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Reise 4/2019

Die Natur sich selbst überlassen

In der Eifel entsteht ein Urwald

Wie hat sich der Nationalpark Eifel seit seiner Gründung vor 15 Jahren entwickelt? fairkehr- Redakteurin Valeska Zepp ist auf dem neuen Wildnistrail quer durchs Schutzgebiet gewandert.

Am Ruhrsee nagen Biber an den Bäumen bis sie kippen – bestenfalls Richtung Wasser, damit sie zum Burgenbau taugen.

In hundert Jahren könnte der Eifelwald vielleicht so aussehen wie auf der Fototapete im letzten Raum der Nationalparkausstellung „Wildnis(t)räume“ in Burg Vogelsang: eine Mischung aus uralten und jungen Laubbäumen, dichtem Unterholz, mit umgekippten Baumstämmen, überwachsen von Moosen und Pilzen. Ein Lebensraum für Pflanzen und Tiere, in dem der Mensch keine Rolle spielt. „Dann hätten wir einen Urwald aus zweiter Hand“, sagt Kerstin Oerther, Leiterin des Nationalpark-Zentrums Eifel. „Wenn der Klimawandel uns keinen Strich durch die Rechnung macht“, schiebt sie hinterher.

Wie viel Wildnis in den letzten fünfzehn Jahren in den Nationalpark Eifel zurückgekehrt ist, erleben Wanderer auf dem Wildnistrail. In vier Etappen führt er einmal quer durchs Schutzgebiet. Von Monschau-Höfen im Südwesten über Einruhr, Gemünd und Heimbach bis nach Zerkall im Nordosten. Die Etappen sind zwischen 18 und 25 Kilometer lang, insgesamt bringt es der Wildnistrail auf 85 Kilometer – konditionell anspruchsvoll mit etlichen Höhenmetern.

Gleich die erste Etappe hat es in sich: Hinab ins Perlbachtal, wo im Frühjahr die Narzissen Wiesen und Wegesränder gelb tupfen. Hinauf bis Wahlerscheid und dann im stetigen Auf und Ab durchs Wüstebachtal, entlang der Dreiborner Hochfläche nach Einruhr. Ralf Hilgers, echter Eifeler und Nationalpark­ranger, macht Pause am Bach und nimmt einen Schluck Wasser. Das könne man hier unbedenklich trinken. Seine Hündin Molly tut es ihm nach und rollt sich dann neben der Bank auf einem Sonnenfleck zusammen. Den Pausenort hat der ­Ranger bewusst gewählt. Schaut man in die eine Richtung, sieht der Wald sattgrün und schon ziemlich wild aus. Er ist dicht bewachsen mit Laubbäumen und Sträuchern, deren Äste kreuz und quer wachsen und ein grünes Geflecht bilden. Dreht man sich um, tun sich die schnurgeraden Stämme eines Fichtenforsts auf. Sie stehen in Reih und Glied, der Forst wirkt aufgeräumt und düster. Ein Fichtenforst im Nationalpark?

Noch gilt das 2004 gegründete Großschutzgebiet als „Entwicklungs-Nationalpark“: 30 Jahre haben solche Gebiete Zeit, um mindestens Dreiviertel ihrer Fläche sich selbst zu überlassen – erst dann erfüllen sie die internationalen Kriterien eines Nationalparks. Diese Entwicklung bekommen Wanderer auf dem Wildnistrail hautnah mit.

Vorn schon Wald, hinten noch Forst: Das Großschutzgebiet in der Eifel ist ein sogenannter Entwicklungsnationalpark. Hier lässte man seit fünfzehn Jahren die Natur Natur sein. Es entsteht neue Wildnis.

