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Titel 6/2016

Direkten Anschluss, bitte!

Illustration: Zentangle/shutterstock.com

Einer der größten Frustmomente im Leben eines Fahrgasts: Der Bus fährt gerade am Bahnhof vor – und vom Anschlusszug sind nur noch die Rückleuchten zu sehen. Hätte der Bus nicht vier Minuten früher an der Haltestelle starten können? Die Lösung heißt ITF – Integraler Taktfahrplan. In diesem Modell wird der Fahrplan nicht für jede Linie einzeln erstellt, sondern es werden die Taktfahrpläne unterschiedlicher Bahn- und Buslinien aufeinander abgestimmt. Das Ziel: ein flächendeckendes Verkehrsnetz mit optimierten Anschlüssen. Wegweisend ist der Rheinland-Pfalz-Takt für Busse und Bahnen. 1994 als erstes landesweites ITF-System in Deutschland umgesetzt, hatte er Modellcharakter für Taktverkehre in anderen Bundesländern, beispielsweise den 3-Löwen-Takt in Baden-Württemberg. Rheinland-Pfalz reaktivierte Bahnstrecken, baute neue Haltepunkte und führte zusätzliche Regiobus-Linien ein. An allen Bahnhöfen im Land fahren die Züge an allen Wochentagen mindestens im Stundentakt – mit abgestimmten Anschlüssen der Züge untereinander und zum regionalen Busverkehr. Seit 1994 hat sich die Zahl der Reisenden verdoppelt. 260000 Menschen nutzen im Schnitt täglich die rheinland-pfälzischen Busse und Bahnen. Und das Land investiert weiter. Im Zuge des Projekts „Rheinland-Pfalz-Takt 2015“ werden weitere stillgelegte Bahnstrecken wiederbelebt sowie neue Verbindungen mit Regionalzügen und darauf abgestimmte Buslinien geschaffen. Für einen Taktverkehr in der gesamten Republik, einen „Deutschland-Takt“, auch im Nahverkehr, setzt sich der VCD seit acht Jahren in einer gleichnamigen Initiative ein. Er fordert, dass es den Fahrgästen möglich sein muss, mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Tür zu Tür zu reisen – ohne große Unterbrechungen und lange Wartezeiten.

Dass der ITF auch im kleineren Stil in ländlichen Busnetzen funktionieren kann, zeigt das Beispiel PlusBus „Hoher Fläming“. Im Dezember 2014 starteten bei der Verkehrsgesellschaft Belzig (VGB) im Kreis Potsdam-Mittelmark die ersten drei PlusBus-Linien. PlusBus bedeutet: Stundentakt von 6 bis mindestens 18 Uhr, Verbindungen auch am Wochenende und eine maximale Umsteigezeit von 15 Minuten zwischen Bus und Bahn. Die Bilanz der VGB nach knapp einem Jahr: zehn Prozent mehr Fahrgäste in den PlusBus-Linien, in einigen Städten sogar ein Viertel bis um die Hälfte mehr.

Multimodal schnell unterwegs

Die Marke PlusBus hat der Mitteldeutsche Verkehrsverbund MDV entwickelt. Als 2013 der Citytunnel in Leipzig eröffnete und DB Regio infolgedessen sechs neue S-Bahn-Linien im Großraum Leipzig/Halle in Betrieb nahm, wollten die Planer, dass auch kleinere Städte und ländliche Regionen davon profitieren. Das PlusBus-Konzept sollte den Anschluss ans mitteldeutsche S-Bahn-Netz sichern. Vor eineinhalb Jahren führten auch die Verkehrsbetriebe Berlin-Brandenburg VBB das Angebot ein. Örtliche Verkehrsunternehmen, die ihre Busse unter der Marke fahren lassen wollen, müssen die PlusBus-Taktverkehrskriterien erfüllen.

Illustration: MuchMania/shutterstock.com

Der direkte Anschluss kann auch anders aussehen: Nach ihrer Ankunft am Bahnhof schwingen sich die Reisenden auf den Sattel eines Leihfahrrads oder sie setzen sich hinters Steuer eines Carsharing-Autos. Mobilitätsstationen mit solchen Angeboten an Bus- und Bahnhaltestellen finden sich bereits in einigen Vorreiter-Großstädten wie Leipzig, Hannover und Bremen. Vorbildlich ist auch das Angebot „Mobil in Offenburg“, einer Mittelstadt mit 60000 Einwohnern: In der Nähe zentraler Haltestellen und wichtiger Orte in der Stadt gibt es Mobilitätsstationen, an denen sich registrierte Nutzer Fahrräder, Pedelecs und Carsharing-Autos leihen können.

Philipp Kosok, Leiter des VCD-Projekts „Multimodal unterwegs“, hält es für wahrscheinlich, dass innerhalb weniger Jahre alle Städte mit mehr als 100000 Einwohnern Stationen schaffen, an denen sich Einheimische und Besucher Fahrräder, Pedelecs oder Elektroautos für die letzten Kilometer zum Ziel ausleihen können. Kosok wagt auch einen Blick in die multimodale Zukunft ländlicher Regionen. „Wünschenswert wären moderne Mobilitätsstationen im kleineren Format an Bushaltestellen an Bundes- und Landesstraßen“, sagt er. Sie müssten wettergeschützt sein, einen sicheren Abstellplatz für Fahrräder und Pedelecs sowie die Möglichkeit bieten, Räder zu leihen. So könnten beispielsweise Pendler aus dem Regiobus aussteigen und die letzten Kilometer in ihren Wohnort abseits der gut bedienten Hauptbuslinie auf dem Sattel zurücklegen. Und sollte es in zehn oder 15 Jahren so weit sein, könnte an der Mobilitätsstation auch ein selbstfahrendes Auto als Taxi warten.     

Kirsten Lange

Mehr Infos: 
www.der-takt.de
www.deutschland-takt.de
www.vbb.de/plusbus

Multimodal unterwegs mit dem VCD

Viele Städte haben Multimodalität als Thema erkannt und entwickeln unter diesem Schlagwort derzeit unterschiedlichste Projekte. Das neue VCD-Projekt „Multimodal unterwegs“ will in den Kommunalverwaltungen und Verkehrsbetrieben für den notwendigen Erfahrungsaustausch sorgen. Ab Mitte Dezember findet sich auf der Internetseite eine wachsende Liste an Good-Practice-Beispielen. Zeitgleich veröffentlicht der VCD eine Studie, die der Frage nachgeht, welche Erwartungen die Menschen an eine vernetzte Mobilität haben.
www.vcd.org/themen/multimodalitaet

fairkehr 3/2021