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Reise 1/2020

Direkt am Bahnhof

Das Richter-Fenster im Kölner Dom

Kölner*innen können sich ein Leben ohne Dom nicht vorstellen.

Sie stehen zusammen: der Kölner Dom, der Hauptbahnhof, die Hohenzollernbrücke

Dass der Kölner Dom – UNESCO-­Weltkulturerbe und das Symbol der Stadt schlechthin – eines der meistbesuchten Bauwerke Deutschlands ist, muss niemanden abschrecken. In dieser großen gotischen Kathedrale direkt am Hauptbahnhof geht es trotzdem wohltuend ruhig zu. Wer einmal den Weg hinauf zur Domplatte und bis zum Portal genommen hat – sich den Weg bahnend durch eilige Pendler, wartende Reisende, Gaukler, Straßenmaler, Jugendgruppen mit Bierflaschen und Touristen, die versuchen, sich selbst vor der 157 Meter hohen Kirche auf ein Foto zu bannen – betritt einen Ort der Stille.

Mit einigem Glück liegt sphärischer Orgelklang in der Luft. Dieser kommt niemals vom Band, erklärt die Domschweizerin auf Nachfrage, denn Retortenmusik ist im Dom tabu. Die Orgel begleitet vielleicht eine der Messen, die über den Tag verteilt in der Marienkapelle stattfinden. Die Frau im langen roten Talar ist neben dem Fenster, das wir betrachten wollen, eine der modernen Veränderungen in der Hohen Domkirche Köln: Ab Mai 2019 wurden erstmals seit Jahrhunderten Frauen für das Amt der Domaufseher zugelassen. Domschweizerinnen geben jetzt genauso wie ihre männlichen Kollegen Auskünfte und achten am Eingang freundlich, aber bestimmt darauf, dass die Besucher des Gotteshauses angemessen gekleidet sind, also nicht mit Kappe, in kurzen Shorts oder schulterfrei in die Kirche marschieren. Leider auch nicht mit Reisekoffer. Handliche Rucksäcke und Umhängetaschen gehen aber durch.

Wochenlang könnten sich Kunstinteressierte im Dom aufhalten oder Stunde um Stunde ungläubig den Schrein mit den Gebeinen der Heiligen Drei Könige bestaunen. Wer nur wenig Zeit hat, sollte sich unbedingt das Fassadenfenster im südlichen Querhaus anschauen. Im Jahr 2007 erhielt das Fenster eine neue Verglasung nach dem Entwurf von Gerhard Richter. Allein für das Lichtspiel dieses Fensters des weltberühmten Künstlers und Wahlkölners lohnt sich ein Besuch im Dom. Richter gliederte die 106 Quadratmeter große Fläche in gleich große, farbige Quadrate, die als durchlaufendes Raster das gesamte Fenster durchziehen. Die insgesamt 11 263 etwa bierdeckelgroßen Quadrate bestehen aus mundgeblasenem Antikglas in 72 verschiedenen Farbtönen. Die Anordnung der Farben legte der Künstler mittels eines Zufallsgenerators fest. Das Fenster ersetzt eine farblose Ornamentverglasung, mit der die Dombaumeister nach dem Zweiten Weltkrieg ein zerstörtes Fenster repariert hatten.

Besonders ab dem späten Vormittag fließen die Lichtstrahlen durch die farbigen Glasquadrate und zeichnen ein wunderbares Farbmuster auf Boden, Säulen und den zentralen Altar des ansonsten eher strengen, hochgotischen Gotteshauses. Dem damals amtierenden Kölner Kardinal Joachim Meisner war das eindeutig zu bunt. Das Glas passe besser in eine Moschee, wetterte er. Ein Fenster im Dom müsse den katholischen Glauben widerspiegeln, bemängelte der konservative Gottesmann. Die anderen Fenster im Dom zeigen meist heilige Herrscher und biblische Szenen. Meisner löste mit seinen Angriffen auf das Meisterwerk heftige Diskussionen aus.

Heute ist der Streit beigelegt und die farbigen Lichter des Richter-Fensters (hier geht es zum Bild) tanzen friedlich um den Hauptaltar. Die Kunstwelt preist die Sinfonie des Lichts, den Farbenzauber und die mystische Atmosphäre. Richter selbst, der ohne Honorar arbeitete, verwies darauf, dass die damalige Dombaumeisterin ein zeitgenössisches, modernes Kunstwerk in Auftrag gegeben habe.

Die meisten Kölnerinnen und Kölner, die sich ein Leben in der Stadt ohne den Dom nicht vorstellen können, finden das Richter-Fenster toll. Schließlich passt das bunte Treiben der Punkte ganz ausgezeichnet zu dem Selbstverständnis der Menschen in der Hochburg des Frohsinns am Rhein. Und den Besucherinnen und Besuchern öffnet das farbenfrohe Konfetti des Lichts einfach nur das Herz.

Uta Linnert

Alle Infos zu Besichtigungszeiten, Führungen und Gottesdiensten: koelner-dom.de; domfuehrungen-koeln.de

fairkehr 1/2020