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VCD Bahntest 2019/20

Eine 3+ für die Bahn

Der VCD Bahntest stellt der Deutschen Bahn ein befriedigendes Zeugnis aus. Die DB punktet bei Ticketbuchung und Klimaverträglichkeit, in anderen Bereichen braucht sie aber Nachhilfe.

Entspannt ankommen: Sich zurücklehnen und die Aussicht aus dem Fenster genießen – Bahnfahren machts möglich.

Die Deutsche Bahn wird von ihren Kundinnen und Kunden gleichermaßen geliebt und gehasst. Oft kann man eine Zugfahrt mit einem Film, einem guten Buch oder einer Unterhaltung mit den Mitreisenden genießen, während die Bahn einen umweltfreundlich und sicher ans Ziel bringt. An manchen Tagen bringt sie einen stattdessen auf die Palme: mit ausgefallenen Zügen, Verspätungen, kaputter Klimaanlage oder fehlendem Bordbistro.

Für den „VCD Bahntest 2019/20“ hat das Qualitäts- und Marktforschungsinstitut Quotas 1 000 Kundinnen und Kunden der DB zu ihrer Zufriedenheit mit dem Fernverkehrsangebot befragt. Die Reisenden geben der Deutschen Bahn (DB) die Gesamtnote 2,8. Während die Deutsche Bahn in den Bereichen Sicherheitsgefühl, Ticketbuchung, Klimaverträglichkeit und Fahrdauer gute Noten bekommt, kritisieren die Kunden vor allem die hohen Preise (Note 3,4) und die Unpünktlichkeit (Note 3,5).

Philipp Kosok, VCD-Sprecher für Bahnverkehr, sagt: „Die Fahrgäste sind in wichtigen Punkten unzufrieden mit dem Angebot der Bahn. Die DB und auch die Bundesregierung müssen sich anstrengen, um ihr selbst gestecktes Ziel zu erreichen, die Fahrgastzahlen bis 2030 zu verdoppeln. Nur so kann es gelingen, Millionen Menschen, die heute mit dem Auto oder dem Flugzeug unterwegs sind, vom klimafreundlichen Reisen auf der Schiene zu überzeugen.“

Preissystem überarbeiten

Gerade Neukunden und Gelegenheitsfahrgästen, die keine Bahncard haben und sich nicht mit Sparpreisen auskennen, erscheint Bahnfahren oft abschreckend teuer. Eine Fahrt von Stuttgart nach Berlin kostet mit dem ICE zum vollen Flexpreis fast 140 Euro. Wer den Fernbus oder das Flugzeug nimmt, zahlt einen Bruchteil. Daher fährt nur jeder fünfte Fahrgast ohne Rabatte. Alle anderen Kundinnen und Kunden nutzen Sparpreise mit Zugbindung, Gutscheine und Bahncards. Ohne Rabatte würden viele Kunden andere Verkehrsmittel nehmen oder auf andere Zugverbindungen wechseln, für die günstige Tickets verfügbar sind. Mit Sparpreisen, die Fahrgäste auf weniger stark ausgelastete Züge umleiten sollen, zahlen diese bis zu 80 Prozent weniger.

Der Bahntest auf einen Blick: Die Fahrtdauer ist den Befragten des VCD Bahntests am wichtigsten, die App DB Navigator haben sie am besten bewertet, Pünktlichkeit und Preise am schlechtesten.

Die Kriterien, nach denen die Bahn festlegt, wann eine Fahrt besonders günstig ist, sind für die Kundinnen und Kunden kaum zu durchschauen. Allerdings ist die Mehrheit der Fahrgäste bereit, schon bei einem Rabatt von 25 Prozent auf günstigere Züge auszuweichen. Der VCD rät der DB daher, ihr Preissystem zu überdenken: Sie könnte mit günstigeren Flexpreisen mehr Menschen in die Züge locken und die geringeren Einnahmen durch niedrigere Rabatte kompensieren.

