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Titel 2/2018

Radverkehr fördern

Umwelt schonen, Arbeitswege radeln

Bei Post- und Lieferdiensten ist das Fahrrad nicht mehr wegzudenken. Auch in anderen Branchen kann es eine Alternative zum Auto werden. Wenn der Bund die Voraussetzungen schafft.

In Bremen kennt man Theodor Röhm, den radelnden Installateur. Er er ist schon seit über 17 Jahren auf den Straßen der Stadt unterwegs.

Ein Viertel der Fahrten im Wirtschaftsverkehr in Deutschland ließen sich bis 2030 auf Fahrrad, Pedelec und Lastenrad verlagern. Das zeigt eine Studie des Deutschen Instituts für Luft- und Raumfahrt (DLR).

In etwas mehr als zehn Jahren könnte es in deutschen Städten demnach so aussehen: Auf breiten Radwegen sind ganze Flotten aus Postboten, Kurieren und Lieferanten unterwegs. Handwerker fahren mit dem Lastenrad zum Kunden, Altenpfleger mit dem Pedelec zum Patienten. Es finden deutlich weniger Fahrten in Autos und kleinen Transportern statt, deshalb verbessert sich die Stadtluft – die Feinstaub-Emissionen sinken jährlich um 100 Tonnen, die Stickoxid-Emissionen sogar um 2 000 Tonnen,

Auch die Wirtschaft profitiert: Ein Handwerker, der ein Jahr lang mit dem E-Lastenrad zum Kunden fährt statt mit dem Kleinstwagen, spart gut 2 700 Euro. Ein Kurier, der mit dem E-Bike durch die Stadt fährt, liefert am schnellsten. Um das Potenzial des Fahrrads im Wirtschaftsverkehr auf die Straße zu bringen, müssen Bund, Länder und Kommunen noch einiges tun: Die DLR-Forscher empfehlen in ihrer „Untersuchung des Einsatzes von Fahrrädern im Wirtschaftsverkehr“ eine Kaufprämie für Lastenfahrräder, da diese für kleine Unternehmen einen große Investition darstellen, und den Ausbau von Radwegen. Der VCD-Vorsitzende Wasilis von Rauch geht mit seinen Forderungen noch weiter.

Lust aufs Radfahren

Menschen, die heute schon aufs Rad im Job setzen wie die Bestatterin aus Kopenhagen, der Revierförster im Rothaargebirge und der Bonner Verleger aus unserer Titelstrecke (Seiten 16, 17 und 24) fahren ihre beruflichen Wege vor allem deshalb mit dem Rad, weil sie es wollen. Nachahmer werden sie nur finden, wenn bei anderen Menschen die Bereitschaft zum Radfahren steigt. Bund, Länder und Kommunen können selbst mehr Dienstfahrräder und -pedelecs anschaffen und mit gutem Beispiel vorangehen. „Wenn der Referatsleiter aus dem Ministerium oder die Bürgermeisterin zu ihren Außenterminen mit dem Pedelec fahren, hat das Signalwirkung“, sagt der VCD-Bundesvorsitzende Wasilis von Rauch. Auch mit Imagekampagnen pro Dienst- und Lastenrad kann der Staat zu einem Umdenken in der autofixierten deutschen Gesellschaft beitragen.

Lastenräder fördern

Über ein Dutzend Kaufprämien für Lastenfahrräder gibt es auf Landes- und kommunaler Ebene. In Baden-Württemberg nutzen Unternehmen, öffentliche Hand und gemeinnützige Vereine das Förderangebot des Landesverkehrsministeriums: Zwischen November 2017 und März 2018 hat es bereits 200 Lastenfahrräder mit einer halben Million Euro bezuschusst. Der Erfolg des Programms habe die Erwartungen im Verkehrsministerium übertroffen, teilte Pressesprecherin Julia Pieper mit. Noch bis 2021 können Interessenten Förderanträge einreichen.

Die erste deutschlandweite Lastenrad-Kaufprämie ist am 1. März gestartet. Das Bundesumweltministerium (BMUB) – nicht etwa das Verkehrsministerium – bezuschusst Unternehmen, Kommunen und gemeinnützige Vereine beim Kauf von elektrischen Schwerlastfahrrädern. Das sind meist Dreiräder mit einer großen Ladebox hinter dem Fahrer. Auch den Kauf von Lastenanhängern und Gespannen fördert das BMUB. Der Zuschuss beträgt 30 Prozent des Anschaffungspreises, maximal aber 2  500 Euro pro Fahrzeug.

