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Kolumne 1/2018

Das Geheimnis des Habenwollens

Auto zu teuer? Gibt‘s nicht, wenn die richtigen Extras das Habenwollen wecken.

Wer sich beim Golf Diesel für das größere Infotainment-System entscheidet, zahlt schon mal einen Aufpreis von 2 500 Euro. Das ist nur eine Frage des Haben- oder Nichthabenwollens. Erst zum Haben-Wollen: An Weihnachten erzählte mir ein Bekannter, er habe sich ein Elektroauto bestellt und werde somit ab Februar nicht mehr in der Gegend rumdieseln. Es gibt eben nichts Gutes, außer man tut es. Er wolle das jetzt einfach haben. Jetzt und nicht erst 2022. Merke: Wenn man etwas haben will, dann ist vieles möglich.

Auch Industrie und Regierung wollten etwas ganz dringend: nicht so sehr Elektroautos, sondern ein flottes „Flotten­erneuerungsprogramm“. Die Hersteller bieten den Haltern von Dieselautos mit der Abgasnorm Euro 4 oder schlechter eine Kaufprämie an, wenn diese sich ein neueres Fahrzeug anschaffen – die super Idee beim letzten Dieselgipfel. Wie man so hört, war die Aufforderung zur Verschrottung wieder ein gutes Geschäft für die Autokonzerne. Die sonst üblichen Sonderaktionen und Rabatte hießen jetzt eben „Umweltbonus“. Und das viele Geld wurde wiederum vorwiegend in Steinzeitverbrennern angelegt. Trotz anderer Darstellung in den Medien – „alle Dieselfahrer kurz vor der Privatinsolvenz“ – spielt Geld nämlich beim Autokonsum keine Rolle. Nach den neuen Zahlen des Car Centers kostete der durchschnittliche Neuwagen im Jahr 2017 über 32 000 Euro. Das müssen starke Habenwollen-Gefühle sein. Die Überraschung: Trotz Dieselgate wurden im Jahr 2017 immerhin 3,44 Millionen Neuwagen zugelassen, das waren 2,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Da geht was.

Stimmt das Habenwollen allerdings nicht, haben wir ein Problem. Nehmen wir das Euro-5-Stickoxid-Desaster. Fahrverbote für recht junge, aber schmutzige Euro-5-Autos wollen Regierung, Industrie und Dieselfahrer nicht haben. Große Emotionen. Stattdessen wollen sie Software-Updates für100 Euro, die sehr kostengünstig sind, allerdings eher bescheidene Ergebnisse liefern. Leider sieht es nämlich mit der Emotion für das Extra „Super saubere Luft“ nicht so gut aus. Denn eigentlich bekommt man, wie bei einem Navi, für ein bisschen mehr Geld einfach bessere Qualität und mehr Stickoxide weggeputzt. Mit dem Einbau einer zusätzlichen Abgasreinigung im Euro-5-Diesel könnten die Fahrzeuge nach Angaben von Nachrüstern für 2 000 Euro die Euro-6-Werte auch auf der Straße einhalten. Diese Nachrüstung müsste bekanntlich mit einer Nachrüste-Verordnung und einer blauen Plakette gesetzlich verankert werden, inklusive freier Fahrt bei Fahrverboten in der Innenstadt. Das Problem: Die Nachrüstung hätte leider keine Auswirkung auf die Größe des Infotainment-Systems. Wer sich beim Golf Diesel für das größere Infotainment entscheidet, zahlt nämlich nur einen Aufpreis von 2 500 Euro, aber das hatte ich bereits erwähnt.

Ja, ich weiß, die armen Dieselfahrer wurden von den Autobauern ganz gemein reingelegt. Sie wollten zwar Infotainment, aber keine Stickoxide. Also spricht nix dagegen, dass die Industrie die Umrüstung zahlt. Danach sieht es aber nicht aus, weil die Politik sich nicht traut, das durchzusetzen. Eine interessante Frage: Wird dann freiwillig nachgerüstet? Werden dann wenigstens jene Euro-5-Fahrer, die sich das größere Navi leisten konnten, das Gefühl entwickeln, eine Nachrüstung sei noch toller als eine Sitzheizung oder neue Alufelgen? Als Auto­gefühlsexperte denke ich: eher nicht. Anders als ein warmer Hintern ist ein stickoxidfreier Auspuff irgendwie unsexy. Das neue Apple iPhone X kostet übrigens mit 256 GB schlappe 1 329 Euro. Es verkauft sich anscheinend super, leider wärmt es weder den Hintern noch reinigt es die Luft in der Stuttgarter Innenstadt. Aber die Emotion stimmt.

Martin Unfried

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fairkehr 2/2018

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