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Titel 4/2018

Modellstadt Herrenberg

Schluss mit Stop-and-Go

Mit dynamischen Tempolimits und verkehrsabhängigen Ampelschaltungen will die Stadt Herrenberg für Grüne Welle sorgen.

So siehts aus in Herrenberg: Knapp 40 Kilometer südwestlich von Stuttgart liegt Herrenberg an der A81. Mit gut 31.000 Einwohnern ist sie die kleinste der fünf Modellstädte. An der Bundesstraße 296, die mitten durch das Stadtgebiet führt, wurde 2017 ein Jahresmittelwert von 47 Mikrogramm Stickoxid pro Kubikmeter Luft ermittelt. Herrenberg liegt in einer Autoregion: Der größte Arbeitgeber im Landkreis ist Daimler. Seit 2009 gibt es eine Umweltzone „Kernstadt Herrenberg“. Seit 2013 dürfen nur noch Fahrzeuge mit grüner Plakette in die Umweltzone fahren.

Der ÖPNV in Herrenberg ist Teil des Verkehrsverbunds Stuttgart. Über eine S-Bahn ist die Stadt an die nahe gelegene Metropole angeschlossen. Allerdings droht die Verbindung wegen der Bauarbeiten zu Stuttgart 21 für mehrere Jahre beeinträchtigt zu werden. Das könnte dazu führen, dass Pendler, die den ÖPNV nutzen, auf das Auto umsteigen.

Das unternimmt die Stadt: Gut vier Millionen Euro soll die Stadt im Rahmen des Lead-Cities-Programms erhalten. Sieben Maßnahmenvorschläge der Stadt hat der Bund ausgewählt. Diese teilen sich in zwei Pakete: Förderung des ÖPNV und Maßnahmen zur Verbesserung des Verkehrsflusses. Die Maßnahmen sind Teil eines Mobilitätsentwicklungsplans, an dem die Stadt seit 2015 arbeitet und der im Frühjahr 2019 verabschiedet werden soll. Mit den zusätzlichen Mitteln sollen einzelne Schritte nun schneller umgesetzt werden.

Im Bereich ÖPNV will die Stadt Ticketpreise senken und das Busangebot verbessern. Das Tagesticket des Verkehrsverbunds Stuttgart (VVS) soll im Stadtgebiet Herrenberg statt sieben nur noch drei Euro kosten. Der Preis für eine Monatskarte soll von 67,60 Euro auf 47,60 Euro reduziert werden. Die für Pendler relevanten Städte im VVS wie Sindelfingen oder Stuttgart erreicht man mit den Tickets aber nicht. Außerdem soll ein dritter Linienbus und „Linientaxis“ eingesetzt werden – kleine Busse, die das Angebot verbessern und auch in den Abendstunden auf vier Linien nach einem festen Fahrplan unterwegs sind.

Mit dem zweiten Maßnahmenpaket will die Stadt eine „Verstetigung des Verkehrsflusses“ erreichen. Unter der Überschrift „Schluss mit Stop-and-Go“ finden sich vor allem Digitalisierungsmaßnahmen: dynamische Tempolimits und verkehrsabhängige Ampelschaltungen sollen für eine Grüne Welle sorgen. Diese Maßnahme soll auch temporäre Lkw-Durchfahrtsverbote umfassen. Weiterhin will die Stadt eine intermodale Mobilitätsapp entwickeln, die es erlaubt ,über alle Verkehrsmittel hinweg den schnellsten und umweltfreundlichsten Weg von A nach B zu finden. Details zu dieser App sind noch nicht bekannt.

Auch mit baulichen Maßnahmen will die Stadt den Verkehrsfluss verbessern. An Hauptverkehrsachsen sollen Störfaktoren wie Längsparkplätze und Linksabbiege-Spuren beseitigt werden. Der freiwerdende Raum soll „teilweise für den Radverkehr genutzt“ werden. Auf zwei Straßenabschnitten sollen Busspuren eingerichtet werden.

Das sagt der VCD Baden-Württemberg: „Die Auswahl der Modellstädte ist kaum nachvollziehbar. Erfreulich ist einzig, dass der Bund endlich einsieht, dass die Förderung des ÖVs eine wichtige Maßnahme zur Luftreinhaltung ist. Das hat man bislang als wenig wirksam eingeschätzt, auch in den Luftreinhalteplänen vieler kleinerer Städte.

Damit der ÖV in Kleinstädten erfolgreich sein kann, ist ein dichter Takt wie in den Großstädten notwendig sowie ein attraktives Angebot am Abend und am Wochenende. Insofern sind die angekündigten Taktverdichtungen durch einen Zusatzbus und Linientaxis prinzipiell richtig, ebenso die verbilligten Tages- und Monatskarten. Zusätzlich sollten auch die Parkgebühren erhöht werden.

Es gibt viele Herrenbergs in Deutschland. Alle vergleichbaren Städte müssen finanziell in die Lage versetzt werden, ihren Bürgern ein besseres ÖV-Angebot bieten zu können. Hier ist der Bund gefordert, seine Förderung des ÖV massiv auszubauen und den Kommunen neue Finanzierungsmöglichkeiten zu eröffnen – etwa durch eine City-Maut oder eine Nahverkehrsabgabe.“

Text und Gesprächsprotokoll: Tim Albrecht 

4/2018