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Titel 4/2019

Mobility as a Service

Eine App für alle Wege

Weil immer mehr Menschen das Smartphone nutzen, können sich ganz neue Formen der Mobilität entwickeln. Ein Ziel der neuen Angebote: Verkehrsmittel per App optimal vernetzen. Ihr Treibstoff: Daten.

Finnland, vor allem die Hauptstadt Helsinki, ist ein Paradies für Entwickler von Mobilitätsapps: dank eines Gesetzes, das Mobilitätsanbietern vorschreibt, Fahrpläne, Standortdaten von Fahrzeugen und den Zugang zu Buchungssystemen digital verfügbar zu machen.

Nach der Arbeit ist Mika mit seiner Freundin Ida in dem kleinen italienischen Restaurant auf der anderen Seite der Innenstadt von Helsinki verabredet. Als Mika das Büro verlässt, zückt er sein Smartphone, öffnet die Mobilitäts-App Whim und tippt sein Ziel ein. Am schnellsten kommt er mit dem Leihrad zum Restaurant, es steht gleich eins um die Ecke. Als Alternativen schlägt die App das Taxi oder eine Fahrt mit Straßenbahn und Bus vor. Dass eine Straßenbahnfahrt umweltfreundlicher ist als eine Taxitour, verrät die App gleich mit. Nach dem Vier-Gänge-Menü wählen Ida und Mika nicht den bequemsten (und teuersten) Weg, nämlich die Fahrt mit dem Carsharing-Auto, sondern entscheiden sich für maximale Bewegung: Sie laufen zur U-Bahn-Station und fahren von dort mit dem Leihfahrrad nach Hause.

Mika hat bei Whim das Abo „Urban 30“ für 60 Euro im Monat abgeschlossen. Den ÖPNV kann er damit ohne Aufpreis nutzen und sooft er will für eine halbe Stunde Leihrad fahren. Taxifahrten bis zu fünf Kilometern kosten ihn nie mehr als zehn Euro, auf Carsharing-Autos bekommt er Rabatt. Ihr Auto haben Mika und Ida deshalb verkauft.

Mika und Ida sind ein fiktives Paar, die App Whim gibt es wirklich. Die finnische Firma MaaS Global hat sie entwickelt. MaaS steht für „Mobility as a Service“ – Mobilität als Dienstleistung.

Die Abkürzung ist zum Schlagwort für alle Dienste geworden, mit denen sich verschiedene Verkehrsmittel in einer App buchen lassen. MaaS macht intermodal mobil. Das heißt: Es ermöglicht Menschen, auf einer Strecke Zufußgehen, Radfahren, Car- oder Elektrotretroller-Sharing, Bus- und Bahnfahren optimal zu kombinieren.

In der am weitesten entwickelten Form, für die Whim aktuell das beste Beispiel ist, sieht MaaS so aus: Eine App schlägt den schnellsten Weg zum Ziel vor – wahlweise auch den günstigsten, den umweltfreundlichsten oder den sportlichsten. Kundinnen und Kunden können in der App ein Ticket für die gesamte Strecke und damit für die Verkehrsmittel aller Unternehmen kaufen. Sie haben auch die Möglichkeit, eine Mobilitätsflatrate zu buchen. Großer Vorteil: Sie benötigen nur noch eine App anstatt wie zuvor drei bis fünf. MaaS soll die Mobilitätsangebote bündeln, die in großen Städten, oft quasi über Nacht, auftauchen: Car-, Bike- und E-Tretroller-Sharing.

Immer mehr Unternehmen und Start-ups nutzen digitale Daten, um individuelle Mobilität neu zu definieren: Ihre Angebote heißen Reach Now (Daimler und BMW), Tier Scooter Sharing (Tier Mobility, Berlin) oder Lime (LimeBike, San Francisco). Sie wollen damit natürlich in erster Linie Geld verdienen. Manche möchten auch Bewegungsdaten und Infos über die Nutzerinnen und Nutzer sammeln (zum Thema Datenschutz siehe auch Seite 28). Für Umwelt- und Klimaschützer, Stadt- und Verkehrsplaner lautet das wichtigste Argument: Die neuen digitalen Mobilitätsangebote können dazu beitragen, dass die Menschen aufs Auto verzichten.

