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Titel 6/2016

Einfach einsteigen und losfahren

Illustration: Macrovector/shutterstock.com

Einzel- und Kurzstreckentickets, Viererkarten, Gruppen-, Tages- und Wochentickets, Monatsabos, Fahrscheine, die erst ab 9 Uhr gelten, Ermäßigungen für Schüler, Azubis und Senioren – wer blickt da noch durch? Radikal vereinfachen könnten das Bus- und Bahnfahren Bürgertickets, fahrscheinloser ÖPNV oder E-Tickets.

Das Bürgerticket ist ein solidarisches Modell. Alle Stadtbewohner zahlen eine Nahverkehrsabgabe und bekommen im Gegenzug ein ÖPNV-Ticket. Je nachdem wie hoch die Kommunen den Preis dafür ansetzen, können sie damit sogar den Ausbau des ÖPNV finanzieren. Im Vergleich zu einer Jahreskarte wäre die Nahverkehrsabgabe erstaunlich günstig: In der 85000-Einwohner-Stadt Tübingen wird seit 2008 über ein Bürgerticket diskutiert. Der Preis soll zwischen 100 und 150 Euro liegen. Derzeit kostet die Jahreskarte des Stadtverkehrs Tübingen 439 Euro. Zur Bundestagswahl 2017 wird Tübingen die Meinung zum Busticket für alle bei einer Bürgerbefragung erheben.

Beim fahrscheinlosen ÖPNV decken Steuergelder die Kosten für den Betrieb von Bussen und Bahnen. Das Konzept wurde beispielsweise im brandenburgischen Templin erprobt, einem Ort mit 16000 Einwohnern und vielen Touristen. Hier konnte die örtliche Uckermärkische Verkehrsgesellschaft (UVG) nur 14 Prozent ihrer Betriebskosten über die Ticketeinnahmen decken. In der Altstadt fuhren täglich 17000 Autos. Um diese Belastung zu reduzieren, entwickelten Stadt, Landkreis Uckermark und UVG gemeinsam einen fahrscheinlosen Busverkehr, der im Dezember 1997 startete. Gleichzeitig erhöhten sie die Zahl der Bushaltestellen von 27 auf 42 und verdichteten den Takt der wichtigsten Busse auf 30 Minuten, später auf 20 Minuten. Die Fahrgastzahlen explodierten: Im Spitzenjahr nutzten 600000 Menschen den ÖPNV. Die UVG musste ihr Angebot erweitern, die Kosten stiegen. Seit 2003 bekommen deshalb Übernachtungsgäste eine über die Kurtaxe finanzierte Kurkarte, mit der sie die Busse im Stadtgebiet kostenfrei nutzen können. Einheimische können für 44 Euro eine Jahreskurkarte kaufen. Alle anderen brauchen Fahrscheine. Mit aktuell 250000 Fahrgästen nutzen immer noch deutlich mehr Menschen den ÖPNV in Templin als 1997.

Der VCD hält ÖPNV zum Nulltarif dort für sinnvoll, wo Bus und Bahn wenige Fahrgäste haben und die Kostendeckung durch den Ticketverkauf gering ist. Hier helfen zeitlich begrenzte kostenlose Angebote Kunden zu gewinnen – so wie in Templin. In großen Städten wie Berlin, Hamburg, München oder Köln sind Busse und Bahnen allerdings ausgelastet. Und zwar nicht nur morgens und abends, sondern den ganzen Tag. „Dort müssten erst einmal die Infrastruktur ausgebaut und das Angebot erweitert werden. Jedem ein Ticket zu finanzieren, damit mehr Menschen auf Bus und Bahn umsteigen, würde nicht funktionieren“, sagt Michael Ziesak, ÖV-Experte des VCD. Auch öffentlicher Verkehr verursache Kosten und belaste die Umwelt. Daher sollte der ÖPNV – wie Wasser und Strom – nicht generell kostenlos sein. Günstige Mobilität für Menschen mit geringem Einkommen könne über ermäßigte Sozialtickets angeboten werden.

Das eTicket machts einfacher

Es gibt eine technische Lösung, die Fahrgästen die Qual der Ticketwahl erspart. Die Kolibricard des Kreisverkehrs Schwäbisch Hall ist eine Chipkarte, mit der sich Fahrgäste an Terminals an den Haltestellen oder in Bus und Bahn zu Beginn der Fahrt einloggen. Beim Aussteigen loggen sie sich wieder aus. Der Fahrpreis wird automatisch berechnet.

Die Kolibricard basiert auf dem Standard „eTicket Deutschland“ des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV). Das gilt für Chipkarten und Apps vieler Verkehrsverbünde. Wer sich ein Konto bei einem teilnehmenden Verbund einrichtet, kann in dessen Tarifgebiet mit dem eTicket seinen Fahrschein bargeldlos bezahlen oder es als Monats-, Job- oder Semesterticket nutzen. Die Option, dass Fahrgäste nur noch ein- und auschecken müssen – wie in Schwäbisch Hall – ist im eTicket bereits angelegt. Es ist auch möglich, Fahrgäste ganz ohne Terminals per Funk zu erfassen. Welche Funktionen des eTickets sie ihren Fahrgästen anbieten, entscheiden die Verkehrsverbünde.

Der VDV arbeitet daran, dass man künftig mit Chipkarten und Apps des heimischen Verkehrsverbundes überall in Deutschland Fahrscheine kaufen kann. Mit dem Smartphone ist das theoretisch bereits möglich. Bislang nimmt aber nur der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) an dem Verfahren teil. 2017 folgen die Verkehrsverbünde aus den Regionen Berlin, Hamburg, Köln und München.

„Das eTicket ist eine gute Idee. Der VDV muss jedoch sicherstellen, dass es keine Kleinstaaterei gibt, dass mit den Daten keine Bewegungsprofile angelegt werden und dass die Nutzer die Kostenkontrolle behalten“, sagt Ziesak. Dann kann der Traum von „Einfach einsteigen und losfahren“ Wirklichkeit werden.

Benjamin Kühne

Mit der App zum Fahrschein

  • In der Heimat ist man mit der App des örtlichen Verkehrsverbundes oft gut bedient. Vorbildlich ist die des Rhein-Main-Verkehrsverbundes (RMV): Verbindungen suchen, Tickets kaufen, sich auf einer Karte die nächste Haltestelle anzeigen lassen, Infos zu Car- und Bikesharing – alles funktioniert reibungslos. Um die Fahrkarte zu bezahlen, muss man sich nicht mal zwingend beim RMV anmelden. Das geht auch mit Prepaid-Guthaben oder über die Handyrechnung.
  • Überregional: Die App easy.GO – ausgezeichnet vom Bundesverkehrsministerium – bietet Vergleichbares wie die RMV-App, ­aber für mehrere Regionen: Berlin/Brandenburg, Köln/Bonn, Leipzig/Halle und Magdeburg.

fairkehr 1/2020