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Reise 4/2020

Stand-up-Paddling

Auf die Bretter, fertig, los!

Auf dem Paddelboard stehend die Langsamkeit entdecken

Ohne Körperspannung läuft beim Stand-up-Paddeln nichts, lernte fairkehr-Volontärin Katharina Baum.

Ich knie auf einem Board mitten im Wasser. Mein Paddel liegt quer vor mir, mit beiden Händen stütze ich mich darauf ab. Vorsichtig stelle ich den rechten Fuß auf, atme noch einmal tief durch. Dann drücke ich mich hoch, Paddel in der Hand – das Board unter mir schaukelt bedenklich und ich gleich mit. Während ich versuche, die Schaukelbewegungen auszugleichen und irgendwie das Gleichgewicht zu bewahren, richte ich mich weiter auf. Und dann, endlich, habe ich es geschafft: Ich stehe zum ersten Mal auf dem Paddelboard!

Es ist ein heißer Nachmittag im August, als wir uns zu dritt unter der Bonner Kennedybrücke treffen, um gemeinsam zum Mondorfer Hafen zu radeln. Dort sind wir mit Olaf Schwarz verabredet, Referent beim Stadtsportbund Bonn und SUP-Trainer beim Wassersportverein Blau-Weiß. SUP, das steht für Stand-up-Paddling, also das Paddeln im Stehen. Seit ungefähr zehn Jahren breitet sich diese Sportart aus den USA auch in Deutschland aus und gehört auf vielen Gewässern inzwischen zum Alltag. „Durch den Corona-Lockdown hat SUP nochmal einen richtigen Aufschwung erlebt“, erzählt Olaf Schwarz.

Warum sich so viele Menschen für diese auf den ersten Blick recht langweilig wirkende Sportart begeistern können, wollen wir jetzt genauer wissen. Da hilft nur eins: Wir müssen selbst aufs Brett. „Ich habe heute drei Boards mitgebracht. Ein etwas längeres, schmaleres, das nehme ich. Und zwei kürzere Bretter für euch, die stabiler im Wasser liegen.“ Schwarz gibt uns eine kurze Einweisung, stellt die Paddel auf unsere Größe ein, und schon geht es los – zum Glück erstmal auf Knien.

Beugen, ziehen, strecken

Sitzen, knien, aufstehen: Stand-up-Paddling ist echtes Ganzkörpertraining.

Wir lassen uns von der Strömung in das kleine Hafenbecken treiben und helfen mit dem Paddel ein wenig nach. Das Board reagiert schnell und wackelt bisher gar nicht so sehr, wie ich befürchtet hatte. Auf deutschen Wasserstraßen und auch hier im Hafen gilt das Rechtsfahrgebot, auch für uns Paddler. „Achtet darauf, immer eine Paddellänge Abstand zum Ufer zu halten. Falls ihr mal reinfallt, ist die Verletzungsgefahr sonst zu groß“, ruft uns Olaf Schwarz zu.

Nächste Übung: sich auf dem Board hinsetzen. Dadurch sollen wir merken, dass die Bretter wirklich stabil im Wasser liegen und nicht schnell kentern. Wir lassen die Beine baumeln und das Wasser kühlt nicht nur meine Füße, sondern auch meine Nerven. Dann kommt der große Moment: Wir knien uns wieder hin und sollen jetzt aufstehen. „Erst einen Fuß aufstellen und dann zügig hochkommen“, sagt Olaf Schwarz und macht es vor. Sieht gar nicht schwer aus. Und tatsächlich, obwohl unsere Boards bei dieser Bewegung stärker ins Schaukeln geraten, schaffen wir es, uns hinzustellen, ohne ins Wasser zu fallen.

 „Haltet das Paddel ins Wasser, dann steht ihr gleich etwas stabiler“, rät uns der SUP-Trainer. Und dann üben wir die typische Paddelbewegung: Paddel weit vorn am Board eintauchen, dabei Knie beugen. Während das Paddel nach hinten gezogen wird, langsam die Knie wieder strecken. Schnell merken wir: Stand-up-Paddling ist echtes Ganzkörpertraining.

Eine Weile üben wir das Hinknien, Aufstehen, Vorwärtspaddeln, Bremsen und Wenden. Im geschützten Hafenbecken ist das mit dem Gleichgewichthalten gar nicht so schwer. „Das Schöne am Stand-up-Paddeln ist das schnelle Erfolgserlebnis. Die meisten Anfänger stehen schon nach wenigen Übungsstunden relativ sicher auf dem Brett“, erzählt Olaf Schwarz. Und weil er findet, dass wir uns schon ganz ordentlich machen, paddeln wir zum Abschluss aus dem Mondorfer Hafen hinaus auf den Rhein.

