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Titel 2/2018

Förster auf dem Fahrrad

Wendig im Revier

Mountainbiker im Wald treiben Sport oder suchen Erholung. Martin Sorg hingegen arbeitet. Er ist Förster im Siegerland.

Mit breiten Reifen durch den Wald: Abenteuer für Sportler, Arbeit für den Förster.

Martin Sorg ist Deutschlands erster Revierförster, der ein E-Bike als Dienstfahrzeug nutzt. Seine Arbeitgeberin, die Landesforstverwaltung NRW, hatte ihn und seine Kollegin Uta Birkhölzer aus dem benachbarten Forstbezirk Holzklau schon 2014 auf eigenen Wunsch mit E-Bikes als Dienstfahrzeuge ausgestattet. Damit gehen die beiden auf Revierfahrten durch die ihnen anvertrauten Wälder im nordrhein-westfälischen Siegerland. Die Region des Rothaargebirges steigt mit vielen kleinen und größeren Hügeln bis auf über 600 Meter an. Die meist nur grob befestigten Waldwege und schmalen Pfade mit teils erheblichen Steigungen sind ein ideales Mountainbike-Revier.

Wir treffen Martin Sorg und seine Kollegin Uta Birkhölzer am Forsthaus im Ortsteil Littfeld. Heute fährt Sorg testweise ein Modell mit extra breiten Rädern, ein sogenanntes Fatbike mit Elektroantrieb. Die dienstliche Forstausstattung nehmen zwei wasserdichte Packtaschen an den Gepäckträgern vorn und hinten auf, ein geländegängiger Einspuranhänger das Werkzeug des Försters. Uns interessiert: Wie vertragen sich Förster und Fahrräder im Wald? Klappt die Verständigung zwischen Naturschutz, Freizeitgestaltung und Waldwirtschaft?

Schnell ist klar: Von Rivalität zwischen Förstern und Bikern keine Spur. Förster Sorg schaut mit einem professionellen Blick aufs Rad. Das Leuchten in den Augen, das Bike-­Freaks entlarvt, ist ihm fremd. Stattdessen pragmatische Sätze wie: „Während ein ausgewachsener Dienstwagen auf 100 Kilometern rund 13 Euro benötigt, nur um den Tank wieder zu füllen, begnügt sich das E-Bike mit Strom im Wert von 25 Cent.“

Kritisch beäugen die Waldarbeiter den zweirädrigen Breitreifen-Boliden.

Sorg tritt in die Pedale und erreicht auf der ansteigenden Straße trotz beträchtlicher Beladung schnell eine Reisegeschwindigkeit knapp unter der 25-km/h-Schwelle, bei der sich der Motor automatisch abschaltet. Binnen weniger Minuten überqueren wir die Asphaltgrenze und sausen über Forstwege zum Waldrand. Zwei flinke Abbiegemanöver später befinden wir uns auf schmaleren Pfaden: „Das sind Verbindungswege, die vor Jahrhunderten für den Erztransport genutzt wurden“, erklärt Uta Birkhölzer, „mit einem Dienstwagen sind die nicht befahrbar.“ Die Reichweite der E-Bikes ist nach Erfahrung von Martin Sorg im Mittelgebirge und auf Schotter zwar deutlich geringer als im Flachland, sei „aber mit 35 bis 50 Kilometern ausreichend“, bilanziert der Forstfachmann.

Breite Reifen auf Probefahrt

Vorbei die Ruhe im Forst. Kettensägen hallen durch die Baumkronen. Wir treffen auf Manfred und Herbert Hellner sowie Dirk Schmitt. Die drei Waldarbeiter begrüßen Sorg siegerländisch trocken und gleichzeitig herzlich. Kritisch beäugen sie den Breitreifen-Boliden. Der Förster erklärt: „Darauf haben wir gerade alles verladen, was ich heute brauche. Und wo ich damit hinfahre, kommt ihr mit eurem Geländewagen noch lange nicht durch.“ Die Reaktionen der Waldbesucher, -besitzer und Kollegen seien überwiegend positiv, sagt Försterin Birkhölzer. „Ich habe mehr Kontakt zu Waldbesuchern als aus dem Auto heraus. Oft werde ich direkt angesprochen. Daraus ergeben sich immer wieder Gespräche über den Wald und die Forstwirtschaft.“

