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Editorial 6/2016

Zukunft braucht Verstand

Foto: Marcus GlogerMichael Adler, Chefredakteur

Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. 1784 erklärte Immanuel Kant dies zum Leitspruch der Aufklärung.  Ich bin erschrocken darüber, wie diese für Europa und die westliche Welt so grundlegende Geisteshaltung derzeit leichtfertig in Frage gestellt wird. Auf den Überzeugungen der Aufklärung gründen die Freiheitsrechte des Individuums, die Trennung von Kirche und Staat und nicht zuletzt unser deutsches Grundgesetz.

Nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten steht viel auf dem Spiel. Es geht nicht mehr ums Wissen, sondern ums Meinen oder Fühlen. Trump glaubt zum Beispiel entgegen allen wissenschaftlichen Beweisen, dass der Klimawandel eine Erfindung sei.

89 Prozent der Trump-Wähler meinen, dass Barack Obama ein Muslim sei. Das ist erstens nicht wahr und zweitens: So what? Trump mischt aus Rassismus, Nationalismus und erzkonservativen Gesellschaftsbildern ein explosives Gemisch zusammen.  

Was sagt uns das für Deutschland? Wir sollten bei Verstand bleiben und uns kein postfaktisches Zeitalter einreden lassen. Bestimmte Fakten sind nicht verhandelbar. Das Wissen etwa, dass mehr Kohlendioxid in der Atmosphäre die Erde erwärmt. Diese Erkenntnis basiert auf Naturgesetzen. Wenn wir diese Grundlagen verlassen, verlassen wir den Boden der Demokratie, in der es um Argument und Gegenargument gehen sollte. Nicht emotionsfrei, aber eben faktisch fundiert.

Der Klimawandel ist real und erfordert rationales Handeln. Auch und gerade in der Mobilität. Das sehr ambitionierte Forschungsprojekt Renewbility, an dem auch der VCD beteiligt war, hat nach intensivem Forschungsprozess

Szenarien erarbeitet, in denen die Dekarbonisierung des Verkehrs bis 2050 möglich wird. Dazu ist eine fast vollständige Umstellung der Pkw vom Verbrennungsmotor auf Elektroantrieb notwendig. Der Transformationsprozess muss jetzt angeschoben werden, und es ist klar, dass dadurch Arbeitsplätze vernichtet werden. Arbeitsplätze von Menschen, die am benzin- oder dieselgetriebenen Verbrennungsmotor arbeiten. Das ist die schlechte Nachricht.

Die gute ist: Wir wissen, was zu tun ist. Wenn wir uns in den nächsten 34 Jahren unseres Verstandes bedienen, können wir eine umwelt- und sozialverträgliche Transformation unserer Mobilität organisieren. Und es werden neue Arbeitsplätze daraus entstehen.

Dafür ist es allerdings wichtig, jetzt mit der Zukunft anzufangen, und nicht – wie bei der Förderung der Braunkohle – zu lange an gestrigen Industrien festzuhalten, um kurzfristig Jobs zu retten.  Immer mehr Vertreter der Autoindustrie haben die Zeichen der Zeit verstanden, selbst die IG Metall fordert in einer Studie ein Umsteuern.

Auch von der Politik erwarte ich, dass sie sich ihres Verstandes bedient, das vorhandene Wissen nutzt und den Mut hat, die notwendigen Veränderungen anzupacken und gegenüber der Bevölkerung zu vertreten. Das ist politische Führung. Wenn sie dabei glaubhaft einen Plan verfolgt und mit rationalen Begründungen für eine vernünftige Zukunftsorientierung kämpft, wird sie auch die demokratische Auseinandersetzung mit den Rechtspopulisten gewinnen.

Michael Adler

fairkehr 3/2019