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Berlin und Bogotá gehen voran

Radfahren in der Corona-Pandemie

Mobil bleiben mit ausreichend Abstand – Berlin und Bogotá schaffen neue Angebote während der Corona-Pandemie.

Gelbes Band aufkleben, Baken aufstellen – fertig ist die provisorische Radspur.

Quasi über Nacht haben Verkehrs­behörden in Berlin und Bogotá neue Fahrradwege in Fahrbahnbreite auf einigen ihrer Hauptverkehrsstraßen markiert. Rot-weiße Baustellenbaken und gelbe Klebestreifen auf dem Asphalt sichern nun die Radfahrer*innen vor dem schnellen Autoverkehr. Mit den neuen Pop-up-Bike-Lanes wollen die Städte den Menschen das Radfahren während der Corona-Pandemie leicht machen.

Rund 120 Kilometer an vielbefahrenen Hauptstraßen sind es bereits in Bogotá. In Berlin sind es deutlich weniger, aber auch hier soll ihre Zahl noch steigen. „Es gibt weniger Verkehr, also nutzen wir die Möglichkeit, die Verkehrsflächen neu zu verteilen und dem Radverkehr mehr Platz zu verschaffen“, sagt Dorothee Winden, Sprecherin der Berliner Verkehrsverwaltung. 2018 hat die rot-rot-grüne Koalition beschlossen, dass der Umweltverbund langfristig Vorrang vor dem Autoverkehr in der Hauptstadt bekommen soll. Das heißt: Mehr Platz Menschen zu Fuß und auf dem Rad. Die Pandemie beschleunigt jetzt den Umbau der Straße – in der ersten Phase mit zwei Pilotprojekten bis Ende Mai. „In der Corona-Krise ist es gut, mit dem Rad zu fahren, um Ansteckungsrisiken zu vermeiden und sich an der frischen Luft sportlich zu betätigen“, sagt Winden. Die neue Pop-up-Bike-Lane soll außerdem den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) entlasten. 

Lob für die Berliner Verwaltung

In Berlin ist der Autoverkehr spürbar zurückgegangen. Auf einigen Hauptstraßen um bis zu 30 Prozent. Der neue Radstreifen am Halleschen Ufer in Kreuzberg verläuft allerdings auf einer wichtigen Verkehrsader im Bezirk. Drei Fahrspuren führen in jede Richtung. Hier waren schon immer viele Fahrradfahrer*innen unterwegs. Bislang hatten sie nur wenig oder gar keinen eigenen Platz auf der Fahrbahn. Für Ragnhild Sorensen, Sprecherin von Changing Cities, den Mitinitiatoren des Mobilitätsgesetzes, kommt die Pop-up-Bike-Lane deshalb genau zum richtigen Zeitpunkt. „Jetzt sehen die Leute vielleicht nicht den Bedarf, weil es so leer auf den Straßen ist, aber Ende April wird es auf den Radwegen richtig voll werden“, sagt sie.

Die Radaktivistin lobt die Berliner Ver­kehrsverwaltung selten. Jetzt sagt sie: „Es ist toll, dass die Behörde so schnell reagiert hat und die Radspur und eine Aufstellfläche konsequent umgesetzt wurden.“ Allerdings mahnt sie, dass dieser Streckenabschnitt allein nicht ausreiche, um den ÖPNV tatsächlich zu entlasten. Dafür müssten weitere Bezirke nachziehen. Die Aussichten dafür sind gut. Der Bezirk Tempelhof-Schöneberg hat bereits eine weitere Pop-up-Bike-Lane als Pilotprojekt beantragt. Die Verwaltung hofft auf weitere Nachahmer.

„Die neuen Radwege sind analog zu Baustellenmarkierungen provisorisch angelegt und deshalb leichter umsetzbar als dauerhafte Maßnahmen“, sagt Tilman Bracher, Verkehrsforscher und Leiter des Forschungsbereichs Mobilität beim Deutschen Institut für Urbanistik (Difu). Das Know-how und das Personal seien vorhanden. Der Wissenschaftler, der Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des VCD ist, fordert für die aktuelle Ausnahmesituation neue Strategien in der Verkehrsplanung. „Jetzt ist die Zeit, um unsere bisherigen Vorstellungen zu überprüfen, neu zu bewerten und den Platz anders zu verteilen“, sagt er. „Auch den Radfahrern muss das Abstandhalten ermöglicht werden – beim Fahren wie beim Halten. Die neuen Abstandsregeln werden uns sicherlich Monate begleiten, wenn nicht gar Jahre.“ Deshalb sei es jetzt notwendig, Radfahrer*innen nicht auf engen Radspuren zusammenzu­drücken. Berlins Strategie sei vorbildlich – der provisorische Radweg ein Leuchtturmprojekt, das Städte wie Hamburg und Frankfurt kopieren können. 

In Hamburg, München oder Köln sehen die Verantwortlichen dafür aber bislang keine Notwendigkeit. Im Gegenteil. Die Sprecher der Verkehrsbehörden erklären, dass jeglicher Verkehr ­– auch der Radverkehr – massiv zurückgegangen sei. Eine Ausweitung des Radwege­angebots sei deshalb überflüssig. In Hamburg werde das Fahrradnetz ohnehin seit Jahren ausgebaut, erklärte der dortige Sprecher. Gleichzeitig reduzieren die Verkehrsbehörden nun vielerorts das ÖPNV-Angebot. 

Neue Wege gehen

Ausprobieren, abwägen, anpassen – die aktuelle Ausnahmesituation fordert die Verkehrsbehörden und verlangt nach schnellen Lösungen für die sich ständig ändernden Situationen. Bracher mahnt, die Fußgänger*innen nicht zu vergessen. Auf den schmalen Gehwegen könnten die Menschen die notwendigen Abstände nicht einhalten. Viele wichen deshalb auf die Fahrbahn aus. Das funktioniere momentan auf Grund der Kontaktsperre und weil viele Menschen im Homeoffice arbeiteten. „Wenn der Verkehr sich wieder normalisiert, müssen Lösungen gefunden werden“, sagt er. Die Fußgänger*innen brauchten verkehrsberuhigte Straßen in jedem Quartier.

Vielleicht wird Berlin auch hier Vorreiter und markiert neben weiteren provisorischen Radwegen auch autofreie Zonen in Wohngebieten. Die Verkehrssenatorin Regine Günther will das Gehen in ihrer Stadt mit barrierefreien öffentlichen Plätzen, längeren Grünphasen an Ampeln und mehr Sicherheit an Kreuzungen sowieso attraktiver machen. „Wir müssen umdenken und neue Wege gehen“, sagt Dorothee Winden. Berlin ist schon mal losmarschiert. Dort sind auch die Fahrradgeschäfte geöffnet. Damit sich alle mit dem versorgen können, was sie im Alltag zum Radfahren brauchen.

Andrea Reidl 

Der Verein Changing Cities hat eine Petition für #faireStraßen gestartet, um während der Corona-Pandemie Menschen zu Fuß und auf dem Rad klimafreundliche Mobilität zu erleichtern.

fairkehr 2/2020