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Titel 6/2016

Überall, auch auf dem Land, mit Öffis fahren können

Illustration: Zentangle/shutterstock.com

Natürlich liegt es nicht nur am Preis, ob Menschen in den Bus oder die Bahn steigen. Wo öffentlicher Nahverkehr vor allem Schülertransport bedeutet, der letzte Bus um 18 Uhr das Dorf verlässt und am Wochenende gar keiner fährt, nutzen die Einwohner das Auto – so sie eines besitzen. Ein Problem vor allem dünn besiedelter Landkreise. Die Ersten denken um – um zu verhindern, dass noch mehr Menschen ihre schlecht erschlossene Heimat verlassen.

Ein Vorreiter ist der Mitteldeutsche Verkehrsverbund. Er hat in Rahmen seiner Strategie MDV 2025 verschiedene Projekte ins Leben gerufen, die neue Kundengruppen erschließen sollen. Seit mehr als zwei Jahren arbeitet der MDV am Modellvorhaben „Muldental in Fahrt“. Fürs gute Gelingen hat der MDV alle mit ins Boot geholt: Landkreis, Kommunen, sämtliche Verkehrsverbände und -unternehmen. Die Region will einen „neuen Nahverkehr für alle Bürger“ bieten: an sieben Tagen in der Woche, nicht nur an Schultagen – mit einem neu konzipierten regionalen Busnetz sowie Stadtbussystemen in den Kommunen Brandis, Grimma, Colditz und Bad Lausick. Die Regionalbusse sollen ein Einzugsgebiet mit etwa 100000 Einwohnern in einem festen Ein- oder Zwei-Stunden-Takt anfahren. Sie werden laut Planungen an die S-Bahn und die Regionalbahnen angebunden. Auch zwischen den Stadtbussen, die in den vier Kommunen im 30-Minuten-Takt fahren sollen, und den Bahnen sind laut Konzept die Umstiege gesichert. Nach dem Motto „Barrierefreiheit beginnt mit der Entfernung zur nächsten Haltestelle“ entstehen in den vier Kommunen außerdem zahlreiche neue Busstopps. Der Kreistag hat „Muldental in Fahrt“ Ende September einstimmig beschlossen. Im Dezember startet das Projekt mit den ersten vier erneuerten Regionalbuslinien. Ab August 2017 sollen alle 29 geplanten Linien im festen Taktverkehr fahren.

Dass ein Landkreis einen zukunftsweisenden Plan für seinen Nahverkehr umsetzt, ist längst nicht die Regel. Zwar sind Kreise und Städte in der Regel verpflichtet, Nahverkehrspläne zu erstellen, in denen sie unter anderem darlegen, wie sie den ÖPNV organisieren, weiterentwickeln und finanzieren wollen. „Doch viele Kommunen kommen dieser Pflicht nicht angemessen nach“, kritisiert der ÖPNV-Experte des VCD Michael Ziesak. „Es reicht nicht, seit Jahrzehnten bestehende Fahrpläne der Unternehmen als Nahverkehrsplan auszugeben.“

Der Kreis Uckermark setzt in seinem Plan auf das bereits mehrfach ausgezeichnete Konzept KombiBus: Seit September 2012 befördert die Uckermärkische Verkehrsgesellschaft neben Fahrgästen auch Güter. Die Linienbusse transportieren Pakete und Briefe, Lebensmittel lokaler Produzenten zu Dorfläden, Restaurants, Hotels oder das Gepäck von Wandertouristen. Das Konzept soll den öffentlichen Personennahverkehr wieder wirtschaftlicher machen. „Dafür reicht es jedoch nicht, KombiBusse in nur einem Landkreis einzusetzen“, sagt Anja Sylvester, KombiBus-Projektleiterin beim Verkehrsplanungsunternehmen Interlink, das das Konzept gemeinsam mit zwei weiteren Planungsbüros entwickelt hat. Notwendig sei eine flächenhafte Bedienung, beispielsweise in ganz Brandenburg. Hier ist das Land den Planern zur Seite gesprungen. Ende Juni veröffentlichte das Ministerium für Infrastruktur und Landesplanung eine Richtlinie, nach der Verkehrsgesellschaften in Brandenburg mit 70000 Euro gefördert werden können, wenn sie auf ihren bestehenden Buslinien den KombiBus-Ansatz einführen. Seitdem zeigen mehr Landkreise Interesse. In Thüringen setzt beispielsweise der Saale-Orla-Kreis KombiBusse ein.

ÖV trotz später Abendstunde

Selbst so umfassende Modellvorhaben wie „Muldental in Fahrt“ können allerdings ein Manko des ländlichen ÖPNV nicht lösen: die fehlenden Verbindungen in den späteren Abendstunden. Viele Verkehrsverbünde stopfen diese Versorgungslücke mit Rufbussen oder Anrufsammeltaxis. Die Minibusse oder Großraumtaxis fahren als Linienverkehr nach Fahrplan. Sie steuern eine Haltestelle allerdings nur dann an, wenn die Fahrgäste sie, je nach Verkehrsverbund, eine halbe Stunde bis

90 Minuten vor Abfahrt bestellen. Im brandenburgischen Landkreis Prignitz bindet ein Rufbus seit diesem August alle Orte mit mehr als 150 Einwohnern an. „Im Einzelfall sind Rufbusse die Lösung oder eine gute Ergänzung“, sagt ÖPNV-Experte Ziesak, „aber die Verkehrsverbünde müssen sie in der Regel hoch bezuschussen.“     

Kirsten Lange

Mehr Infos:
www.mdv.de/ueber-uns/projekte
www.uvg-online.com > KombiBus

fairkehr 3/2021