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Kolumne 2/2020

Die un­erträgliche Leichtig­keit des radelnden Seins

Durchfahrt verboten: Grenzbarrikaden zwischen Kanne in Belgien und Maastricht in den Niederlanden am 23. März 2020

„Kanne, mon amour!“ rufe ich, beim Anblick meines Lieblingsdorfes Kanne und muss weinen! Die weißen Pfeiler der geschwungenen Brücke über den Canal Albert, sie glänzen herrlich in der flämischen Sonne. Das Chateau, der Turm der Dorfkirche, die Mühle am Jekerbach. Da stehe ich dieser Tage mit meinem Rad an der Absperrung. Baumstämme sind über die Straße gelegt, um Autos zu blockieren. Zusätzliche Metallgitter machen das Durchkommen auch für Radfahrer unmöglich. Ich darf nicht rein, denn Kanne liegt in Belgien und somit hinter dem Eisernen Vorhang. Das unerreichbare Paradies liegt ungefähr einen Kilometer von meinem Haus entfernt. Dort verkauft mein Bäcker meine Samstagsbrötchen. Auf der Terrasse von „Kanne en Kruike“ schlürfen wir oft nach der Tour unseren Kaffee. „Kruiken“ sind Krüge. Und das Wortspiel bedeutet: Alles unter Dach und Fach.

Nix ist unter Dach und Fach! Die Grenzübergänge zwischen Maastricht und Flandern auf der einen, zwischen Maastricht und Wallonien auf der anderen Seite sind geschlossen. Grenze? Wo war da eine Grenze bis vor wenigen Tagen? Es ist wohl ein bisschen so wie beim Mauerfall, nur andersrum. Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass ich in meinem Leben noch eine Grenzschließung erleben werde. Und jetzt ist Belgien dicht für alle, die keinen guten Grund vorweisen können. Der Genuss der „Runde von Kanne“, unserer Lieblingstour mit dem Rad, gehört nicht dazu. Im Sommer fietsen wir diese Runde oft am Abend. In meinem Traum erreiche ich die Schleuse von Petit Lanaye, wo das wallonische, das französischsprachige Gebiet beginnt. Dann geht es über den Kanal und den Anstieg hinauf am Montagne Saint-Pierre, dem Pietersberg. Auf dem Plateau sieht man weit ins Maastal hinein, in der Ferne liegt Liège. Dann rasen wir die kurvige Abfahrt nach Eben-Emael hinab und kommen an den Bunkern am Fort vorbei. Hier kam die Wehrmacht 1940 mit Segelflugzeugen in der Nacht und hat die belgische Befestigungsanlage Albert-Kanal eingenommen. Hier gab es auch früher schon mal einen Eisernen Vorhang. Nicht weit entfernt verlief nämlich im ersten Weltkrieg ein tödlicher elektrischer Zaun, den die Deutschen gebaut hatten. Viele Belgier haben den nicht überlebt. Die wollten aus dem besetzten Belgien in das nicht besetzte niederländische Gebiet fliehen. Solche Grenzgeschichten gibt es links und rechts der Strecke genug.

Noch einmal radeln wir über die Brücke am Albert-Kanal ins flämische Kanne hinein, dann erreichen wir auch schon wieder Maastrichter Territorium. Sagen wir: 50 Minuten ist eine ganz passable Zeit! Oder besser: War eine ganz passable Zeit, damals, als die Grenzen noch offen waren. Die unerträgliche Leichtigkeit des radelnden Seins! Gibt es was Schöneres, als im Sattel die Landschaft vorbeibrausen zu sehen? Gibt es eine bessere Möglichkeit, die nähere Umgebung, nämlich sein eigenes Habitat, immer wieder aufs Neue zu entdecken? Gibt es eine schönere, grenzüberschreitende Mobilität des Herzens? Mein Europa ist das Europa der offenen Radwege.

Gesundheitsschutz ist das Gebot der Stunde. Wenn aber inländische Hotspots nicht vernünftig isoliert werden, ist das Schließen nationaler Grenzen allerdings eher ein Reflex aus alten Zeiten. Es ist ein Zeichen der Hilflosigkeit. Auch weil die wirklich wichtige grenzüberschreitende Koordinierung von medizinischem Material und Kapazitäten bisher nicht richtig in Gang kam. Beim Schreiben dieser Zeilen werden die ersten italienischen und französischen Patienten in Deutschland versorgt. In meinem Traum ist das der Anfang grenzüberschreitender Solidarität. In meinem Traum fahre ich wieder die „Tour de Kanne“.           

Martin Unfried 

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fairkehr 1/2020