Obwohl wir dicht am Ufer bleiben, spürt man den Einfluss von Wellen und Strömung sofort. Ich muss mich konzentrieren, um die stärkeren Bewegungen meines Boards auszubalancieren. Trotzdem bin ich erstaunt, wie einfach es ist, stehen zu bleiben. Olaf Schwarz und die anderen SUPler vom Wassersportverein Blau-Weiß paddeln regelmäßig auf dem Rhein, auch für längere Touren. Gefährlich sei das nicht, meint Schwarz. „Das Board ist mit einer Leine am Paddler festgemacht. Sollte man ins Wasser fallen, kann das Board nicht abgetrieben werden und man kann sich daran festhalten.“ Anfänger müssen zuerst auf ruhigeren Gewässern üben, so wie wir im Mondorfer Hafen. „Nur wer wirklich sicher auf dem Brett steht und alle Manöver beherrscht, darf mit uns auf dem Rhein paddeln.“

Auf großer Fahrt

Bloß nicht wackeln! Auch fairkehr-Redakteur Benjamin Kühne stand zum ersten Mal auf dem Brett.

Neben wöchentlich stattfindenden kurzen Touren auf dem Rhein planen Olaf Schwarz und seine Vereinskollegen auch immer wieder längere Ausflüge. Vor wenigen Wochen sind sie mit einer Gruppe nach Köln gepaddelt, immerhin 30 Kilometer. „Da waren wir vier Stunden unterwegs, ganz gemütlich und mit Pause“, erzählt Schwarz. Ein Stand-up-Paddler fährt im Schnitt vier bis fünf Stundenkilometer, auf der Strecke von Bonn nach Köln kommt noch die Fließgeschwindigkeit des Rheins dazu. „Wenn man sich anstrengt, schafft man auch mal sieben Kilometer pro Stunde, aber das lohnt sich eigentlich nicht. Die meisten paddeln lieber gemütlich und entdecken die Langsamkeit“, lacht Olaf Schwarz.

Das Praktische an längeren Touren auf dem Stand-up-Paddelboard: Man braucht nicht unbedingt ein großes Auto für den Transport, denn über 90 Prozent der verkauften Bretter sind aufblasbar. Leer lassen sie sich auf Handkoffergröße zusammenrollen. Ein Rucksack, in dem das Board und das benötigte Zubehör samt Paddel verstaut werden können, ist meistens gleich mit dabei. So lässt sich die gesamte Ausrüstung bequem mit dem Zug oder auch mit dem (Lasten-) Fahrrad transportieren.

Eine Einsteigerausrüstung bekomme man ab ungefähr 250 Euro, schätzt Olaf Schwarz.  Die Beliebtheit des Sports erklärt er sich mit verschiedenen Faktoren: „SUP ist nicht schwer zu lernen. Man braucht nur ein Board und ein kleines bisschen Übung. Außerdem ist es zwar ein entspannter, aber trotzdem ein Sport. Man trainiert den ganzen Körper.“ Natürlich spielt auch das Wetter eine Rolle: „Im Sommer zieht es die Menschen aufs Wasser. Die Boards lassen sich leichter transportieren und platzsparender verstauen als zum Beispiel ein Kanu. Und inzwischen kann man sie an vielen Orten auch schon ausleihen. Man muss kein Mitglied in einem Verein sein, um Stand-up-Paddling machen zu können.“

Risiken nicht unterschätzen

SUP-Trainer Olaf Schwarz paddelt vorweg und die fairkehr-Redaktion hinterher: Auf Knien geht es zurück vom Rhein ins Mondorfer Hafenbecken.

Besonders Letzteres führt allerdings immer wieder zu Problemen. Unwissende Paddler dringen in Naturschutzgebiete ein, die sie eigentlich nicht befahren dürfen. Andere unterschätzen Strömung oder Wind, werden abgetrieben und müssen gerettet werden. Bevor man aufs Board steigt, sollte man sich daher immer nach den örtlichen Regeln und nach der Wettervorhersage erkundigen. Da die Zahl der SUPler in den letzten Jahren stark gestiegen ist, kommt es auch immer wieder zu Konflikten mit anderen Wassersportlern. „Wir sind langsam und noch relativ neu, also stehen wir am Ende der Nahrungskette“, sagt Olaf Schwarz und lacht dabei. „Kanuten, Ruderer, Segler, Motorbootfahrer, alle sind sich einig, dass wir stören.“

Am Mondorfer Hafen dagegen ist alles friedlich. Wir warten, bis die Rheinfähre sicher am gegenüberliegenden Ufer festgemacht hat, und legen dann an. Verschwitzt und ein bisschen erschöpft, aber auch sehr glücklich und entspannt nach einer Stunde auf dem Stand-up-Paddelboard. Und da keiner von uns ins Wasser gefallen ist, halten wir auf dem Rückweg noch an der Siegmündung und holen uns die wohlverdiente Abkühlung.

Katharina Baum

fairkehr 4/2020