Mit dem E-Bike finden persönliche Vorlieben und betriebliche und ökologische Vorteilen zusammen, ist Sorg überzeugt. Da wäre der niedrige CO2-Ausstoß. „Der wird zwar nicht die Welt retten, ist aber ein Signal für Elektromobilität im Arbeitsalltag. 270 Gramm pro Kilometer im Geländewagen gegen

0,006 Gramm beim E-Bike. Und wenn die benötigte Energiemenge aus Ökostrom stammt, ist die Umweltbilanz eigentlich unschlagbar.“ Forst-Frau Birkhölzer ergänzt: „Darüber hinaus besteht keine Gefahr durch austretendes Benzin oder Öl.“ Zwar sei man im Außendienst im Vergleich zum Innendienst körperlich deutlich mehr in Bewegung, trotzdem würden die Fahrzeiten im Auto immer länger. „Beim Thema Fitness bekommen die E-Bikes daher nochmal ein dickes Plus.“

Schon seit vier Jahren fährt Försterin Uta Birkhölzer in Holzklau mit dem E-Bike durchs Revier.

Die vier Zoll breiten Reifen am Fatbike belegen fast die komplette Breite des schmalen Pfades, den wir als direkte Verbindung zwischen zwei Wanderwegen nehmen. „E-Bikes haben im Gelände ihre Vorteile“, meint Sorg. „Gegenüber einem Auto können wir auch sehr schmale Wege befahren. So verkürzen sich die Fahrstrecken um bis zu 30 Prozent.“ Vor allem nach Unwettern ließen sich umgestürzte Bäume auf den Wegen einfach umfahren oder umtragen.

Überhaupt sei das E-Bike als Förster-Fahrzeug eine sichere Sache. Langes Zurücksetzen in Stichwegen und Wendemanöver an unübersichtlichen Stellen entfielen, so Sorg. „Am häufigsten treten Schäden an Dienstfahrzeugen durch Unfälle beim Rückwärtsfahren auf.“ Auch die Wahrnehmung von Geräuschen und Gerüchen und das Sichtfeld verbesserten sich auf dem E-Fahrrad. „Man ist mit allen Sinnen einfach näher dran am Lebensraum und Arbeitsplatz Wald“, so das einstimmige Urteil der beiden Forstleute. Das E-Bike punktet bei ihnen nicht nur im Vergleich zum Auto, sondern auch gegenüber dem Laufen: „Mein Aktionsradius ist deutlich größer, ich bin schneller und meine Ausrüstung muss ich auch nicht schleppen“, sagt Martin Sorg.

Unser Autor Gunnar Fehlau, Chef beim pressedienst-fahrrad, besuchte Förster Sorg in seinem Revier und brachte ihm das E-Fatbike „Outfitter“ der Firma Felt für eine Probefahrt mit.

Auch spielt die Zeitersparnis eine wichtige Rolle. „Wir haben den direkten Vergleich gemacht und gemerkt, dass wir mit dem E-Bike oft schneller sind als mit dem Dienstwagen“, so Sorg. „Ein Drittel aller Revierkilometer habe ich in den letzten Jahren mit dem E-Bike zurückgelegt.“ Nur bei gemeinsamen Revierfahrten mit Waldbesitzern, Anwärtern oder Praktikanten sei der Dienstwagen weiterhin unersetzlich. Gleiches gelte bei Regen, Schnee und starker Kälte. „Aber wenn die Bereitschaft vorhanden ist, lassen sich E-Bikes erfolgreich und ökonomisch im Revier einsetzen. E-Bikes sind eine in allen Belangen sinnvolle Ergänzung der Revierausstattung. Und Modelle wie gut gemachte Fatbikes mit breiten Reifen machen obendrein Spaß“, fasst Förster Sorg zusammen. Der Vorsteher einer Waldgenossenschaft hat bei Sorg schon angemeldet, für die nächste Waldbegehung sein E-Bike mitzubringen.

Gunnar Fehlau

fairkehr 2/2018