„Die Förderung für Schwerlasträder kann durchaus wirken. Allerdings sind die Hürden, um einen Zuschuss zu bekommen, zu hoch“, sagt Wasilis von Rauch. Der Bund fördert nur Räder, die eine Zuladung von mindestens 150 Kilogramm, ein Transportvolumen von einem Kubikmeter und einen Elektromotor zur Tretunterstützung haben. Die Forscher des DLR sehen Verlagerungspotenzial vor allem bei kleineren Lastenrädern mit Zuladung bis zu 50 Kilogramm.

Ökologisch steuern

Der VCD fordert auch die Abschaffung der Steuervorteile für den Dieselkraftstoff. „Ohne diese Subventionen wäre der Unterschied zwischen den Betriebskosten von Dieseln und Lastenrädern noch viel größer als heute. Dann würden sich die Fahrräder auch ohne Förderprogramme durchsetzen“, so der VCD-Vorsitzende von Rauch.

2017 wurden 2,2 Millionen Pkw von gewerblichen Haltern neu angemeldet. Grund für die hohe Anzahl von Dienstwagen in Deutschland ist eine steuerliche Regelung: Viele Firmen belohnen ihre Mitarbeiter mit einem Dienstwagen, den diese dann sowohl für berufliche als auch für private Fahrten nutzen. Die Mitarbeiter versteuern lediglich ein Prozent des Neupreises. Das gilt zwar auch für Dienstfahrräder, aber mit dem Dienstwagen lässt sich ungleich mehr Geld sparen.

Der VCD fordert die neue Bundesregierung auf, die Dienstwagenregelung anhand ökologischer Kriterien zu überarbeiten: „Der Bund will E-Autos mit 0,5 Prozent des Anschaffungspreises besteuern. Spritfresser sollten im Gegenzug deutlich höher besteuert werden. Dienstfahrräder und E-Bikes könnten dagegen auch steuerfrei privat genutzt werden. Für die BahnCard100 und das Jobticket sollten attraktivere Konditionen geschaffen werden“, sagt von Rauch.

Infrastruktur ausbauen

Die DIN-Norm, die Standards und Prüfverfahren für Transport- und Lastenfahrräder festlegt, erscheint erst Mitte 2018. Auch die „DGUV-Infomation“ der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, die Empfehlungen zur Wartung der Lastenräder, Ladungsverteilung und zur Einweisung der Fahrer gibt, erscheint erst Ende des Jahres. Daher sind Fragen des Arbeitsschutzes beim Lastenrad offen. In der Konsequenz stehen Unternehmer vor der Frage: Was müssen wir tun, damit unsere Angestellten sicher unterwegs sind und die Versicherung im Falle eines Lastenrad-Unfalls bei einer Dienstfahrt zahlt? Solange Ungewissheit in den Unternehmen herrscht, ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass sie auf Lastenräder setzen.

Damit Lasten- und Diensträder in Flottenstärke durch deutsche Städte rollen können, müssen die Kommunen die Infrastruktur an die Bedürfnisse des Fahrrad-Wirtschaftsverkehrs anpassen: „Bei gewerblichen Transporten kommt es auf Geschwindigkeit an. Radwege müssen breit genug sein, dass sich zwei einspurige Lastenräder gefahrlos überholen können“, sagt VCD-Bundesvorstand von Rauch. Auch steile Rampen und hohe Bordsteinkanten sind für voll beladene Lastenräder oder Fahrräder mit Anhänger Hindernisse. Abstellanlagen für diese Räder gibt es kaum. Um das zu ändern, kann der Bund an zwei Stellen ansetzen: Er kann Förderprogramme aufsetzen, die Kommunen beim Ausbau der Fahrradinfrastruktur finanziell unterstützen. Er sollte aber auch die „Empfehlungen für Radverkehrsanlagen“ (ERA) dringend überarbeiten lassen. Das technische Regelwerk, das von der Forschungsgesellschaft FGSV herausgegeben wird, empfiehlt Maße für Radwege, Schutzstreifen und Co. Hier kann der Bund darauf hinwirken, die Bedürfnisse des Fahrrad-Wirtschaftsverkehrs zu berücksichtigen.

Bis Handwerker auf dem Lastenrad und Altenpfleger auf dem Pedelec zum gewohnten Straßenbild gehören, bleibt für die Bundesregierung viel zu tun: Sie muss Subventionen für den Verkehr anhand von ökologischen Kriterien neu verteilen. Die Unternehmen brauchen Rechtssicherheit. Kommunen brauchen Vorgaben und finanzielle Unterstützung für den Ausbau der Fahrradinfrastruktur. All das kann nur gelingen, wenn der neue Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer Verantwortung übernimmt, statt sich wie sein Vorgänger hinter der Position zu verstecken, dass der Bund für Fahrradpolitik nicht zuständig sei.

Benjamin Kühne

Lastenrad-Förderprogramme (D, A, CH) im Überblick

fairkehr 2/2018