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Reise 4/2018

Entwicklung in den Alpen

Durch die Berge von Wien nach Nizza

Im Sommer 2017 überquerten drei Aktivisten den gesamten Alpenbogen und dokumentierten die Veränderungen in den Alpen. Die gleiche Tour hatten sie bereits 25 Jahre zuvor gemacht.

Die Alpen sind majestätisch wie eh und jeh - aber es gibt viele Veränderungen im Alpenraum, die das Naturparadies bedrohen.

Am 3. Juni 2017 schnürten Dominik Siegrist, Harry Spiess und Gerhard Stürzlinger in Wien ihre Wanderstiefel, um vier Monate später erschöpft, aber zufrieden in Nizza einzutreffen – nach 1 800 Streckenkilometern und unzähligen Höhenmetern. Erklärtes Ziel dieses von den Alpenschutzorganisationen CIPRA und Alpen-Initiative unterstützten Abenteuers war es, sich ein umfassendes Bild vom Zustand der Alpen zu machen – im Hinblick auf Folgen des Klimawandels, Verkehrsproblematik, lokale Wirtschaft, Siedlungs- und Entwicklungspolitik und kulturelle Initiativen.

Dass sich die drei von ihrer „Whatsalp“ getauften Unternehmung einen hohen Erkenntniswert versprachen, ist nicht verwunderlich. Sie hatten den langen Weg vor genau fünfundzwanzig Jahren nämlich schon einmal zurückgelegt – in einer medienwirksamen Aktion, die unter dem Namen „TransALPedes“ in die Geschichte alpenpolitischer Initiativen eingegangen ist. Ein Jahr nach der Ratifizierung der internationalen Alpenkonvention sollte der neue Gedanke einer nachhaltigen Entwicklung in die Regionen getragen und die bereits vorhandenen lokalen Initiativen miteinander vernetzt werden. Herausgekommen war nicht nur ein in Buchform erschienener Erlebnisbericht, der die Probleme und Chancen des Alpenraums auf den Punkt brachte, sondern auch das eine oder andere alpenweite Netzwerk, das bis heute Bestand hat.

Wie damals bestand die Wandergruppe auch diesmal aus einem Kernteam, das die ganze Strecke lief, und Sympathisanten und Journalisten, die sich ihm für eine oder mehrere Etappen anschlossen. Immer wieder waren auch Wissenschaftler, politische Amtsträger und Vertreter von NGOs dabei, um die Gruppe mit Hintergrundwissen und Diskussionsstoff zu versorgen.

Bahn-Sensation im Vinschgau

Vielerorts waren die Informanten fast überflüssig, so offensichtlich ist das, was sich im letzten Vierteljahrhundert verändert hat. „Was uns schmerzhaft aufgefallen ist, ist die unglaubliche Zunahme der Straßengeflechte und des Verkehrs“, erzählt Dominik Siegrist, „nicht nur in großen Transittälern.“ Nicht weniger dramatisch sei das Anwachsen der Siedlungsflächen für Gewerbe und Zweitwohnungsbau, so der Professor für Landschaftsplanung an der Hochschule Rapperswil und langjährige Präsident der CIPRA. „Dazu die Großindustrialisierung der Wintersportstationen“: Um der deutlich spürbaren Klimaerwärmung Paroli zu bieten, würden die Hänge nun rückstandslos planiert, überall Kabel und Schläuche vergraben und hässliche Speicherseen für die Schneekanonen ins Gelände gefräst: „Fuhr man früher in der Natur Ski, so tut man das heute in sterilen Kunstwelten, um die man im Sommer nur einen weiten Bogen machen kann.“

Dass es aus Sicht der Alpenschützer auch erfreuliche Veränderungen gibt, zeigte die Etappe durch den Vinschgau, wo die Gruppe ausnahmsweise aufs Rad stieg und der Autor dieser Zeilen für spannende zehn Tage dazugestoßen war. Zur Zeit von TransALPedes gab es hier noch keinen Radweg, man hätte auf der überfüllten Transitstraße fahren, Abgase schlucken und sein Leben riskieren müssen. Inzwischen kann man an jedem zweiten Bahnhof Räder leihen und wieder abgeben. Die eigentliche Sensation ist aber die Vinschgerbahn. Ende der Achtziger hatte die italienische Staatsbahn das Aus für die Linie erklärt. Doch dann sagten Anliegergemeinden, Verkehrsplaner und Umweltschützer den vermeintlichen Sachzwängen den Kampf an. In nur wenigen Jahre entstand eine der erfolgreichsten Bahnstrecken Italiens – mit modernen Triebwagen und jährlich mehr als zwei Millionen Fahrgästen. Man kann sich leicht ausmalen, wie es auf der Straße heute aussähe, wenn sie nicht von der Bahn entlastet würde.

