die ÖBB im Programm. Und ab Fahrplanwechsel im Dezember 2020 soll Amsterdam dazukommen.

Sitzen, liegen, schlafen

Die ÖBB haben ihre Preise mittlerweile so gestaffelt, dass sie für ihre Nachtzüge nur „ab-Preise“ nennen – das sind günstige Angebote in beschränkter Stückzahl. Sind diese ausgebucht, wird es teurer.

Ein Sitzplatz ab 26,90 Euro ist die billigste Reisekategorie im ÖBB Nightjet. Das Sitzabteil teilen sich sechs Personen; Frühstück gibt es keines. Im Liegewagen sind 4 oder 6 Liegen im Abteil. Es wird nicht nach Geschlechtern getrennt, jedoch können auch Damenabteile gebucht werden. Eine Decke, ein Laken sowie ein frisch bezogenes Kopfkissen liegen bereit. Wasch- und Toilettenräume gibt es für Sitz- und Liegewagen-Reisende am Gang im Waggon. Einen Platz im 4er- und 6er-Liegewagen gibt es ab 56,90  bzw. 46,90 Euro. Der Fahrpreis für den Liegewagenplatz enthält Mineralwasser, Frühstück und den Weckdienst am Morgen. In vielen Nightjet-Zügen können bis zu drei Personen ein eigenes Sitzwagenabteil zum Pauschalpreis buchen. Ebenso kann im Liegewagen ein eigenes Abteil für bis zu sechs gemeinsam reisende Personen zum Pauschalpreis gebucht werden. Ein Schlafwagenabteil kann als Single (allein im Abteil), Double oder Triple (zu zweit bzw. zu dritt im Abteil) gebucht werden. Das Bett ist mit frischer Wäsche bezogen. Jedes Abteil enthält auch eine Waschgelegenheit mit Handtüchern und Toilettenartikeln. Die Deluxe-Abteile haben zusätzlich Dusche und WC im Abteil. Der Fahrpreis für den Schlafwagen beinhaltet am Abend Mineralwasser, Snack und Aperitif, am Morgen Weckdienst und großes Frühstück.

Der Platz im 3er-Schlafwagen kostet ab 66,90 Euro, im 2er ab 86,90 Euro, im Single ab 136,90 Euro; Single Deluxe ab 164,90 Euro und für zwei gemeinsam reisende Personen im Double Deluxe ab 229,90 Euro. Kinder unter sechs Jahren fahren kostenfrei mit, wenn sie keinen eigenen Bett-, Liege- oder Sitzplatz in Anspruch nehmen. Kinder bis zu 14 Jahren erhalten günstigere Tickets. Die Mitnahme von Fahrrädern ist nur in einigen Nightjet-Zügen möglich.

Umweltfreundliches Reisen im Schlaf kennenlernen: Für Kinder ist die Nachtzugreise ein spannendes Abenteuer.

Bedingungen wegen Corona

Bis auf Weiteres stehen in den ÖBB- Nightjets Einzelplätze im Sitzwagen, im Liegewagen mit 4er-Abteilen oder im Schlafwagen zur Verfügung. Für größtmögliche Privatsphäre können die Abteile in den drei Komfortkategorien auch als eigenes (Privat-)Abteil gebucht werden. Praktisch für Familien oder Freun­desgruppen, oder um die Zeit, al­lein in einem Abteil, ohne fremde Mitreisende, zu verbringen. Auf den Verbindungen von und nach Rom oder Livorno können Reisende aufgrund der Corona-Vorgaben derzeit nur ganze Abteile buchen: Privat­abteile im Sitz- und Liegewagen, Schlafwagen oder Schlafwagen Deluxe zur exklusiven Nutzung in Single-, Double- und Triple-Belegung.

Die Ansprüche der Nachtzugpassagiere divergieren stark. „Im Mai 2019 fuhr ich mit meinem Freund im Nachtzug nach Rom“, erzählt Anja S. Für die Studentin ist der Preis ein wichtiges Kriterium: „Hin am Mittwoch im 6er-Liegewagen, denn die Preise sind unter der Woche günstiger“, sagt sie. Zurück fuhr Anja an einem Sonntag im Sitzwagen. „Mit Fremden im Abteil habe ich nur gute Erfahrungen gemacht – das sind meist junge Leute.“

Unterschiedliche Ansprüche

Die Unternehmensberaterin Susanne M. sieht das anders: „Ich bin beruflich viel unterwegs und versuche aus Klimaschutzgründen, das Fliegen zu vermeiden. Wenn es passt, nutze ich daher den Nachtzug, wie zuletzt von Wien nach Bregenz. Ich fahre nur Einzel-Schlafwagen mit Dusche, da ich am Morgen nach der Ankunft arbeitsfähig sein muss. Und im Schlafwagen habe ich echte Bettwäsche. Die Wolldecken im Liegewagen sind unmöglich.“ Und sie plädiert dafür, dass es in Mehrpersonenabteilen nur nach Geschlechtern getrennte Abteile geben sollte – „ein fremder Mann im Abteil ist für mich ein No-Go“.

