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Kolumne 5/2019

Die ökosoziale Radwirtschaft

Schafft Arbeitsplätze: Beim Einstellen der Kettenschaltung setzt der Autor auf die Fahrradmechanikerin seines Vertrauens.

Acht Fahrräder haben wir im Keller stehen und ich wechsle gerne mal durch. Rennrad, Trekkingrad, Faltrad und Transportrad, das sind die prächtigen Optionen. Auch sonst freue ich mich, wenn ich bei Bekannten oder von Unternehmen ein neues Rad testen kann. Neulich habe ich mal ein sehr schönes, aber sackteures Faltrad der österreichischen Marke Vello gefahren. Sehr interessantes Falt- und Fahrverhalten, allerdings tat mir gleich der Hintern weh. Soll heißen: Bei Fahrrädern gilt noch mehr als bei anderen Produkten, dass erst das haptische Erleben die eigentliche Erfahrung ermöglicht. Virtuelles Fahrrad angucken im Internet bringt gar nix. Beschleunigung, Fahrverhalten und Alltagstauglichkeit sind dabei natürlich wichtige Aspekte, und nicht zu vergessen: die Reparaturfreundlichkeit.

Obwohl ich einiges selbst machen kann, setze ich doch hier in Maastricht beim Reparieren und Einstellen der Kettenschaltungen auf die Profis, auf die Fahrradmechanikerin meines Vertrauens. Manchmal ertappe ich mich noch, wenn ich plötzlich angesichts einer Rechnung von 75 Euro schlucke. Was komplett idiotisch ist: Jede kleine Autoreparatur kostet 500 Euro. Und natürlich weiß ich, wie wichtig eine lokale Fahrradökonomie mit Profimechanikern ist. Digital hat noch niemand eine Acht aus dem Rad verschwinden lassen.

Die ökosoziale Radwirtschaft hat ja viele Vorteile. Sozial: Ich habe natürlich bereits ein Vermögen gespart, weil ich meinen Alltag mit dem Rad erledige. Insofern ist eine aktive Fahrradpolitik, wie sie bei uns in den Niederlanden Standard ist, natürlich auch Sozialpolitik. Auch wer kein Geld hat, kann sich genussvoll und kostenlos durch die ganze Stadt bewegen. Auch Arbeitsplätze im Nachbarort sind auf dem Rad erreichbar, wenn die Infrastruktur stimmt. In Deutschland wird im Moment wieder so getan, also ob die herrschende Autopolitik mit Pendlerpauschale und niedrigen Parkgebühren unglaublich sozial sei. Wehe, der Benzinpreis steigt! Dabei ist die staatlich verordnete Abhängigkeit vom Auto aufgrund fehlender Alternativen gerade für Leute mit bescheidenem Einkommen absolut unsozial. Denen frisst schon der Unterhalt die Haare vom Kopf. Erst vor kurzem fiel mir wieder ein, dass es in meiner Jugend nicht möglich war, von meinem schwäbischen Dorf die fünf Kilometer mit dem Rad ins Nachbardorf zu fahren. Die einzige Strecke über die Bundesstraße war lebensgefährlich. Dass dies nicht nur idiotisch, sondern auch zutiefst unsozial war, fiel damals keinem auf. Heute müssen in Deutschland immer noch viele Eltern ihre Kinder mit dem Auto zur Schule oder zum Flötenunterricht bringen, weil es die Infrastruktur nicht zulässt, die Kinder sorgenfrei mit dem Rad fahren zu lassen. In diesem Sinne ist ökosoziale Radwirtschaft gerade im Interesse der weniger Begüterten.

 Das gilt auch für die weniger Gesunden: Immer wenn ich Senioren in elektrischen Rollstühlen auf unseren abgetrennten Radwegen in die Innenstadt fahren sehe, fällt mir auf, dass auch das in Deutschland in den meisten Orten nicht möglich ist. Die Fahrradstadt verhilft eben auch Menschen mit Behinderung zu einem selbstständigeren Leben. Dennoch wird so getan, als ob Radinfrastruktur irgendwie Luxus sei. Doch ein Tiefgaragenplatz in einem Wohnkomplex kostet 25 000 Euro! Gut, dass immer mehr Städte und Gemeinden von dieser Autofixierung weg wollen. Zuletzt ist ein wesentlicher Vorteil der Fahrrad- gegenüber der Autowirtschaft auch die Langlebigkeit: Jeden Tag erfreue ich mich meines 35 Jahre alten Bauer-Fahrrades. Wie gesagt, die Kettenschaltung ist perfekt eingestellt. Ich hätte in der Zeit wahrscheinlich bereits drei oder vier neue Volkswagen kaufen und verschrotten müssen, und mein Geld wäre nur so zum Autofenster rausgeflogen. Gutes Rad dagegen ist eben nicht teuer.

Martin Unfried 

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