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Titel 4/2018

Modellstadt Mannheim

Mit günstigem ÖPNV für saubere Luft

Mit preiswerten Tickets für Bus und Bahn sowie Lastenrad-Logistik will Mannheim die Gesundheit der Bürger schützen und Fahrverbote vermeiden. Reicht das aus?

Mannheim ist mit über 300 000 Einwohnern die drittgrößte Stadt Baden-Württembergs.

So siehts aus in Mannheim: Die Stadt hat eine besondere Beziehung zur Mobilität: Mannheim, am Zusammenfluss von Rhein und Neckar gelegen, ist die Geburtsstadt des Fahrrads und des Automobils. Karl Freiherr von Drais machte hier vor rund 200 Jahren seine erste Fahrt mit dem Laufrad, einem Urahnen des modernen Fahrrads. Carl Benz entwickelte in einer Mannheimer Werkstadt den ersten Zweitaktmotor und baute den Patent-Motorwagen. Heute ist Mannheim über ein S-Bahn-Netz gut an die anderen Städte in der Metropolregion Rhein-Neckar, wie Heidelberg und Ludwigshafen, angebunden. Mannheim trägt auch den Spitznamen „Quadrate­stadt“, weil die Innenstadt mit Häuserblöcken und Straßen in einem Schachbrettmuster aufgebaut ist. Die Belastung der Luft mit gesundheitsschädlichem Stickstoffdioxid lag 2017 an der Messstation Friedrichsring mit durchschnittlich 45 Mikrogramm pro Kubikmeter
Luft (µ/m3) knapp über dem EU-Grenz­wert von 40 µ/m3.

Das unternimmt die Stadt: Etwa 30 Millionen Euro bekommt Mannheim vom Bund, um bis 2020 für saubere Luft zu sorgen. Die Verantwortlichen wollen das Geld vor allem nutzen, um Autofahrer zum Umstieg auf Busse und Bahnen zu motivieren. Dabei setzen sie auf einen günstigen ÖPNV. Ab 2019 senkt der Verkehrsverbund Rhein-Ne­ckar (VRN) seine Ticketpreise für Mannheim und die Nachbarstadt Ludwigshafen auf der gegenüberliegenden Rheinseite. Einzelfahrscheine kosten dann nur noch 1,80 Euro statt 2,60 Euro. Zeitkarten werden billiger und bei den Jobtickets entfallen die Kosten für Arbeitgeber, damit mehr Unternehmen ihren Mitarbeitern die günstige Fahrkarte anbieten. Zudem verdichten die Verkehrsbetriebe den Takt der Buslinie 50, die Stadtteile außerhalb des Zentrums verbindet.

dellstadt-Projektes günstig bleiben, ist noch unklar. „Die Stadt Mannheim hat mehrfach darauf hingewiesen, dass es generell einer Verstetigung der ­ÖPNV-Förderung durch den Bund bedarf“, sagte Pressereferentin Désirée Leisner der fairkehr.

Mit dem Bau eines Micro-Hubs, einer Verladestation für Pakete am Rand der Innenstadt, wollen die Mannheimer die Emissionen des Lieferverkehrs reduzieren. Die Idee: Am Hub liefern Paketdienste ihre Päckchen ab. Von dort aus geht es per Elektrolastenrad zu den Empfängern. Dabei setzt die Stadt auf eine freiwillige Beteiligung der Paketdienste und erlässt kein Einfahrverbot für Lieferfahrzeuge.

Insgesamt haben die Mannheimer ein Maßnahmenbündel mit 18 Vorschlägen bei den zuständigen Bundesministerien für Umwelt und für Verkehr eingereicht. Von diesen lehnte der Bund einige ab, weil sie entweder nicht wirksam genug gegen Luftschadstoffe seien oder weil sie sich nicht bis 2020, dem Ende der Förderung, auswirkten. Den Bau von Radwegen muss die Stadt daher aus anderen Töpfen finanzieren.

„Nur an der Tarifschraube zu drehen, reicht nicht“, sagt Ingolf Gürtler vom VCD Rhein-Neckar.

Das sagt der VCD Rhein-Neckar: „Nur an der Tarifschraube zu drehen, reicht nicht aus, damit die Menschen vom Auto auf den ÖPNV umsteigen. Die Leute wissen, dass Bus- und Bahnfahren günstiger ist, als das eigene Auto zu nutzen, und fahren trotzdem mehrheitlich Pkw. Zudem sind 90 Prozent der Fahrgäste im VRN-Gebiet mit Zeitkarten und Jobtickets unterwegs. Ihnen nützen günstige Einzelfahrscheine nichts. Zwar entfällt die Gebühr für Firmen, die ein Jobticket einführen, gerecht geregelt ist das aber nicht. Unternehmen, die das Jobticket seit Jahren anbieten, zahlen die Gebühr weiterhin. Auch Pendler profitieren nur, wenn sie zwischen Mannheim und Ludwigshafen unterwegs sind, nicht aber, wenn sie von außerhalb in die Stadt fahren. Auch wie es nach Ende des Förderzeitraums mit den Maßnahmen weitergeht, müssen der Bund und die Modellstädte dringend klären.

Ein Fahrverbot für Autos in der Innenstadt ist nicht durchsetzbar. Schon autofreie Tage zum 200. Geburtstag des Fahrrades scheiterten 2017 unter anderem am Widerstand des Einzelhandels. Eine Möglichkeit sehe ich in der Park­raumbewirtschaftung. Wenn die Polizei Falschparker flächendeckend zur Kasse bittet, wird es teurer, mit dem Auto in die Stadt zu fahren. Außerdem brauchen wir mehr Abstellmöglichkeiten für Fahrräder und Pedelecs. Die Stadt könnte Parkplätze, unter anderem in städtischen Parkhäusern, zu Radabstellanlagen umfunktionieren.

Auch der Umstieg von Diesel- auf Elektrobusse verbessert die Luftqualität. Mannheim ist Produktionsstandort. Eine Kooperation bietet sich an.“

Text und Gesprächsprotoll: Benjamin Kühne

4/2018