Ein paar Kilometer weiter öffnet sich der Blick über die Rureifel. Ranger Hilgers zeigt auf eine Waldfläche am Horizont, die wie vertrocknet aussieht: „Da sind Buchdrucker und Kupferstecher am Werk – Borkenkäfer.“

48 Brombeerarten

In trockenen Sommern wie diesem ist der Befall besonders stark. Die Fichten haben keine Widerstandskraft mehr. Die Schädlinge bedrohen die Forstwirtschaft. Mitten im Nationalpark müssen die Menschen den Anblick sterbender Fichten ertragen lernen. Das gehört zum Naturschutz dazu. Nach und nach erobern sich Buchen und Eichen ihren Platz zurück – der Urwald der Zukunft entsteht.

Ralf Hilgers hat schon als Kind hier in den Bächen gespielt. Als sich abzeichnete, dass der Nationalpark kommt, schulte er als einer der ersten Eifeler Forstwirte zum Naturschutz-Ranger um. Seitdem durchwandert er beruflich die Wälder, erklärt Touristen, dass tote Bäume wichtig sind für einen gesunden Wald und Lebensraum bieten für Insekten und Vögel. Oder dass Biologen hier 48 Brombeerarten entdeckt haben. Der Ranger grüßt alle Wanderer und ermahnt Hundebesitzer, ihre Tiere anzuleinen. Manchmal muss er auch hart durchgreifen. Zum Beispiel wenn Sammler illegal Steinpilze aus dem Wald holen. Die Ranger konfiszieren dann die Pilze und erteilen Bußgelder. Das Motto der Nationalparke heißt „Natur Natur sein lassen“. Der Mensch überlässt die Natur wieder ihren ureigenen Gesetzen. Er mischt sich nicht ein, nimmt nichts aus dem System heraus und gibt nichts hinein. Für Menschen aus der Region, die seit Generationen hier Forstwirtschaft betrieben, Beeren und Pilze gesammelt und ihre Hunde ausgeführt haben, ist die Umstellung bestimmt nicht leicht. Die Akzeptanz der Bevölkerung sei aber ganz gut, meint Hilgers und „Querulanten gibt's ja immer“.

Auf der Dreiborner Hochfläche kommt Savannenfeeling auf. Der trockene, heiße Sommer hat die Fläche gelb gefärbt, hier und da unterbricht ein Busch das Grasland. Traditionell betrieben die Eifeler hier Ackerbau und Schafzucht. Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzte die Belgische Armee das Gelände als Truppenübungsplatz. Sich selbst überlassen, entsteht aus Grasland nach Jahrzehnten wieder Wald. Die ersten Sträucher und Bäume gedeihen schon: Ginster, Holunder, Schlehe, Weiß- und Schwarzdorn.

Röhrende Hirsche

Am frühen Abend kommen Rothirsche und Wildschweine aus den umliegenden Wäldern auf die Dreiborner Höhe zum Grasen. Man kann sie mit dem Fernglas gut beobachten. An manchen Tagen sind es weit über hundert. In der Brunftzeit röhren die Hirsche so laut, dass sie manchen Anwohnern schlaflose Nächte bereiten.

„Es sind zu viele“, sagt Ranger Hilgers. Die Tiere knabbern die jungen Buchen an. Die wachsen dann langsamer oder gar nicht mehr. Der Wald kommt nicht hinterher. Um den Wildbestand auf ein verträgliches Maß zu bringen, wird im Eifel-Nationalpark deshalb noch ab und zu gejagt. Auch das geht nur in einem Entwicklungsnationalpark.

Die erste Wildnistrail-Etappe endet in Einruhr, einem quirligen Dorf mit Restaurants und Gasthöfen am Rursee. Am nächsten Tag verlaufen die ersten Kilometer außerhalb der Nationalpark-Grenze. Überall dort, wo der Weg in das Großschutzgebiet hineinführt, steht eine große Infotafel mit Karte und den Nationalparkgeboten. Ein Gruppe von Frauen mit Wanderstöcken steht an der Tafel. Sie entzippen Hosenbeine und verstauen Fleecejacken. Der Ranger grüßt und ist bald mitten im Gespräch. Noch sind die Wege breit genug, dass man nebeneinander gehen und sich unterhalten kann. Am Ufer des Rursees zeigt der Ranger auf Baumstümpfe mit kegelförmigen Spitzen. Hier waren Biber am Werk.