Die Schattenseiten des Booms

Im Vinschgau war es freilich vergleichsweise leicht, ein vorbildliches Netz des öffentlichen Verkehrs aufzubauen. Dank seines Autonomiestatus ist Trentino/Südtirol die reichste Region Italiens. Dazu kommt das florierende Geschäft mit den Obstplantagen, von denen die Talgründe inzwischen flächendeckend überzogen sind. Insgesamt werden in Südtirol jedes Jahr mehr als eine Million Tonnen Äpfel geerntet, kein kleiner Teil davon im Vinschgau.

Whatsalp an der Autobahn: Der Verkehr hat in den Alpen in den letzten 25 Jahren stark zugenommen.

Am Oberlauf der Etsch gelingt also das, was man sich für alle Alpenregionen wünschen würde: Die Bevölkerung ist weder auf talfremde Investoren noch auf neue Großprojekte angewiesen. Die Einnahmen bleiben im Tal, weil Lagerung und Vermarktung genossenschaftlich organisiert sind, statt von internationalen Konzernen diktiert zu werden. Bauern, die von der traditionellen Grünland-Wirtschaft auf die Produktion von Äpfeln umstellen, verdienen nach einer kurzen Amortisationsphase fünfmal so viel Geld wie vorher – auch, weil das Land massive Subventionen ausschüttet.

Freilich hat der Boom auch seine Schattenseiten. Erstens wird man mit Monokulturen niemals wirklich unabhängig. Zweitens haben sich die Bodenpreise vervielfacht. Und drittens machen die dreißig Mal im Jahr gespritzten Pflanzenschutzmittel auch vor den Nachbargrundstücken und Wohngebieten nicht halt.

Eine Bedrohung für Mensch und Tier, die nicht folgenlos geblieben ist. In einer Volksabstimmung hat sich Mals nun als erste europäische Gemeinde entschieden, den Einsatz von Pestiziden auf ihrem Hoheitsgebiet zu verbieten. Eine Entscheidung, die Signalwirkung haben dürfte. Nicht nur in diesem Teil der Alpen ist das Selbstbewusstsein der Bergbewohner in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Man ist es inzwischen leid, sich seine Lebensqualität durch überbordenden Verkehr und eine rücksichtslose Agrarindustrie einschränken zu lassen – eine Entwicklung, die vor fünfundzwanzig Jahren nicht einmal in Ansätzen erkennbar war. Allzu lange hatten den Alpenbewohnern die großen Städte als leuchtendes Vorbild gegolten – und die eigenen Lebensverhältnisse als schlecht, minderwertig und armselig.

Auch wenn das Erfolgsmodell des Vinschgaus noch viele Fragen offen lässt – anderswo in den Alpen wäre man froh, dessen Probleme zu haben. Statt intensiver Landwirtschaft dominieren dort Nutzungseinstellungen, Abwanderung und Verödung. Jenseits von Südtirol gibt es in ganz Italien keine ernstzunehmende Berggebietspolitik, was die friulanischen, bellunesischen, piemontesischen und lombardischen Alpenregionen überall da zu wirtschaftlichen Notstandsgebieten gemacht hat, wo es an hübschen Badeseen und renommierten Skistationen mangelt. Im Piemont durchquerte der whatsalp-Tross ein Tal nach dem anderen, in dem in den letzten Jahrzehnten fast überhaupt keine Entwicklung stattgefunden hat. Die Natur kehrt hier langsam, aber sicher zurück, sichtbar an verwildernden Almweiden, der zunehmenden Bewaldung und dem damit einhergehenden Rückgang der Biodiversität.

Abhängigkeit von den Städten

Inzwischen werden die vergessenen Täler zwischen Monte Rosa und Mittelmeer aber von zivilisationsmüden Nordeuropäern entdeckt – als Orte der stillen Erholung und des kulinarischen Genusses. Schließlich „ist die piemontesische Küche die beste der Welt“, wie schon Nietzsche wusste. Trotzdem sind die Grajischen, Cottischen und See-Alpen unterentwickelte Gebiete geblieben, die an schönen Wochenenden zwar vom städtischen Ausflugstourismus überschwemmt werden, in denen während der Woche aber Geisterstimmung herrscht. Wenn in den südlichen Westalpen irgendwo noch Landwirtschaft betrieben wird, dann im Nebenerwerb oder von Massentierhaltern aus den Tiefebenen, die ihre Tiere mit dem Lastwagen auf die Almen schaffen und von Hilfskräften aus Billiglohnländern hüten lassen. Die ökologischen Schäden auf den Weideflächen sprechen eine deutliche Sprache.

