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Titel 4/2018

Modellstadt Essen

ÖPNV-Prämien

Mit Schnupperwochenende beim ÖPNV und Prämien für Neukunden und Monatskartenkäufer will Essen Fahrgäste für Bus und Bahn gewinnen.

So siehts aus in Essen: Mit 583 000 Einwohnern ist Essen die neuntgrößte Stadt in Deutschland. Der höchste gemessene NO2-Jahresmittelwert von 50 Mikrogramm lag 2017 deutlich über dem erlaubten Grenzwert. Dieser wird in Essen seit sieben Jahren überschritten. Die Feinstaub-Belastung lag 2018 an der Station Gladbecker Straße bereits 14 Mal über dem erlaubten Wert.

Im Bereich Mobilität ist die Stadt kaum innovativ: In einer Studie von 2017 zur Zukunft der Mobilität in deutschen Städten landete Essen auf einem der hinteren Plätze. Der Radverkehrsanteil von nur fünf Prozent ist der schlechteste Wert unter den deutschen Großstädten.

Trotzdem zeichnete die EU-Kommission die Stadt 2017 als Umwelthauptstadt Europas aus. Die Jury würdigte Essens Bemühungen um den Strukturwandel, den Einsatz für den Lärmschutz und die relativ hohe Dichte an Grünflächen. Aktuell wird in Essen der Ausbau der Stadtautobahn A52 diskutiert.

Das unternimmt die Stadt: Essen soll 21,25 Millionen Euro aus dem „Lead Cities“-Programm erhalten. Bei den angestrebten Maßnahmen setzt die Stadt voll auf den ÖPNV: Mit Prämien für Neukunden und Monatskartenkäufer sowie mit Gutscheinen für ÖPNV „Schnupper-Wochenenden“ sollen Menschen zum Umstieg auf Bus und Straßenbahn motiviert werden. Auch in Marketing für den ÖPNV will die Stadt Geld stecken. Außerdem will Essen den Takt bei einzelnen Straßenbahn- und Buslinien erhöhen, um den ÖPNV attraktiver zu machen. Ein Teil der Mittel soll in den Radverkehr fließen: Drei Fahrradstraßen sind geplant und sollen mittelfristig eingerichtet werden.

Ende Juli hat die Stadt einen „Masterplan Verkehr“ vorgelegt. In diesem werden 36 Maßnahmen aufgelistet, die der NO2-Reduktion im Essener Stadtgebiet dienen sollen. Diese umfassen Investitionen in den ÖPNV, den Radverkehr, E-Mobilität und die Digitalisierung des Verkehrs. Anders als Herrenberg will Essen die Gelder nicht für die Finanzierung von Maßnahmen aus dem allgemeinen Mobilitätsentwicklungsplan verwenden.

Teil des Masterplans Verkehr ist auch der Lückenschluss der A52 auf dem Essener Stadtgebiet. Die Stadt argumentiert, dass die „fehlende Fortführung“ der Autobahn zur Überlastung des innerstädtischen Verkehrs führt. So heißt es im Dokument wörtlich: „Durch die Verlagerung des Pkw- und Lkw-Verkehrs auf den neu geplanten sechsspurigen Streckenabschnitt der A52 wird der innerstädtische Verkehrsfluss von Nord nach Süd (...) erheblich verbessert und Emissionen von Lärm- und Luftschadstoffen deutlich reduziert.“

„Ein systematisches Umdenken ist nicht zu erkennen“, sagt Peter Kayser vom VCD Essen.

Das sagt der VCD Essen: „Auf der Pressekonferenz zum Masterplan Verkehr sagte Oberbürgermeister Kufen, dass ihm die Gesundheit der Bürger sehr am Herzen liege. An den vorgeschlagenen Maßnahmen ist das nicht zu erkennen. Man will lediglich an den Messpunkten die NOx-Belastung kurzfristig senken, ein systematisches Umdenken im Verkehr ist nicht zu erkennen. Man tut nur das, was auf Druck der EU und der Gerichte getan werden muss.

Mehr Geld für den ÖPNV ist gut, aber ein erhöhter Takt bringt nicht viel, wenn die Busse keine eigene Spur bekommen und im Verkehr feststecken. Ein ähnliches Beispiel: Man will Park-and-Ride-Parkplätze bauen, aber gleichzeitig setzt man auf Verstetigung des Verkehrs durch intelligente Ampelschaltungen. Wenn aber der Autoverkehr flüssiger wird, gibt es noch weniger Anreize, einen P+R-Parkplatz anzusteuern. Was den Radverkehr betrifft, will man Radabstellstationen bauen, aber keine sicheren getrennten Radwege. So kriegt man niemanden aufs Rad. Auch der Weiterbau des Radschnellwegs Ruhr durch Essen verzögert sich seit Jahren. Der politische Wille fehlt in Essen einfach.“

Text und Gesprächsprotokoll: Tim Albrecht

4/2018