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Rettet den ÖPNV

Geisterbahn

Busse und Bahnen gelten als Rückgrat grüner Mobilität. In Corona-Zeiten jedoch fahren sie fast leer durchs Land. Wie lange hält der öffentliche Nahverkehr mit so wenigen Fahrgästen durch?

"Wir brauchen nach Corona einen ÖPNV, der die Verkehrswende vorantreibt", sagt Philipp Kosok,VCD-Sprecher für Bahn, ÖPNV und Multimodalität

So sehr das Fahrrad in der Corona-Krise als Verkehrsmittel erster Wahl gewinnt, so sehr verliert der ÖPNV. Auf dem Höhepunkt des Lockdowns verzeichneten die deutschen Nahverkehrsunternehmen im Durchschnitt zwei Drittel, teilweise sogar bis zu 90 Prozent weniger Fahrgäste. Auch ihr Anteil am Modal Split hat sich verschlechtert (siehe Infografik).

In dieser Zeit waren nicht nur die Öffis, sondern die Straßen insgesamt leer. Zu Hause bleiben war das Gebot der Stunde; Pendler- und Schülerverkehre fielen fast vollständig aus. Wer trotzdem fahren musste, mied, wenn möglich, Bus und Bahn aus Angst, sich anzustecken.

Seit Ende April gilt in allen Bundesländern eine Maskenpflicht im ÖPNV. Philipp Kosok, VCD-Sprecher für Bahn, ÖPNV und Multimodalität, ist überzeugt: „Eine Maske zu tragen ist zwar grundsätzlich nichts Angenehmes, in einigen öffentlichen Räumen wie einem Zugabteil derzeit aber völlig angebracht. Es hilft bei der Eindämmung des Virus. Zusätzlich nimmt es Fahrgästen die Angst vor einer Ansteckung. Ohne Maskenpflicht würden derzeit noch weniger Fahrgäste Busse und Bahnen nutzen.“

Es fehlen fünf Milliarden Euro

Obwohl viel weniger Kundinnen und Kunden mitfahren, halten die Nahverkehrsunternehmen ihr Angebot aufrecht. Einige schränkten vorübergehend ihr Angebot ein, teilweise wurden die Kapazitäten aber auch ausgebaut, zum Beispiel durch längere Züge. Die Unternehmen wollen damit überfüllte Fahrzeuge vermeiden und den Fahrgästen ermöglichen, ausreichend Abstand untereinander zu halten. Die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) hat sich beispielsweise zum Ziel gesetzt, statt der üblichen 800 bis 1000 Passagieren pro U-Bahn nur noch 120 Menschen gleichzeitig in einer Bahn mitzunehmen.

Die Auswirkungen auf die Finanzen der oft ohnehin unterfinanzierten ÖPNV-Unternehmen sind dramatisch. Rund die Hälfte bis drei Viertel der Einnahmen stammen aus dem Ticketverkauf. 2019 waren das bundesweit knapp 13,5 Milliarden Euro. Diese fehlenden Einnahmen reißen ein riesiges Loch. Selbst optimistische Schätzungen gehen davon aus, dass bis Ende 2022 fünf Milliarden Euro fehlen werden. Pessimistische Schätzungen rechnen eher mit zehn Milliarden.

„Der ÖPNV hat bewiesen, dass er auch in Krisenzeiten das System am Laufen hält. Trotz des dramatischen Fahrgastrückgangs haben die meisten Betriebe ihr Angebot aufrechterhalten. Personen, die weiterhin auf Bus und Bahn angewiesen waren, kamen an ihr Ziel. Der Branche darf daraus jetzt kein wirtschaftlicher Schaden entstehen. Bund, Länder und Kommunen müssen das abfangen. Nach der Corona-Pandemie brauchen wir weiterhin einen Nahverkehr, der die Verkehrswende vorantreibt“, sagt VCD-Experte  Philipp Kosok.

Geschehen ist in dieser Hinsicht lange nichts. Erst mit dem Konjunkturpaket vom 4. Juni kam die Bundesregierung der Forderung der Verkehrsminister*innen der Bundesländer nach einem Rettungsschirm für den ÖPNV nach. 2,5 Milliarden Euro sollen vom Bund fließen, die andere Hälfte muss von den Ländern aufgebracht werden. Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann hatte den ÖPNV-Unternehmen in seinem Bundesland bereits am 20. Mai Hilfe in Höhe von 200 Millionen Euro zugesagt. Andere Bundesländer müssen jetzt nachziehen.

Auf in eine flexiblere Zukunft

Der öffentliche Nahverkehr könnte nach Corona anders aussehen, als wir ihn bisher kennen. Das Mobility Institute Berlin (mib) erforscht nachhaltigen Mobilitäts- und Stadtwandel. In einem kürzlich veröffentlichten Handlungsleitfaden für den ÖPNV geht das mib davon aus, dass die Unternehmen flexibler werden müssen, zum Beispiel in der Preisgestaltung. Durch die Pandemie mit womöglich weiteren Infektionswellen würden Abo-Modelle für die Kund*innen unattraktiv. Das Forschungsteam des mib empfiehlt stattdessen zum Beispiel Modelle, bei denen man nur bezahlt, wenn man fährt, in Kombination mit Preisobergrenzen. Nicht nur bei den Bezahlsystemen müssten die Chancen der Digitalisierung mehr genutzt werden. Durch Echtzeit-Fahrtenanalysen könnten die Unternehmen ihre Fahrpläne optimal anpassen oder sogar ÖPNV-Nutzer*innen durch Push-Nachrichten über überfüllte Bahnsteige informieren, damit diese auf eine andere Route oder Fahrtzeit ausweichen können.

Auch in der Multimodalität sehen die Forscher*innen des mib großes Potenzial, um die Verkehrsunternehmen in Zukunft attraktiver zu gestalten. Die Zusammenarbeit mit verschiedenen Sharing-Diensten würde den ÖPNV-Kundinnen und -Kunden die nötige Flexibilität bieten.

Besonders wichtig aber ist es, dass die Unternehmen das Vertrauen ihrer Fahrgäste zurückgewinnen. Nur so kann sich der Anteil des ÖPNV am Modal Split langfristig erholen. Philipp Kosok sagt: „Die Hygienemaßnahmen haben stark zugenommen. Damit senden die Verkehrsunternehmen ein wichtiges Signal an ihre Fahrgäste. Die Fahrzeuge werden häufiger gereinigt und an vielen Bahnhöfen findet man jetzt Desinfektionsmittel-Spender. Vieles davon wird Corona überdauern. Hygiene im öffentlichen Raum hat in der Gesellschaft jetzt einen höheren Stellenwert.“

Katharina Baum

fairkehr 3/2020