Unterwegs trafen sich die Wanderer mit dem Projekt „whatsalp youth“, bei dem sich junge Menschen für die Alpen einsetzen.

Die Täler rund um den fast viertausend Meter hohen Monviso mögen ein Extrembeispiel sein, zeigen aber eine im Alpenraum weit verbreitete Entwicklung: Viele Berggebiete sind zu sich entvölkernden Anhängseln der nahen Großstadt geworden, zu bloßen Versorgungs- und Erholungsräumen für Menschen, die kaum Wissen über und keine tiefere Beziehung zu diesem sehr speziellen Lebensraum haben. Von wenigen Ausnahmen abgesehen hat sich die Abhängigkeit von den urbanen Zentren in den letzten Jahren sogar noch verstärkt.

Die 1991 verabschiedete Alpenkonvention, die die Regionen auf eine eigenständige und angepasste Entwicklung verpflichtet, ist also nach wie vor mehr Auftrag als Realität „Sie bleibt aber die unverzichtbare Leitplanke für eine zukunftsfähige Entwicklung im Alpenraum – beispielsweise für eine klimaneutrale Gemeindepolitik oder für die vielen Ansätze zur Verbindung von hochwertiger Nahrungsmittelproduktion und Kulinarik mit dem touristischen Angebot“, sagt Harry Spiess, Professor am Institut für nachhaltige Entwicklung an der Uni Zürich. Ermutigend sei auch der Erfolg von Kooperationen wie dem Gemeindenetzwerk „Allianz in den Alpen“, aber auch die Karriere von unterschiedlichsten Kulturinitiativen. „Früher wurden unsinnige und umweltschädliche Großprojekte wie Pumpspeicherkraftwerke und neue Skigebiete bekämpft, heute hingegen wird vor allem an der Wiedereinführung traditioneller Getreidesorten und Nutztierrassen, an der Ausweisung neuer Naturparks, an verbesserten Langsamverkehrsangeboten oder an Selbstvermarktungsschienen gearbeitet.“

Erlebnis durch Technik

Dass es sich bei whatsalp um eine Fußwanderung handelte, war natürlich kein Zufall. Die alpenpolitische Alternativszene hatte immer schon ein Faible für den sanften Tourismus. Doch auch in diesem Bereich sind Konflikte aufgetaucht, an die Anfang der Neunziger noch kein Mensch gedacht hatte. Insbesondere rund um die Schweiz sind Tourismusorganisationen und Outdoor-Veranstalter nämlich dazu übergegangen, ihr Wandernetz als Mountainbike-Arena zu vermarkten. Klar, dass man damit Ärger provoziert, besonders wenn man den Radler mit sogenannten ‚Single-Trails’ in ein Gelände lockt, das zum Radfahren nicht wirklich geeignet ist. Der gemeine Rucksackträger fühlt sich nicht nur bedroht, sondern muss auch jedes Mal stehen bleiben und zur Seite treten, damit die Veloabenteurer mit ihren Kampfanzügen und Helmkameras vorbeikommen, ohne absteigen zu müssen. Schlimmer noch: In wenigen Jahren dürften E-Mountainbikes so populär geworden sein, dass auch auf klassischen Wanderwegen jenes dichte Fahrzeugaufkommen zu befürchten ist, vor dem man eben noch in die Alpen floh.

Die Kolonisierung des alpinen Erlebnisraums durch Technik ließ sich freilich auch an der whatsalp-Gruppe studieren: Bevor man es sich nach der Ankunft auf der Hütte erstmal mit einem Getränk auf der Aussichtsterrasse gut gehen ließ, stürzten die meisten zum Hüttenwart, um den Wifi-Code zu erfragen. Dann saß man eine ganze Zeit wortlos herum und starrte auf das Display seines Smart­phones. Drinnen natürlich, weil draußen zuviel Streulicht herrschte. Ging man zwischen Duschen und Abendessen dann noch mal vor die Tür, so erschien die Bergwelt, zu deren Schutz man sich auf den Weg gemacht hatte, als erstaunlich gut gemachte Computeranimation – als Kulisse, die eigentlich viel zu schön war, um wirklich zu sein. 

Gerhard Fitzthum

 

Mit Dabei: Unser Autor

Gerhard Fitzthum ist promovierter Philosoph und Reisejournalist. Er plädiert für einen Tourismus, der das Berggebiet wirtschaftlich stärkt, ohne Spuren in der Landschaft zu hinterlassen, ohne also das eigentliche Kapital, die intakte Natur, zu zerstören. Seine Vision versucht er auch als Wanderführer umzusetzen –  in vergessenen Alpenregionen, die eine touristische Entwicklung wirtschaftlich mehr als nötig haben. Sein Reiseprogramm finden Sie auf der Webseite „Tra Cultura e Natura“.

4/2018