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Reise 5/2019

Sbrinz-Route

Alpenquerungen

Mehr denn je zieht es die Menschen über die Alpen gen Süden. Unser Autor warnt davor, mit der Masse auf überfüllten Wegen zu gehen, und plädiert für eine Alpenquerung auf historischen Pfaden, auf denen man nicht nur sich selbst, sondern auch der Geschichte begegnet.

Höhepunkt der Sbrinz-Route: Auf 2 500 Metern wechselt man hier vom Wallis ins Piemont. Vor 150 Jahren war die Passhöhe noch vergletschert. Richard Wagner bangte hier um sein Überleben.

Niemals reisten mehr Menschen als heute. Die Tourismusbranche feiert einen Wachstumsrekord nach dem anderen. Zugleich sind die Schattenseiten des modernen Reisens immer offensichtlicher geworden: Die Umweltschäden, die die Transportsysteme erzeugen, und der Massenandrang, der den besuchten Orten die ihnen eigene Aura nimmt. Nicht weniger folgenreich ist der innere Widerspruch, der sich dem Mobilitätsfortschritt verdankt: die Tatsache, dass das Reisegeschehen in zwei Teile zerfallen ist, die kaum noch in Verbindung miteinander stehen: In die immer kürzer werdende, weil mit leistungsfähigen Transportmaschinen vollzogene Phase der An- und Abreise und das mehr oder weniger stationäre Vorortsein am Reiseziel. Statt sich im ursprünglichen Sinne „auf den Weg zu machen“, setzt man sich in den Flieger oder in den ICE und wird ein paar Stunden später am Wunschziel ausge­s­puckt –­ ohne berührt worden zu sein von der Welt, durch die man sich schießen ließ.

Beliebte Tour mit vollen Hütten

Es gibt aber auch einen erfreulichen Gegentrend: Immer mehr Menschen wollen sich mal wieder als Teil der Welt erleben, durch die sie sich bewegen. Sie machen nun genau das, was einem die heutigen Verkehrsmittel eigentlich ersparen: zu Fuß über die Alpen gehen. Und natürlich tun sie gut daran, solche Mühen auf sich zu nehmen: Es ist etwas sehr Besonderes und Unvergessliches, sich Schritt für Schritt durch eine der letzten zusammenhängenden Naturlandschaften Europas zu bewegen, den Übergang vom kühlen Norden in die mediterrane Welt mit Haut und Haaren zu erleben. Dieses populär gewordene Abenteuer hat inzwischen auch einen Namen: „E 5“, die Kurzform für „Europäischer Fernwanderweg Nr. 5“: Start in Oberstdorf, das Ziel Meran oder Bozen, seltener die offiziellen Endpunkte Verona oder Venedig. Fünf bis sechs Tage auf und ab, in tiefe Taleinschnitte hinunter, über fast dreitausend Meter hohe Pässe und durch drei Länder.

Das Bergell bietet alle Kontraste: wilde Alpengipfel und pastorale Wiesenflächen.

Wie sehr die Nachfrage angewachsen ist, sieht man an der Tatsache, dass kaum ein Wanderveranstalter die Tour nicht im Programm hat. Man sieht es freilich auch unterwegs: Auf vielen Wegabschnitten geht man in der Karawane und abends wird es eng – vor allen in den Quartieren im Hochgebirge, die sich schlecht umgehen lassen. Die Situation ist so prekär geworden, dass der DAV-Sprecher Thomas Bucher bereits vom Begehen dieses Klassikers warnt: „Die Hütten haben mehr Leute da, als sie beherbergen können. Man tut sich nicht unbedingt einen Gefallen, wenn man den E 5 geht.“ Bucher hat schon deshalb recht, weil es viele andere Möglichkeiten gibt, die Alpen zu überqueren, ohne sich um die letzten Übernachtungsplätze rangeln zu müssen. Vor allem in der Schweiz hat man sich bemüht, Routen in den Süden zu reanimieren, die jahrhundertelang von allergrößter Bedeutung waren – als Transportwege für den Warentransport, der in den Händen der Säumer lag. Mit ihren vollbepackten Maultieren und Bergpferden, den Saumtieren, hatten diese ersten Spediteure des Gebirges unter anderem Käse und Salz von Norden nach Süden und Gewürze, Seide und Wein in die Gegenrichtung „gesäumt“.

Geschichte auf Schritt und Tritt

Die an den Routen liegenden Talschaften waren verpflichtet, die Wege auszubauen und in Stand zu halten, wovon auch die ersten Reisenden profitierten: Sie konnten sich darauf verlassen, dass die Wege in gutem Zustand waren und es auf den Passhöhen zudem ein Hospiz gab, das bei Ermüdung oder schlechtem Wetter Schutz bot.

