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Interview mit Aktivistin Lili Braun

„Corona ist ein Weckruf“

Die Corona-Krise zwang die junge Klimaschutzbewegung Fridays for Future ihre großen Demos abzusagen. Der Protest geht online weiter. Die Aktivistin Lili Braun erklärt, wie es läuft.

Vor dem Reichstagsgebäude in Berlin hatte Fridays for Future im April 10 000 Plakate ausgelegt. Die Aktion war Herzstück einer Online-Demo, die im Videostream viele coronasichere Protestformen gebündelt hat.

fairkehr: Fridays for Future hat am 24. April den Protest mit einer großen Online-Demo wieder aufgenommen. Wie ist die Stimmung in der Corona-Pause?

Lili Braun: Wie in anderen Bereichen auch gab es natürlich einen kleinen Knick. Um niemanden zu gefährden und aus Solidarität, gerade auch den Risikogruppen gegenüber, mussten wir die großen Massenaktionen absagen. Dann haben wir verschiedene Konzepte erarbeitet und Aktionen ins Leben gerufen, wie zum Beispiel die Plakataktion vor dem Bundestag. Menschen aus ganz Deutschland, vor allem aus Berlin, haben uns 10 000 Plakate geschickt, die wir auf der Wiese vor dem Gebäude stellvertretend für sie ausgelegt haben. Wir waren sehr happy damit, weil es eine partizipative Sache und ein super Zeichen war. Für viele Menschen bleibt das Klima ein wichtiges Thema.

Welche Parallelen sehen Sie zwischen der Klima- und der Corona-Krise?

Die Klimakrise ist die größte globale humanitäre Krise, die auf uns zukommen wird. Die Corona-Pandemie zeigt, wie fragil unser System ist und wie wenig wir vor solchen großen Krisen geschützt sind. Es gibt viele Parallelen. Beispielsweise, dass die Politik jahrelang nicht auf die Wissenschaft gehört und sie ignoriert hat. Man hätte sowohl gegen Pandemien als auch gegen die Klimaerwärmung mehr Schutz- und Vorsorgemaßnahmen treffen müssen. Zudem verschärfen sich in beiden Krisen soziale Probleme massiv. Menschen die es schwer haben, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, oder Menschen, die aus strukturellen, rassistischen oder sexistischen Gründen benachteiligt sind, treffen beide Krisen härter. Das kann man heute schon in Ländern beobachten, in denen sich die Klimaerwärmung stärker auswirkt.

Haben Sie Hoffnung, dass die Politik zukünftig Empfehlungen der Klimaforscher*innen besser umsetzt – so, wie sie es aktuell bei den Ratschlägen der Virolog*innen macht?

Ja, ich hoffe schon. Die Situation, in der wir uns gerade befinden, ist ein Weckruf. Die Corona-Pandemie zeigt, dass man in existenziellen Krisen nicht mithilfe irgendeiner Agenda oder nach wirtschaftlichen Interessen Politik machen kann, sondern darauf hören muss, was Wissenschaftler*innen und Expert*innen zu sagen haben.

Die Bundesregierung will die Wirtschaft mit Milliardeninvestitionen wieder in Schwung bringen. Die Autoindustrie fordert besonders laut Fördergelder vom Staat. Was halten Sie davon?

Bereits die Abwrackprämie in der Wirtschaftskrise von 2009 hat gezeigt, dass eine Kaufprämie für Autos keine zielführende Maßnahme ist. Klimapolitisch wäre eine Neuauflage eine Katastrophe. Wenn ausgerechnet die Autoindustrie eine Sonderbehandlung bekäme, wäre das sozial ungerecht gegenüber kleineren Betrieben und somit schwer nachzuvollziehen.

Lili Braun engagiert sich bei Fridays for Future in Leipzig. Die 20-jährige Soziologiestudentin stammt ursprünglich aus Köln und war zuvor in der dortigen Ortsgruppe aktiv.