Rund 85 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass die Preise für bestimmte soziale Gruppen reduziert werden sollten. Vor allem für Schüler, Auszubildende, Studierende, Rentner und Menschen mit Behinderung. Derzeit fahren Kinder unter 15 Jahre und Soldaten in Uniform kostenlos mit. Vergünstigungen für andere Gruppen gibt es nicht.

„Wirksamer Klimaschutz kommt nicht ohne Preissignale aus. Das wird dazu führen, dass der umweltbelastende Straßenverkehr für viele Menschen teurer wird. Damit dies nicht zu Lasten der Mobilität der Menschen geht und zum sozialen Sprengstoff wird, muss es für Bürgerinnen und Bürger brauchbare und bezahlbare Alternativen geben. Gerade auf langen Distanzen ist das die klimafreundliche Bahn“, sagt die VCD-Bundesvorsitzende Kerstin Haarmann.

Komfortable Ticketbuchung

Besonders positiv bewerten die Befragten die Online-Ticketbuchung und die App DB Navigator (Note 1,9). Diese zählt allein aus dem Google Play Store über zehn Millionen Installationen und ist damit die marktbeherrschende Ticket-App. Auch einige Nahverkehrstickets lassen sich bereits darüber buchen. Noch fehlt eine flächendeckende Verknüpfung von Nah- und Fernverkehr. DB-Konkurrenten wie Flixtrain bleiben ganz außen vor. Das einfache Ticket von Tür zu Tür, unabhängig vom Verkehrsunternehmen, lässt noch auf sich warten. Welches Leistungsvermögen Ticket-Apps heute haben können, machen Länder wie die Schweiz und die Niederlande längst vor.

Die Deutsche Bahn ist mit einem Marktanteil von 99 Prozent quasi Monopolist im Fernverkehr auf der Schiene und steht daher auch im VCD Bahntest 2019/20 wieder im Mittelpunkt der Umfrage.

Vielfahrende legen besonderen Wert auf das WLAN im Zug. Für sie ist die Internetanbindung nach der Fahrtdauer und den Direktverbindungen das drittwichtigste Kriterium für ihre Zufriedenheit. Nachholbedarf besteht beim Sitzplatzangebot. Seit 2014 konnte die DB die Fahrgastzahlen kontinuierlich steigern. Da das Angebot aber nicht proportional mitgewachsen ist, müssen Fahrgäste heute häufig im Stehen reisen.

Jeder, der regelmäßig Bahn fährt, kann Geschichten erzählen von verpassten Anschlusszügen, von Schaffner*innen, die Fahrgäste aus überfüllten Bahnen hinauskomplimentieren, oder Zügen, die ausfallen. Mit der Note 3,5 bewerten die Befragten die Pünktlichkeit der Deutschen Bahn besonders schlecht. Zwar kamen laut DB zwischen Januar und Oktober 2019 immerhin 76 Prozent der ICE und IC pünktlich ans Ziel. Wie viele Fahrgäste sich verspäten, erfasste der Konzern aber nicht. Bei Reiseketten mit mehreren Zügen können Fahrgäste beim Umsteigen kleinere Verspätungen wieder ausgleichen oder ihren pünktlichen Anschlusszug verpassen. Ausgefallene Züge gehen nicht in die Statistik ein. Gründe für Verspätungen sind vor allem die marode und überlastete Schieneninfrastruktur sowie der Personalmangel.

Trotz einiger guter Ansätze wie der komfortablen Ticketbuchung, des WLAN im ICE und der guten Umweltbilanz bleibt für die DB und den Bund als Eigentümer viel zu tun. Der Regierung um Verkehrsminister Andreas Scheuer stellen die Befragten ein vernichtendes Zeugnis für ihre Bahnpolitik aus. Nur 13 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass die Regierung genug für die Bahn tue. Der Minister muss also dringend nachsitzen.

Benjamin Kühne 

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fairkehr 1/2020