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Urbanisierung

Stadt neu denken

Angesichts des Klimawandels wird klar: Städte sind das zentrale Element des globalen Ökosystems. Wollen wir die Klimakrise bewältigen, müssen sich die urbanen Zentren neu erfinden.

Paris hat bereits viele Autos aus dem Zentrum verbannt. So könnte das Seine-Ufer in Zukunft aussehen.

Am zweiten Mai dieses Jahres betrat die Stadt Konstanz Neuland: Als erste Kommune in Deutschland rief sie den Klimanotstand aus. Und sandte damit ein unüberhörbares Signal in die Republik: Wir warten nicht, bis die Bundesregierung beim Klimaschutz in die Puschen kommt, sondern fangen einfach an. Da, wo wir können, hier und jetzt.

Ähnlich verhielten sich die Bürgermeister der größten US-amerikanischen Städte, als sie angesichts des destruktiven Kurswechsels in der US-Klimapolitik versicherten, sich weiter für das Erreichen der Klimaziele einzusetzen.

Solche Ereignisse bestätigen, was Beobachter der Globalisierung seit langem betonen: Die politische und wirtschaftliche Bedeutung der Städte und Regionen nimmt zu, denn das Globale und das Lokale sind eng miteinander verwoben.

Der ökologische Fußabdruck der Städte ist ein gutes Beispiel dafür: Urbane Räume sind für etwa zwei Drittel der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich. Dabei sind die indirekten Emissionen, die außerhalb der Metropolen anfallen, genau so groß wie jene, die unmittelbar in den Städten entstehen. Zugleich sind immer mehr Stadtbewohner den Klimarisiken ausgesetzt. Ihre Zahl wird sich nach aktuellen Prognosen bis 2050 verdoppeln. Es ist offensichtlich: Die Städte sind längst das zentrale Element des globalen Ökosystems.

Klimachance Stadt

Darin liegt auch eine Chance: Laut einer Studie der „Koalition für Urbanen Wandel“ können die Städte ihre Emissionen bis 2050 um 90 Prozent senken – und zwar allein mit Maßnahmen, die bereits heute technisch machbar sind. Dazu gehört eine gute Infrastruktur für nachhaltige Mobilität, die Dekarbonisierung der Stromversorgung, Maßnahmen gegen ressourcenfressende Zersiedelung und die Förderung energieeffizienter Gebäude. Auch der Staat muss seinen Teil tun und für eine wirksame CO2-Bepreisung sorgen.

Städte waren seit jeher Labore für neue Ideen, Technologien und Lebensstile. Alle großen gesellschaftlichen Umwälzungen wie die Industrialisierung und die Konsumgesellschaft wurden hier erdacht und durchgesetzt – und haben im Gegenzug wieder das Bild der Städte geprägt, die erst zu rauchenden Schloten und dann zu Park- und Durchfahrräumen für Autos wurden.

Heute stehen die Städte vor der Aufgabe, sich im Zusammenspiel von Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Verwaltung neu zu erfinden und eine ressourcenschonende Infrastruktur zu schaffen. Diese muss jetzt geplant und gebaut werden, denn die Planungen von heute werden den ökologischen Fußabdruck der Städte auf Jahrzehnte bestimmen. Das Schöne: Das neue Leitbild bietet die Chance, die Stadt wieder als Einladung an ihre Bewohner zu gestalten.

Das Beispiel Berlin zeigt, wie ein solcher Aufbruch gelingen kann – aber auch, wie zäh und konfliktreich es dabei zugeht (siehe Interview mit Regine Günther). Mit einem Mobilitätsgesetz hat Berlin erstmals die Priorität des Umweltverbunds gegenüber dem Autoverkehr gesetzlich verankert. Das Gesetz geht auf zivilgesellschaftliche Initiativen zurück – was zeigt, wie dynamisch die Stadtgesellschaft Veränderungen anstoßen kann.

Wie das Gesetz umgesetzt wird, steht auf einem anderen Blatt. Denn das neue Denken muss sich gegen viele beharrende Kräfte durchsetzen, von der im alten Paradigma gefangenen Verwaltung bis zum Lieferengpass für E-Busse. Die Herausforderungen sind groß. Aber wenn die Menschheit lernt, ressourcensparend und nachhaltig zu leben, wird sie es in den Städten lernen.

Tim Albrecht

fairkehr 5/2019