Philipp Kosok, VCD-Sprecher für Bahn, ÖPNV und Multimodalität, sieht die Entwicklung deshalb positiv: „Die neuen Angebote ergänzen Bus und Bahn. Sie werden den Mobilitätsmarkt grundlegend verändern“, betont Kosok. „Wichtig ist, dass Kommunen und Verkehrsverbünde es selbst in die Hand nehmen, diese neuen Verkehrsmittel zu vernetzen und ein übergreifendes Angebot zu schaffen – damit Mobilitätsangebote nicht nur dort entstehen, wo private Unternehmen schnelles Geld machen können.“

Eine Kommune, die die Angebote selbst steuert, kann beispielsweise entscheiden: Leihradstationen werden nicht nur im Zentrum, sondern auch am Stadtrand gebaut. „Alles in allem sollten Kommunen die neuen Mobilitätsanbieter als Mitspieler für einen besseren ÖPNV und nicht als Gegenspieler betrachten“, sagt Kosok. Immer mehr Städte erkennen das und machen sich auf den Weg, eine „App für alles“ zu entwickeln.

Nummer 1 für Mobilität

So können „Leipzig mobil“-Kundinnen und -Kunden in einer App ÖPNV-Tickets kaufen, Carsharing-Autos, Leihfahrräder und Taxis buchen und sogar bundesweit mit ihrer App Autos und Räder leihen.

Auch die Stadtwerke in der 300.000-Einwohner-Stadt Augsburg sehen die Chancen, die die Digitalisierung dem ÖPNV bringt. Anfang November soll nach einem Testbetrieb eine umfassende Mobilitätsapp an den Start gehen. Wie in Helsinki sollen Kundinnen und Kunden eine Mobilitätsflatrate buchen und damit Bus, Tram, Carsharing-Autos und Leihfahrräder nutzen können.

Mehr als 20 Mobilitätspartner will das Pilotprojekt der Berliner Verkehrsbetriebe „Jelbi“ zusammenbringen. Kunden sollen neben Bus- und Bahntickets vielfältige Sharing-Angebote in einer App buchen können: kommerzielle und Nachbarschafts-Teilautos, Fahrräder, Motorroller, Elektrotretroller, Shuttle-Services, Taxis. Noch sind nicht alle Wunschanbieter an Bord, doch das Ziel formulieren die BVG sehr klar: „Wir möchten in Zukunft die Nummer 1 für Mobilität in Berlin sein.“

In Berlin soll es bald außerdem möglich sein, verschiedene Angebote für eine Strecke zusammen zu buchen: den E-Tretroller zur U-Bahn, die U-Bahn zur Tramstation, das Leihrad zum Ziel. So wie in Helsinki. Oder in Vilnius, der Hauptstadt Litauens. In der Metropole im Baltikum vernetzt die Super-App des Start-ups Trafi, das die Berliner Jelbi-App entwickelt hat, bereits seit 2017 alle Verkehrsmittel mitein­ander.

Das geeignete Verkehrsmittel finden: Mit der App „Jelbi“ wollen die Berliner Verkehrsbetriebe Kunden ermöglichen, Bus- und Bahntickets sowie vielfältige Teilautos, Fahrräder, Motorroller, Elektrotretroller, Shuttle-Services und Taxis zu buchen.

Sprit der neuen Mobilität

Technisch ist das also seit einigen Jahren kein Problem mehr. Trotzdem entwickeln sich die „Mobilität aus einer Hand“-Angebote hierzulande nur langsam, andere Staaten sind da weiter. Die neue digitale Mobilität läuft nur mit Daten, vor allem mit Echtzeitdaten. Wer eine App programmieren möchte, ist darauf angewiesen. Viele öffentliche Verkehrsunternehmen und Sharing-Anbieter geben ihre Daten jedoch nur ungern an intermodale Plattformen weiter.

Die Skeptiker aus den Verkehrsbetrieben treibt vor allem die Sorge um, dass Fahrgäste durch die Verlockung der vielen neuen Angebote lieber auf Taxi und Tretroller umsteigen. Die Zahlen aus Helsinki könnten sie beruhigen: MaaS-Global-Chef Sampo Hietanen berichtete in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk, dass Kunden zu Beginn ihres Whim-Abos knapp die Hälfte ihrer Fahrten mit Bus und Bahn zurücklegten. Der Anteil stieg mit der Zeit auf 72 Prozent.