Einer der schönsten Säumerwege wird unter dem Namen Via Sett vermarktet. Es ist die noch wenig begangene Route über den 2 300 Meter hohen Septimerpass, auf dem schon die Römer unterwegs waren. Wie durch das legendäre römische Straßenverzeichnis, das Itinerarium Antonini, bezeugt, gab es beiderseits des Bündner Übergangs eine Mutatio, eine Pferdewechselstation. Prunkstück der im 14. Jahrhundert systematisch ausgebauten Route ist der Südabstieg ins Bergell. Der mittelalterliche Weg ist hier in seiner ganzen Länge erhalten geblieben, erkennbar an der gut erhaltenen Pflasterung, den steigungsreduzierenden Serpentinen, den seitlichen Begrenzungssteinen und den Querabschlägen für das Regenwasser. Ein Säumerpfad wie aus dem Bilderbuch, zugeschnitten nicht auf Motorfahrzeuge, sondern auf bepackte Zwei- und Vierbeiner, denen ein gut befestigter Weg das Leben erleichterte.

Der Südabstieg der Via Sett führt über die gut erhaltene mittelalterliche Bogenbrücke.

In einer solchen Passage bekommt die Allerweltsphrase von ‚Geschichte auf Schritt und Tritt’ einen ganz neuen Sinn. Auf Pflastersteinen unterwegs, die Säumer und Saumtiere rund getreten haben, wird die Vergangenheit auf eine Weise real, wie es beim verweilenden Betrachten historischer Monumente und musealer Ausstellungsstücke niemals geschehen kann. Das atomisierte Individuum des 21. Jahrhunderts macht eine frappierende Erfahrung: Es fühlt sich plötzlich wieder eingebunden in jenes Ganze, das Menschheitsgeschichte genannt wird – und kann sein Glück kaum fassen. Endlich mal ein Weg, auf dem man nicht in Gesellschaft gehen muss, um nicht allein zu sein – ein Weg, der mehr ist als nur eine beliebige Trainingsstrecke des modernen Büromenschen. Immer wieder sieht man vor seinem geistigen Auge die Säumerkolonnen den Berg herunterkommen.

Nicht weniger attraktiv ist die Via Sbrinz, eine Doppelpassroute, die vom Berner Oberland über die Grimsel ins Wallis und von dort über den 2 500 Meter hohen Griespass ins piemontesische Formazzatal führt. Vor allem rund um die 2 000 Meter hohe Grimsel ist die historische Wegsubstanz noch gut erkennbar. Beim Aufstieg von Norden überquert man nicht nur zwei spektakuläre Steinbogenbrücken, sondern auch eine gletschergeschliffene Felspartie, in die Treppenstufen eingemeißelt worden waren, damit Saumtiere und Reisende bei Nässe nicht in die Tiefe stürzten.

Wandern auf Maultierpfaden

Der ganze Abstieg ins Wallis verläuft auf der einstigen Originaltrasse, die einen angenehm geringen Steigungswinkel aufweist. Schließlich hätten die Maultiere rebelliert, wenn man ihnen allzu steile Anstiege zugemutet hätte.

Freilich haben die historischen Alpentransversalen auch einen Nachteil. Sie folgen meist Taleinschnitten, die sich bestens für den Transitverkehr eigneten, weshalb gerade hier später auch Passstraßen gebaut wurden, wie am Splügen, dem San Bernardino, dem Großen St. Bernhard, dem Julier oder am Maloja. So kommt man zwischendurch immer mal wieder mit dem motorisierten Verkehr in Kontakt. Ein Nachteil ohne Zweifel. Aber ein touristisches Kunstprodukt wie der E 5, bei dem der moderne Alpenüberquerer vor allem sich selbst und seinesgleichen begegnet, ist sicher nicht besser. Schon gar nicht, wenn man jeden Abend mit Leuten am Tisch sitzt, die sich weniger für Geschichte und Gegenwart der Region als für die Höhenmeter und Laufzeiten interessieren, die auf den Displays ihrer GPS-Geräte und Smartphones aufleuchten.

Gerhard Fitzthum

 

Wanderreisen buchen

Unser Autor Gerhard Fitzthum ist Philosoph und führt seit vielen Jahren Wandergruppen auf alten Wegen durch die Alpen. In den entvölkerten Westalpen kennt er viele Menschen, die dort noch ausharren und sich freuen, wenn er immer wieder Gäste bringt: www.tcen.de

Das Tourismusprogramm Kulturwege Schweiz basiert auf einem Netz aus zwölf historischen Routen:
www.kulturwege-schweiz.ch

Mehr Wanderreiseveranstalter und viele Tipps für Fernwanderungen in und über die Alpen oder in anderen europäischen Gebirgsregionen zeigt die Webseite des Reisemagazins Anderswo, das im fairkehr-Verlag erscheint.

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Informationen zu Verlauf, Etappen und Unterkünften in den Kantonen der Schweiz gibt es unter: www.schweizmobil.ch > Wanderland

Historische Wanderwege durch den Schweizer Kanton Graubünden.

Alpentransversalen in der Schweiz bieten sich auch deshalb an, weil die Schweizer ein perfektes System des öffentlichen Verkehrs haben und bei der Bahn am Europa-Spezial-Preis festhalten. Bucht man frühzeitig, kann man von allen Orten Deutschlands aus für weniger als 50 Euro an den Start- und Endpunkt der Wanderung fahren.

fairkehr 5/2019