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Editorial 4/2020

Klima-Krise nicht vergessen

Wir müssen handeln

Uta Linnert, Chefredakteurin

Zwei Freunde schwärmten kürzlich von ihrem Kurztrip nach Spitzbergen im letzten Jahr. Longyearbyen, die nördlichste Stadt der Welt, sei von Oslo aus einfach mit dem Flugzeug zu erreichen. Warum zieht es Menschen in diesen abgelegenen Ort inmitten des Polarmeeres? Die Antwort ist einfach: Die beiden Familienväter wollten zusammen mit ihren Töchtern Eisbären sehen.

Es steht nicht gut um die Eisbären, das ist lange bekannt. Die Klimabewegung zeigt sie seit Jahren als mahnendes Symbol für die von der weltweiten Erwärmung bedrohten Tierarten. Das Ökosystem der Eisbären verändert sich derart rapide, dass den Tieren kaum Zeit bleibt, sich anzupassen. Denn die  Arktis erwärmt sich doppelt so schnell wie der Rest des Planeten. In diesem Sommer meldete Spitzbergen einen Hitzerekord von über 21 Grad. Normalerweise ist es auf der Inselgruppe im Juli gerade einmal fünf bis acht Grad warm.

So schmilzt den coolen Bären das Packeis zum Robbenjagen unter den Tatzen weg. Viele Tiere stranden deshalb auf dem Festland, wo sie allerdings deutlich weniger Beute finden – die hungrigen Eisbären müssen von ihren Fettreserven zehren, was sie zunehmend entkräftet. Eine kürzlich  veröffentlichte Studie hat Untersuchungen angestellt, wonach die Eisbären bereits Ende des Jahrhunderts ausgestorben sein könnten, sollte es mit dem ungebremsten Anstieg der Treibhausgas-Emissionen so weitergehen.

Bereits die jetzige Erwärmung hat zu einer rapiden Eisschmelze geführt. Im Pariser Klimaschutzabkommen haben die Staaten der Welt eine Begrenzung auf deutlich unter zwei Grad verabredet. Dass das klappt, ist kaum noch realistisch. Auch in Deutschland ist dieses Ziel in weite Ferne gerückt.

Doch selbst die Städte hierzulande kapieren es nicht. Beispiel Bonn: Die Stadt gehört zu den heißesten deutschen Städten und hat den Klimanotstand ausgerufen. Trotzdem stimmte der Stadtrat einem gigantischen Ausbau der Autobahn mitten durch die Stadt zu, will Wohnblocks in Frischluftschneisen bauen und verheddert sich in würde­losem Streit um jede neue Radspur.

Doch es reicht nicht, die Verantwortung nur auf die Politik zu schieben. Wir befinden uns mitten in der Klimakrise und müssen selbst etwas tun: Engagieren wir uns im VCD vor Ort, treten wir in Bürger­initiativen ein, gehen wir mit der Jugend demonstrieren, sammeln wir Unterschriften für die Radentscheide, zeigen wir unseren Kommunalpolitiker*innen, wem die Städte und Gemeinden gehören.

Auch beim Reisen gibt es Hoffnung, dass Veränderung möglich ist. Covid-19 hat Kurztrips in die Ferne gestoppt und dem Fliegen und Herumfahren plötzlich Grenzen gesetzt. Die Menschen haben die Nähe entdeckt. Gerade erzählte eine Bekannte aus dem Freundeskreis der Eisbär-Touristen begeistert von ihrem diesjährigen Sommerurlaub mit den Kindern auf einem Eifeler Bauernhof: So viel Natur, klare Seen, wilde Tiere – das hätte sie der Eifel gar nicht zugetraut.

Einen schönen Spätsommer wünscht Ihnen die Redaktion fairkehr  – und denken Sie gelegentlich an die Zerbrechlich­keit des Planeten und die aussterbenden Eisbären: Denn wenn ihr Schicksal wahr wird, ist es für immer.

Ihre

Uta Linnert,
Chefredakteurin

fairkehr 4/2020