Die Corona-Krise hat der Wirtschaft stark geschadet. Der Mobilitätssektor ist besonders hart betroffen. Wie würden Sie die Wirtschaft wieder ankurbeln?

Wir müssen schauen, wo das Geld am dringendsten benötigt wird und wie wir es langfristig sinnvoll und nachhaltig investieren können. Beispielsweise in öffentliche Verkehrsmittel oder in den Ausbau von Fahrradwegen. Warum investiert der Staat nicht viel mehr Geld in den ÖPNV und macht diesen sozial gerechter, beispielsweise durch 365-Euro-Tickets wie in Wien? Das sind zwar kommunale Aufgaben, aber vom Bund müssen da Gelder fließen. Auf der anderen Seite ist da natürlich der Energiesektor. Gerade ist Datteln 4, Europas größtes Kohlekraftwerk, ans Netz gegangen. Es könnte in seiner Laufzeit bis zu 200 Millionen Tonnen CO2 ausstoßen. 40 Prozent des produzierten Stroms kauft die Deutsche Bahn. Das darf nicht sein. Stattdessen müssen wir den Ausbau von sauberer Wind- und Solarenergie voranbringen. Die Energiewende ist ein Riesending, gerade im Hinblick auf E-Mobilität, die Bestandteil des Mobilitätsmix sein wird. Dass es nicht ganz ohne Autos geht, ist uns klar. Niemand von uns fordert, dass in Zukunft alles mit dem Fahrrad transportiert wird.

Und über den Mobilitäts- und Energiesektor hinausgedacht?

Es stellt sich natürlich generell die Frage: Wie wollen wir in Zukunft leben und wirtschaften? Jetzt, wo die Menschen in ihrem Konsum gehemmt sind, ist ein guter Zeitpunkt zu überlegen, was wir wirklich brauchen und welche Alternativen es zur wachstumsorientierten Wirtschaft gibt.

Wie geht es mit Fridays for Future weiter? Haben Sie sich schon Gedanken gemacht, wie ihre Aktionen in Zukunft aussehen sollen?

Ja, natürlich. Wir machen seit ein paar Wochen jeden Freitag die Aktion #NetzstreikFürsKlima. Hier geht es vor allem darum, den wöchentlichen Streik weiterzuführen, um das Klima-Thema online weiter präsent zu halten und auch weiterhin im Diskurs zu bleiben. Wir haben auch eine ganz tolle Webinar-Reihe mit Expert*innen und Wissenschaftler*innen, die man sich bei Youtube anschauen kann. Dabei geht es um Themen, die noch nicht so richtig in der medialen und gesellschaftlichen Wahrnehmung angekommen sind, etwa um Klimagerechtigkeit, Postwachstum oder den Zusammenhang von Klimakrise und Feminismus. Außerdem wollen wir den gesellschaftlichen Diskurs darüber anregen, wie wir in Zukunft leben und wirtschaften wollen. Das sind die beiden großen Fragen, die uns in den nächsten Monaten noch beschäftigen werden.

Interview: Benjamin Kühne

#NetzstreikFürsKlima

Am 24. April hat Fridays for Future mit dem #NetzstreikFürsKlima seine erste große Online-Demo veranstaltet. Im Videostream hat die Initiative zahlreiche kleine und große Aktionen von Ortsgruppen aus ganz Deutschland anmoderiert und übertragen. Viele Promis wie Dr. Eckart von Hirschhausen, Katja Riemann und die Lochis haben den Protest mit Videobotschaften unterstützt. Die Musiker Clueso und Bosse steuerten via Livestream aus den eigenen vier Wänden Songs bei. Auf dem Fridays-for-Furture-Youtube-Kanal haben sich bislang über 140 000 Menschen den Online-Protest angeschaut.

Infos zu geplanten Aktionen von #NetzstreikFürsKlima

fairkehr 3/2020