Das Frauengrüppchen aus Trier wandert seit drei Tagen auf dem Eifelsteig. Stellenweise verläuft er parallel zum Wildnistrail. „Es ist so schön hier und das direkt vor unserer Haustür – schon genial“, sagt Marga Loch, die die Reise für ihre Kolleginnen organisiert hat. Sie nutzt die Gelegenheit und erzählt dem Ranger, dass das Gasthaus Schütt in Einruhr die erste Unterkunft auf ihrem bisherigen Weg war, die richtig gut auf Wanderer eingestellt war. Sie wurden herzlich empfangen, am Eingang war Platz für schmutzige Wanderschuhe, es gab Bürsten und Lappen zum Saubermachen und einen Trockenraum. Die Frauen loben auch das Frühstück: Mit selbstgebackenem Brot, Aufschnitt vom ortsansässigen Metzger, Eier vom Bauern, Käse, Bio-Milch und Honig aus der Region – ohne Plastikverpackung. „Das wundert mich nicht“, sagt Hilgers. „Der Familienbetrieb ist einer der 40 zertifizierten Nationalpark-Gastgeber.“

Die tollen Aussichten über Seen und den Kermeter-Wald – Kernzone des Eifel-Nationalparks – verdienen sich Wanderer auf steilen Anstiegen. Später läuft es sich wieder leicht über eine Hochebene. Vogelsang rückt näher.

Vielfalt statt Verachtung

Mit vereinten Kräften und viel Geld wurde die ehemalige Nazi-Ordensburg Vogelsang zur internationalen Bildungsstätte umgebaut. Die Nationalpark-Ausstellung Wildnis(t)räume ist ein Teil davon. Das mulmige Gefühl, das einen vor dem Umbau auf Vogelsang schnell einholte, spürt man in den hellen und großzügig gestalteten Räumlichkeiten nicht mehr. Es liegt vielleicht daran, dass die Architekten ein Haus im Haus errichtet haben. Zwischenwände schaffen einen Puffer zu den von den Nazis erbauten, denkmalgeschützten Außenmauern. Die Nationalpark-Ausstellung ist barrierefrei konzipiert. Alle Räume sind mit Rollstuhl, Kinderwagen und Rollator zugänglich. Die Lernstationen sprechen mindestens zwei Sinne an. Es gibt viele Tastobjekte, Audiostationen, Erklärungen in Gebärdensprache. Infos stehen auf Deutsch, Englisch, Niederländisch, Französisch, in Braille- und erhabener Schrift bereit.

„Sowohl für die Natur brauchen wir Vielfalt als auch unter den Menschen“, sagt Kerstin Oerther, die die Ausstellung konzipiert hat. Was konnten wir dem menschenverachtenden Nationalsozialismus Besseres entgegensetzten als einen barrierefreien internationalen Lernort, bei dem Nähe, Vielfalt und Natur im Vordergrund stehen und alle Menschen willkommen sind?“

Valeska Zepp

 

Der Eifel-nationalpark –  Fahrtziel Natur

Von Anfang an ist der Nationalpark Eifel Partner von „Fahrtziel Natur“. Das gemeinsame Projekt der Deutschen Bahn und den Umweltverbänden VCD, BUND, NABU. Fahrtziel Natur fördert den nachhaltigen Tourismus, die deutschen Großschutzgebiete und eine umweltfreundliche Anreise.
Ab Köln bringt der Zug Eifel-Nationalparkbesucher zum Beispiel bis nach Kall. Von dort pendelt ein Shuttelbus über Schleiden und Gemünd bis Vogelsang. Inhaber der GästeCard fahren kostenlos mit Bus und Bahn. Viele autofreie Ausflugstipps, Radtouren und Wanderungen liefert die ÖPNV-Wanderkarte.
www.nationalpark-eifel.de
www.nationalparkzentrum-eifel.de

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