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Reise 6/2016

Frauen, die auf Schafe starren

Wenn ihre Freunde schwarze Pisten runterwedeln, muss unsere Redakteurin sich als Ski-Anfängerin vor Ort neue Wege suchen. Sie findet stille Plätze abseits des Skirummels.

Foto: ah_fotobox/iStockphoto.comAuf der Suche nach dem Ursprünglichen: dorthin gehen, wo noch niemand eine Après-Ski-Bar eröffnet hat.
Foto: Kirsten LangeUnd das Zackelschaf starrt zurück.

So sieht’s aus

Meine Freunde lieben die Berge im Winter. Sie sind begeisterte und talentierte Ski- und Snowboard-Fahrer und sie wollen den Après-Ski-Trubel. Ich mag die Berge auch. Vor allem im Sommer. Ich bin Norddeutsche. Vor zwei Jahren, mit 35, habe ich das erste Mal auf diesen schmalen Brettern gestanden, die sich auf Schnee und Eis verdammt schnell selbstständig machen. Während meine Freunde sich freudig die schwarzen Pisten runterstürzen, vom Morgengrauen bis zur Dämmerung, verbringe ich meine Tage auf dem Anfängerhügel und auf breiten blauen Pisten. Immer mal wieder schaut der Lebensgefährte oder eine Freundin vorbei, damit ich nicht vereinsame. Ich will kein Mitleid. Erst recht nicht im Urlaub.

Allerdings möchte ich auch nicht meine Tage im Büro verbringen, wenn meine Freunde gemeinsam verreisen und den ganzen Tag draußen sein dürfen. Wenn sie am Ende des Tages ihre sportlichen Erfolgserlebnisse teilen, kann ich immerhin davon berichten, dass die Purzelchen am Kinder-Schlepplift mit ihren Mini-Brettern total süß aussehen – und auf dem Anfängerhügel mutig an mir vorbeigezogen sind.

Dem Massentourismus in den einschlägigen österreichischen Skiorten stehe ich sehr skeptisch gegenüber. Morgens und abends schiebt sich die Auto-Karawane durch den Ort. Rechts und links der Fahrbahn: Après-Ski-Bars, Pizzerien, Sportgeschäfte, Hotels. Spätestens nach vier Tagen bekomme ich einen Pistenkoller und will weg von den Zehntausenden anderen Ski- und Snowboardfahrern, die aus gigantischen Seilbahnstationen strömen und in dreistöckigen Schnellrestaurants auf dem Gletscher ihr Mittagessen einnehmen.

Das ist die Lösung

Ich gehe auf Winterwanderung. Jede Skiregion weist auf ihren Internetseiten, meist etwas versteckt und fast verschämt, auf „weitere Aktivitäten“ hin. „Dieser Weg ist sicherlich ein Highlight in Ihrem Winterurlaub“, bewirbt die Webseite von St. Anton in Vorarlberg mittels eingescannter (!) PDF-Datei die Sieben-Kilometer-Tour zum Rasthaus Verwall am Verwallsee. Die Sonne scheint, der Schnee glitzert, nach einem steilen Aufstieg spaziere ich nahezu flach entlang einer Langlaufloipe in weit geschwungenen Serpentinen bis zum See. Zurück fährt ein Bus – entschleunigt treffe ich die anderen zum Après-Ski-Glühwein in einer Remmidemmi-Hütte. Zu diesen Hütten bin ich auch schon gewandert: 500 Höhenmeter auf vereisten Forstwegen mit einem Endspurt über eine blaue Piste, steil bergauf bei Schneefall. Weniger sportlich, dennoch fester Bestandteil meines Damenprogramms: Rundwanderwege oberhalb der Skiorte mit Panoramablick.

Besondere Begegnungen

Neue Perspektiven auf Skizirkus-Hotspots gewinne ich, indem ich bewusst nach dem historischen Dorfkern suche, nach den Plätzen, an denen noch niemand eine Après-Ski-Bar, eine Pension oder ein Sportgeschäft eröffnet hat. Aus einem Kuhstall in Sölden schaut mir neugierig das Tiroler Grauvieh entgegen. Nebenan verkauft der „Dorfladen Sölden“ Milch, Käse, Butter und Joghurt, Eier, Speck, Würste, Obst und Gemüse, Mehl, Liköre und selbst gebrannten Schnaps, Marmelade, Honig und Brot. Fasziniert stehe ich fast eine halbe Stunde vor einem Gatter voller großer und kleiner weißer und schwarzer Schafe mit kunstvoll gedrehten, mehr als 20 Zentimeter langen Hörnern. Zackelschafe, eine seltene, geschützte Rasse. Die 50 Tiere blöken unablässig, hell und tief, laut und leise. Ich starre und lausche dem ländlichen Klangteppich.

Die kleinen Attraktionen

Mein Ziel ist die 82 Meter lange Hängebrücke aus Stahlseil 150 Meter über dem Boden, die seit dem Sommer 2013 zwei Söldener Ortsteile verbindet. Die Touristiker haben mit Hilfe der luftigen Konstruktion neue Spazier- und Wanderwege erschlossen. Die Einheimischen freuen sich, dass sie auf kurzem Wege zum Supermarkt auf der anderen Seite der Schlucht gelangen. Nachdem ich die lokale Sehenswürdigkeit überschritten habe, setze ich mich im Supermarkt ins Café. Panoramafenster geben den Blick auf die Brücke frei. Ein paar Menschen queren sie, manche machen Fotos. Während auf dem Gletscher Tausende Winterurlauber aus Gondeln, Sessel- und Schleppliften springen und über die Pisten düsen, bestelle ich 1500 Höhenmeter weiter unten einen zweiten Kaffee und höre zu, wie sich zwei Skilehrer über die Saison unterhalten und mit der Bäckereifachverkäuferin scherzen.    

Kirsten Lange

fairkehr 5/2019