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Politik 3/2020

RidePooling

Ioki, Moia und Co im Test

Gegenwärtig laufen mehrere Pilotversuche von RidePooling-Anbietern. Sie bieten ihren Fahrservice per App an. Stärken oder schwächen sie den Umweltverbund?

RidePooling-Anbieter bündeln im optimalen Fall die Fahrten mehrerer Personen, die ein ähnliches Ziel haben. Ein IT-Algorithmus im Fahrzeug bestimmt die Route.

Wer Hamburgs Stadtteil Lurup mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen will, musste bis vor kurzem den Bus nehmen. Inzwischen gibt es auch die Möglichkeit, sich von einer nahegelegenen S-Bahn-Haltestelle per Anruf-Sammeltaxi nach Hause bringen zu lassen. Einen Euro Aufschlag kostet die über eine App zu buchende Fahrt. Die weißen Elektroautos sind Tag und Nacht in Lurup unterwegs und verfügen über eine Linienbuskonzession. Betreiber ist ioki, ein Tochterunternehmen der Deutschen Bahn. Ähnlich funktioniert der Hopper im Kreis Offenbach.

Derzeit laufen in Deutschland mehrere Pilotversuche mit Anrufsammeltaxis. „Es ist sinnvoll, den Umweltverbund zu ergänzen, wo er Schwächen hat“, sagt VCD-Sprecher Philipp Kosok. Vor allem nachts und in Randbezirken ist das ÖPNV-Angebot meist dünn. Wird es einfach, alle Wege ohne eigenes Auto zu bewältigen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen ihren Pkw abschaffen.

Doch in Hannover und Hamburg kurven die Kleinbusse gegenwärtig vor allem in den Zentren herum. Die noblen Karossen mit getönten Scheiben und eleganter Innenausstattung lassen sich einfach übers Smartphone ordern. Auch der zu erwartende Fahrpreis wird im Vorfeld mitgeteilt. Betrieben werden sie von dem VW-Tochterunternehmen Moia. Beobachter bezweifeln, dass auf den Wegen häufig mehrere Kunden eingesammelt werden. Belegen lässt sich das nicht: Die Daten sind Geschäftsgeheimnis. Allerdings bezweifelt niemand, dass das Moia-Angebot bisher ein enormes Zuschussgeschäft ist. Doch jetzt werden die Weichen auf dem neuen Markt gestellt – und da wollen die Autokonzerne mitbestimmen. Entscheidend ist, wer über die Programmierung der Algorithmen bestimmt. Geht es darum, die Wünsche einer zahlungskräftigen Klientel zu erfüllen – oder soll das Angebot den Anschluss zur U-Bahn optimieren?

Sinnvoll als Ergänzung zum ÖV

In Berlin ist seit fast zwei Jahren der Ridesharing-Service Berlkönig im östlichen Innenstadtbereich unterwegs. Er fährt unter dem Dach der Berliner Verkehrsbetriebe und ist auch in die App Jelbi integriert, die sämtliche Angebote von Bus über Roller und Carsharing bis hin zum Sammeltaxi zeigt. Die Kunden erfahren nicht nur die möglichen Kombinationen und die absehbaren Fahrtzeiten, sondern können auch gleich ein Ticket für den gesamten Weg buchen.

Nachdem der Berlkönig in der Startphase von Daimler und anderen Privatunternehmen finanziert wurde, sollte im April der Senat einspringen – der das ablehnte. Ob der Berlkönig jetzt stirbt, ist nicht ausgemacht: Gegenwärtig wird mit einem neuen Finanzier verhandelt.

Noch fehlt der Rechtsrahmen für die Sammeltaxis. Doch inzwischen laufen Verhandlungen über die Novellierung des Personenbeförderungsgesetzes. Die dort festgelegten Regeln werden darüber entscheiden, ob die neuen Angebote den ÖPNV stärken oder schwächen.

Philipp Kosok  vom VCD fordert, dass flexible Fahrdienste immer nur eine Ergänzung zu Bus und Bahn darstellen sollten.

Annette Jensen 

fairkehr 3/2020