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Politik 4/2018

Abbiegeassistent

Gefährliche Laster

Große Lkw in engen Städten sind für Radfahrer eine Gefahr. Mit der „Aktion Abbiegeassistent“ will Verkehrsminister Scheuer für Sicherheit sorgen.

Setzt auf Technik und freiwilligen Einbau: Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer von der CSU zeigt die kleine Kamera des Abbiegeassistenten an einem Lkw.

Mulmig wird einem, wenn man entlang einer viel befahrenen Straße auf dem schmalen Schutzstreifen radelt und kurz vor der Kreuzung den Luftzug eines 7,5-Tonners neben sich spürt. Dieses Gefühl der Bedrohung ist gerechtfertigt. Denn 2018 sind in Deutschland laut ADFC bereits 26 Radfahrer von abbiegenden Lkw überrollt und getötet worden, darunter drei Kinder. Abhilfe könnte der serienmäßige Einbau von Abbiegeassistenten in Lkw schaffen. Die Kombination aus Kamera und Bildschirm oder Sensor und akustischem ­Sig­nal warnt Trucker, wenn sich jemand im toten Winkel des Fahrzeugs befindet.

Im Juli stellte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer die „Aktion Abbiegeassistent“ im Bundesverkehrsministerium (BMVI) in Berlin vor. Er kündigte an, dass das BMVI die Nutzfahrzeuge der nachgeordneten Behörden bis 2019 mit Abbiegeassistenten ausrüsten werde. Auch Edeka/Netto Marken-Discount, Aldi Nord, Aldi Süd, Alba, DB Schenker und weitere Logistik­unternehmen haben sich bereit erklärt, ihre Lkw mit Abbiegeassistenten auszustatten.

„Dass Verkehrsminister Scheuer Lkw endlich sicherer machen will, ist richtig und wichtig. Doch nur auf den freiwilligen Einbau von Lkw-Abbiegeassistenten zu setzen und darauf zu warten, dass die EU eine verbindliche Regelung beschließt, reicht nicht aus“, sagt VCD-Verkehrsexperte Michael Müller-Görnert der fairkehr. Es brauche einen rechtlichen Rahmen für Kommunen, damit diesen Lkw ohne Abbiegeassistenten die Zufahrt verboten werden könnte, so Müller-Görnert weiter. Derzeit überarbeitet die EU-Kommission ihre „General Safety Regulation“ (GSR) für den Straßenverkehr. Hier wird die Kommission voraussichtlich den serienmäßigen Einbau von Abbiegeassistenten in Neufahrzeugen vorschreiben. „Bis die Regelung in Kraft tritt, haben wir 2020, vielleicht sogar 2022. Die Politik muss schneller handeln, damit nicht Monat für Monat weitere Menschen totgefahren werden“, sagt Müller-Görnert. Sobald die neue GSR gilt, dauert es noch Jahre, bis die Lkw-Flotten ausgetauscht sind und die Assistenten flächendeckend zum Einsatz kommen.

Kommunen müssen handeln

Bisher bieten wenige Hersteller einen Abbiegeassistenten als aufpreispflichtiges Extra beim Kauf eines neuen Lkw an. Für bestehende Flotten gibt es günstige Nachrüstsysteme für 500 bis 1000 Euro pro Fahrzeug. Eine zusätzliche Möglichkeit, um Lkw sicherer zu machen, sind Fahrerkabinen mit tiefem Einstieg und großen Fenstern. Diese haben eine deutlich bessere Rundumsicht als die üblichen Laster.

Bis Radfahrer beruhigt neben Lkw herfahren können, wird es noch einige Jahre dauern. Wenn Bund, Länder und Kommunen zusammenarbeiten, können sie die Entwicklung beschleunigen und viele Leben retten. Denn auch ohne neue Gesetze aus Berlin oder Brüssel können Städte und Gemeinden bei Ausschreibungen für Bauvorhaben den Einsatz von Lkw mit Abbiegesystemen einfordern oder die eigenen Fahrzeuge der Müllabfuhr nachrüsten. Und wenn die öffentliche Hand nur noch Neufahrzeuge mit Abbiegeassistenten anschafft, wächst der Druck auf die Hersteller, solche Fahrzeuge schneller und günstiger auf den Markt zu bringen.

Benjamin Kühne

4/2018