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Auf dieser Montage ist eine Seilbahn in Bonn vor dem Hochhaus Posttower zu sehen.
Foto: Uta Linnert, iStock/Dikuch, Montage Marcus Gloger
Kinder spielen auf der Straße im autofreien Quartier in Köln-Nippes.
Foto: Nachbarn60 e. V.
Eine Carsharing-Station mit zwei Autos.
Foto: Manuela Meyer/cambio

VCD aktiv 2/2018

VCD-Projektleiter René Waßmer im Interview

"Wir brauchen einen Kümmerer"

Der VCD setzt sich im Projekt „Wohnen leitet Mobilität“ für lebenswerte Wohnquartiere mit mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer ein.

Portait eines Mannes mit grau-weißen Haaren, grau-weißem Bart und schwarzer Brille in schwarzem Jakett mit weißem Hemd.
René Waßmer leitet das VCD-Projekt „Wohnen leitet Mobilität“.

fairkehr: Wie stellen Sie sich gute Mobilitätsangebote im Wohnquartier vor?
René Waßmer:
Der Zugang zu Fahrrädern, Pedelecs und E-Carsharing-Autos ist einfach. Beispielsweise durch sichere, überdachte Fahrradabstellplätze vor der Tür und eine Verleihstation am Rand des Wohngebietes. Die In­frastruktur im Quartier ist für Menschen mit Rollator oder Kinderwagen barrierefrei. Der Autoverkehr ist eingeschränkt. Das Quartier ist gut an den ÖPNV angeschlossen.

Was tut der VCD, um diese Vision zu verwirklichen?
Wir bringen Kommunen, Wohnungsunternehmen und Mobilitätsdienstleister wie Leihrad- und Carsharing-Anbieter an einen Tisch. Unsere Mitarbeiter vor Ort übernehmen die Organisation der Treffen. Wir tragen die Kosten. Die Teilnehmer verpflichten sich, für die dreijährige Projektlaufzeit zusammenzuarbeiten.

Was können professionelle Wohnungsunternehmen vom VCD lernen?
Vielen ist bewusst, dass sie die Mobilitätskonzepte für ihre Wohngebiete modernisieren müssen. Ideen, wie das aussehen könnte, haben nur wenige. Wir stellen anhand konkreter Good-Practice-Beispiele vor, was machbar ist, helfen bei der Umsetzung und bringen die relevanten Akteure zusammen.

Kann man autofreie Wohnsiedlungen bauen? Es gibt Stellplatzverordnungen, die Parkplätze vorschreiben.
Ja, das geht. In Berlin gibt es beispielsweise keine Stellplatzverordnung. Andere Kommunen ermöglichen den Wohnungsunternehmen, die Zahl der Parkplätze zu senken, wenn sie Alternativen wie etwa Fahrradabstellplätze schaffen. Und es gibt die Möglichkeit, eine Quartiersgarage am Rande des Wohnquartiers zu errichten, in der Anwohner und Gäste parken können.

Wie profitert die Wohnungswirtschaft von der Mitarbeit im VCD-Projekt?
Die Wohnungsunternehmen sind keine grünen Engel. Für sie gibt es zwei ökonomische Gründe: Parkplätze und Tiefgaragen sind teuer. Wenn sie die Zahl der Pkw-Stellplätze reduzieren können, sparen sie Raum und Geld. Der zweite Aspekt ist, dass sie durch die Mobilitätsangebote im Quartier neue Mietergruppen erschließen können.

Und Mobilitätsdienstleister?
Sie können durch ihre Präsenz im Quartier neue Kunden für sich erschließen.

Wie kann die Politik Einfluss auf die Mobilität in Wohnquartieren nehmen?
Länder und Kommunen können ihre Stellplatzverordnungen reformieren. Damit können sie die Zahl der Parkplätze reduzieren, die in einem neuen Wohnquartier gebaut werden müssen, und Alternativen für Pkw-Stellplätze festlegen.

Das Projekt läuft noch bis Ende 2019. Was hat der VCD noch vor?
Mitte des Jahres gehen wir mit einer Datenbank guter Beispiele online. Wir setzen stärker auf die Einzelberatung von Projektentwicklern und Workshops für die Dachverbände der Wohnbaugesellschaften. Zudem geben wir am Ende des Projektes einen Leitfaden mit unseren Erkenntnissen heraus. Und da unser Projekt sehr erfolgreich ist, wünschen sich alle Akteure eine Möglichkeit, diese Arbeit weiterführen zu können.

Wie könnte die Zukunft aussehen?
Die Projektteilnehmer haben wiederholt einen Wunsch geäußert: „Wir brauchen einen Kümmerer.“ Mir schwebt ein ständiges Kompetenzzentrum für Mobilität im Wohnquartier vor.

                                                                                                                                                                                                                                                   Interview: Benjamin Kühne

"Wohnen leitet Mobilität"

Der VCD vernetzt Kommunen, Wohnungsunternehmen und Mobilitätsdienstleister in mehreren deutschen Regionen. Gemeinsam schaffen die Akteure Mobilitätsangebote im Wohnquartier, die Anwohner dazu anregen sollen, auf Fahrrad, ÖPNV oder E-Carsharing-Autos umzusteigen. So können Abgase und Lärm reduziert werden. Öko-Institut und Deutscher Mieterbund unterstützen den VCD bei seiner Arbeit. Das Bundesumweltministerium fördert das Projekt im Rahmen der Nationalen Klimaschutzinitiative.

Eine Einführung in das Thema bietet der Themenkompass „Intelligent mobil im Wohnquartier“ .
Bestellen: womo@vcd.org

fairkehr 2/2018