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Interview: Radverkehrsbeauftragte Claudia Bierbaum

„Mehr Personal für den Radverkehr!“

Fahrradbeauftragte Claudia Bierbaum spricht über ihren Arbeitsalltag zwischen Radnetzlücken und langen Abstimmungswegen.

Auch Teile des idyllischen Bodenseeradwegs liegen im Zuständigkeitsgebiet der Fahrradbeauftragten.

fairkehr: Wie kamen Sie dazu, Fahrradbeauftragte zu werden?

Claudia Bierbaum: Ich möchte im Bereich Umweltschutz und Nachhaltigkeit etwas bewegen. Die Verwaltungsarbeit kann hier eine Möglichkeit bieten, um menschenfreundliche und nachhaltige Strukturen mitzugestalten, wie beispielsweise als Radverkehrskoordinatorin im schönen Landkreis Konstanz. Das Thema nachhaltige Mobilität bewegt mich auch im Privaten im wahrsten Sinne des Wortes schon lange – als Fahrradbeauftragte versuche ich, persönliche Mobilität und Engagement zu kombinieren. Gerade beim Radverkehr finde ich die soziale Teilhabe sehr wichtig: Jeder und jede kann sich aufs Fahrrad schwingen und einen Weg mit dem Rad zurücklegen. Zu meiner Arbeit als Fahrradbeauftragte gehört es weiter, interdisziplinär zu denken. Das ist sehr spannend.

Was sind Ihre Aufgaben als Fahrradbeauftragte?

Das Aufgabenfeld ist sehr breit. Aktuell arbeite ich zum Beispiel an einer Machbarkeitsstudie für eine potenzielle Radschnellverbindung. Auch die Etablierung der Radkultur gehört zu meinen Aufgaben. Der Fokus liegt aber in der Umsetzung von Maßnahmen des Radwegekonzeptes des Landkreises Konstanz, damit die bestehenden Netzlücken geschlossen werden. Radwege müssen geplant und gebaut werden. Unser Landratsamt ist als Baulastträger allerdings nur für Radwege an Kreisstraßen zuständig. Radverkehrsanlagen an anderen Straßen werden jeweils entsprechend der Zuständigkeit vom Regierungspräsidium oder unseren Kommunen bearbeitet. Die Koordinierung dessen ist ein großer Teil meiner Arbeit, egal ob es beispielsweise Baumaßnahmen oder Beschilderungen betrifft.

Welche Schwierigkeiten ergeben sich dabei für Sie?

Es mangelt oft an personellen Kapazitäten. Gleichzeitig finden sich für vakante Stellen keine geeigneten Bewerber. Es gibt einfach nicht genügend Fachkräfte. Die Kommunen und Landkreise stehen in einer Konkurrenzsituation bei der Suche nach geeigneten Planern. Und die direkte Nähe zur Schweiz sorgt dafür, dass Fachkräfte ins Nachbarland abwandern. Ich bin zurzeit mit Organisation und Koordination der Radwegeplanung voll ausgelastet. Für die eigentliche Planungsarbeit habe ich kaum Zeit. Auf kommunaler Ebene fehlen teilweise auch die Haushaltsmittel für das notwendige Personal. Darum kommunizieren wir Fahrradbeauftragten gegenüber dem Land Baden-Württemberg immer wieder, dass es für mehr Radverkehr auch mehr Personalstellen braucht, um auf Kreisebene Kommunen unterstützen zu können.

Wie sieht es mit der Finanzierung der Baumaßnahmen aus?

Der Landkreis hat derzeit nicht das Problem, dass Gelder fehlen, sondern dass diese Haushaltsmittel nicht abgerufen werden können.

Claudia Bierbaum studierte Geowissenschaften und hat einen Ingenieurmaster in Umweltmanagement und Stadtplanung. Seit Herbst 2017 ist sie die Fahrradbeauftragte des Landkreises Konstanz.

Weil personelle Kapazitäten fehlen?

Ja, das zum einen. Zum anderen, weil hinter der Umsetzung von Maßnahmen wie Radwegeneubau oder -beschilderung Abstimmungswege liegen, welche oft komplexer sind, als man auf den ersten Blick vermutet. Alle Maßnahmen müssen mit der Straßenverkehrsbehörde und der Polizei abgestimmt werden. Diese entscheiden dann vor Ort, ob die Maßnahme umgesetzt werden kann oder nicht. Die Behörden richten sich dabei nach geltenden Gesetzen und der Straßenverkehrsordnung. Ich als Radverkehrsbeauftragte kann hier nur eine Argumentation für die Umsetzung einer Maßnahme bieten. Die demokratischen Prozesse erfordern, alle Beteiligten miteinzubeziehen, anzuhören, abzustimmen und dann erst Maßnahmen umzusetzen. Das ist sehr wichtig und richtig. Die Bürgerinnen und Bürger müssen aber wissen, dass diese Abstimmungsprozesse langwierig sind und oft zu Verzögerungen führen. Das ist nicht nur bei uns im Landkreis so, davon berichten alle Kollegen im Land.

Neben dem Abstimmungsprozess gibt es bei baulichen Maßnahmen auch noch einen umfangreichen Planungs- und Baurechtsprozess. Zusammen mit der Ausschreibungs- und Bauphase kann so ein Radwegeneubau schnell fünf Jahre dauern. Nach außen wirkt es dann so, als würde nichts passieren.

Wie gehen Sie damit um?

Wir versuchen verstärkt, die Bürgerinnen und Bürger aufzuklären und unsere Arbeit transparent zu machen, indem wir die Komplexität der Verfahren aufzeigen.  Die Akzeptanz aus der Bevölkerung ist für meine Arbeit sehr wichtig.

Was wünschen Sie sich für Ihre Arbeit?

Ich habe mich für diesen Beruf entschieden, um einen Beitrag zur Verbesserung der nachhaltigen Mobilität zu leisten. Damit im Alltag und in der Freizeit auf sicheren Radwegen kräftig und freudig in die Pedale getreten werden kann, ohne ins Auto zu steigen. In meiner Berufspraxis muss ich leider oft sehr tief durchatmen. Ich bin aber davon überzeugt, dass sich in den nächsten Jahren durch die Sensibilisierung für die Umwelt viel verändern wird. Ich hoffe, dass es einen Ruck auf allen Ebenen geben wird, von der Bundes- über die Landesebene bis in die Kommunen hinein. Wir brauchen mehr Stellen, um die Konzepte und Aufgaben umsetzen zu können. Und wir brauchen Straßengesetze, durch welche eine nachhaltige Mobilität in der Realität und Fläche umgesetzt werden kann, damit all die Konzepte nicht in Schubladen einstauben, sondern gelebt werden. Zum Glück gibt es immer wieder kleine und große Erfolgsmomente, beispielsweise mit der Fertigstellung von Radwegen oder Markierungen. Oder einfach, wenn mir bei all meinen täglichen Wegen auf meinem Radl der Fahrtwind entgegenkommt und ich mich dabei zum Großteil auf gut und sicher ausgebauter Rad-Infrastruktur bewege.

Interview: Katharina Baum 

fairkehr 1/2020