Hermann N. freut sich über die Angebotserweiterungen: „Fliegen ist für mich auf Distanzen, auf denen es einen Nachtzug gibt, keine Alternative. Das ist für mich eine Qualitätsfrage.“ Zuletzt ist der Geschäftsführer von Wien nach Berlin mit dem Nachtzug gefahren. „Ich reise immer Schlafwagen Single Deluxe oder im Double Deluxe, wenn meine Frau mitfährt, denn ich möchte das Abteil nicht mit Fremden teilen. Und ich will nachts aufs WC gehen, ohne raus auf den Gang zu müssen. Das ist mir die 300 Euro wert – ich spare ja auch Hotelnächte.“ Er vermisse aber Speisewagen in den Nightjets, für angenehmes Zusammensitzen am Abend und komfortables Frühstücken, sagt der sechzigjährige Wiener.

Martin B. fährt mit seiner Familie – Vater, Mutter und drei Kinder – am liebsten mit dem Nachtzug in den Urlaub. „Da ist das ÖBB-Angebot, etwa auch beim Frühstück, top.“ Es sei auch mit den Kindern eine tolle Form zu reisen. „Einmal fuhren wir zusammen im Schlafwagen von Wien nach Berlin. Das haben wir uns geleistet – in zwei Abteilen, einem 2er und einem 3er, mit Verbindungstür. Das war ein Traumerlebnis für die Kinder! So kann man seine Kinder für nachhaltiges Reisen gewinnen“, ist der Familienvater überzeugt. „Auch unsere Reise nach Rom und zurück im 6er-Familienabteil war super!“

Paare können ein eigenes Abteil buchen und so ungestört und autofrei durch Europa reisen.

Die ÖBB, die seit 2016 neben ihren eigenen auch mit von der DB übernommenen Nachtzugwagen unterwegs ist, haben heute eine Schlüsselstellung im europäischen Nachtzuggeschäft. Allerdings ist die Flotte in die Jahre gekommen: Das Durchschnittsalter der Waggons liegt deutlich über 20 Jahren. Ab Ende 2022 werden daher neue Nightjet-Wagen zum Einsatz kommen. Insgesamt 13 neue Züge haben die ÖBB bestellt, jeweils mit zwei Schlafwagen, zwei Liegewagen, zwei Sitzwagen. Es werden Nightjets mit Multifunktionswagen inklusive Rollstuhl-Bereich und Fahrradmitnahme sein, die Liege- und Schlafwagen in der Bauart einer neuen Generation. Im Liegewagen wird es dann nur noch 4er-Abteile geben, außerdem neue „MiniSuites“, das sind kleine Einzel­abteile. Ab diesem Zeitpunkt wollen die ÖBB auch neue Ziele ansteuern.

Neues Start-up für Bahnreisen

Die Nachtzüge der ÖBB sind allerdings längst nicht das einzige Angebot. Doch das muss man erst mal wissen. Aus diesem allgemeinen Service- und Informationsdefizit und seinem Bahn-Knowhow hat der 20-jährige Elias Bohun das Start-up Traivelling gegründet. Er recherchiert und bucht Bahnverbindungen dorthin, wo die normale Bahnauskunft kapituliert. Für dieses Service verrechnet er 20 Prozent vom letztlich gebuchten Angebot. „Europa ist zweigeteilt“, erzählt er, „östlich von Wien ist das Nachtzugangebot gut, im Westen, etwa Frankreich, Spanien, gibt es wenig.“ Es fehle ein europaweites Konzept. Weltweit sei Russland führend und habe die tollsten Nachtzüge – bis nach China oder Kasachs­tan. Den ÖBB streut er Rosen: „Ohne Nachtzüge sind Long-Distance-­Bahnreisen – über 1 000 Kilometer  – nicht möglich. Ohne die ÖBB, ihr Netz und ihren Partner wäre es nicht mehr möglich, Langstrecken durch Europa mit dem Zug zu fahren, da viele Züge an diese Nachtzüge anknüpfen. Dann müsste man immer dazwischen irgendwo übernachten.“ Geheimtipps? Er schätzt den direkten Nachtzug bzw. Kurswagen von Wien über Budapest nach Lviv/Lemberg und Kiew. Und persönlich liebt er die Möglichkeit Wien – Rom und weiter Rom  – Palermo: zwei Nachzüge mit einem Tag in Rom dazwischen.

Christian Höller

Reiseinfos Nachtzüge

Ausführliche Informationen über das ÖBB-Angebot: www.nightjet.com

Der Alpen-Sylt-Express: www.nachtexpress.de

Bahnagenturen helfen bei der Reiseplanung:

Bahnagentur Gleisnost: www.gleisnost.de

Kopfbahnhof: www.kopfbahnhof.info

Bahndestinationen weltweit: Traivelling, www.traivelling.com

Das im fairkehr-Verlag erscheinende Reisemagazin Anderswo hat zu allen europäischen Reisezielen Karten erstellt, auf denen alle Bahn- und Fährverbindungen eingetragen sind:
www.wirsindanderswo.de/anreise

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