Dass eine finnische Firma „Mobility as a Service“ erfunden hat, ist kein Zufall: Auf Initiative des Ministeriums für Transport und Kommunikation erließ die Regierung den „Act on Transport Services“, der Anfang 2018 in Kraft trat. Die Verordnung verpflichtet alle Transportunternehmen in Finnland, ihre Daten offenzulegen. Nahverkehrsunternehmen teilen ihre Fahrpläne und Echtzeitdaten, die angeben, wo die Busse und Bahnen gerade unterwegs sind. Taxi- und Carsharingdienste stellen Daten zur Verfügbarkeit ihrer Fahrzeuge bereit. Die Informationen laden sie beispielsweise auf die Server von MaaS Global hoch. Der „Act on Transport Services“ schreibt den Transportunternehmen auch öffentlich zugängliche Programmierschnittstellen vor. Diese ermöglichen den standardisierten Datenaustausch und sind eine Voraussetzung dafür, dass sich mit Apps von Drittanbietern wie Whim oder Trafi überhaupt Fahrzeuge buchen oder Tickets kaufen lassen.

In Deutschland setzt die Bundesregierung auf die freiwillige Selbstverpflichtung der Verkehrsunternehmen. Tatsächlich stellen immer mehr Unternehmen offene Daten über Onlineportale der Kommunen oder des Bundes zur Verfügung. Die Deutsche Bahn hat ein eigenes Portal. „Wenn Kommunen neue Verträge mit Mobilitätsanbietern schließen, verpflichten sie sie oft auch Echtzeitdaten zu liefern“, erklärt ÖPNV-Experte Kosok vom VCD. „Für alte Verträge gilt das allerdings nicht. Wir fordern deshalb: Unternehmen, zumal solche in öffentlicher Hand, müssen Daten zu Fahrplänen, zum Streckennetz, zu Haltestellen und Echtzeitverkehrsinformationen grundsätzlich zugänglich machen.“

Mit Open Data nachhaltig planen

Wolfgang Sprick, Vorstandsmitglied beim VCD Hessen, IT-Berater und Experte für intermodale Mobilitätsinformation, setzt dabei große Hoffnungen auf die sogenannte Delegierte Verordnung 2017/1926 der Europäischen Kommission. Danach haben ab Anfang 2020 alle EU-Staaten einen nationalen Zugangspunkt für Mobilitätsdaten einzurichten. Über diesen „National Acces Point“ müssen Verkehrsbehörden, Verkehrsbetreiber, Infrastrukturbetreiber und Anbieter wie Carsharing-, Bikesharing- und Taxiunternehmen in den kommenden Jahren nach und nach statische Daten bereitstellen: zu Fahrplänen, Radwegenetzen, E-Tankstellen, Fahrradabstellanlagen und Carsharingstationen oder zu Barrierefreiheit in Fahrzeugen und an Bahnhöfen. Auch Parameter zur Berechnung der Reisedauer und des Umwelteinflusses, also beispielsweise CO2-Ausstoß pro Kilometer, sollen veröffentlicht werden. Das Ziel: den Boden bereiten für mehr nachhaltige Mobilitätsangebote in den EU-Ländern – durch Kombination verschiedener Verkehrsarten.

Sprick freut sich über diesen EU-Vorstoß. Er kritisiert allerdings, dass die Nationalstaaten selbst entscheiden dürfen, ob sie Anbieter dazu verpflichten, neben statischen auch Echtzeitdaten zu veröffentlichen. Wird die Bundesregierung Anbieter in die Offenlegungspflicht nehmen? Das Bundesverkehrsministerium erklärte auf fairkehr-Anfrage, dass es dazu noch keine abschließende Aussage treffen könne.

Damit Menschen ihr Auto wirklich stehen lassen, müssen die Alternativ­angebote attraktiv sein: unkompliziert buchbar, einfach erreichbar, transparent und vertrauenswürdig. Whim hat das Potenzial, auch außerhalb Finnlands ein Erfolg zu werden. MaaS Global ist mit der App bereits nach Antwerpen und in die Region Birmingham expandiert. Wien soll folgen.

Eine solche Rundum-sorglos-App gibt es in Deutschland noch nicht. „Jelbi“ in Berlin könnte ein guter Anfang sein. Doch für einen echten Durchbruch braucht es vermutlich ein Gesetz wie in Finnland.

Kirsten Lange/Benjamin Kühne

fairkehr 4/2019