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Editorial 4/2016

Die Oma fährt autonom

Foto: Marcus GlogerMichael Adler, Chefredakteur

Erinnern Sie sich an Dias? Meine 15-jährige Tochter fragte mich, wie das war damals: Hat man das Foto nicht gleich gesehen? Man musste eine Woche warten, bis der Film entwickelt war? Für mich ist das alles noch gar nicht so lange her, für meine Tochter nicht mehr vorstellbar.

Kodak und Agfa? Geschichte. Es könnte den herkömmlichen Autoherstellern genauso gehen. Wenn Sie das nächste Mal tanken, nehmen Sie einen tiefen Atemzug der benzolgeschwängerten Luft. In 20 oder 30 Jahren kann sich das keiner mehr vorstellen: eigene Autos, die man selber betanken musste mit stinkendem Kraftstoff.

Bei aller Kritik und allen möglichen Bedenken, die vor allem wir Deutsche gegen das autonome und das elektrische Fahren vorbringen, beides wird kommen. Und ich finde, das ist gut so.

Weil der Sprung so grundsätzlich ist, haben viele die verändernde Kraft, die darin liegt, noch nicht erfasst. Die deutschen fossilen Premiumhersteller wollen die neue Qualität vermutlich auch nicht begreifen, weil es ihr sehr lukratives Geschäftsmodell demontieren würde. Im Grunde wollen Daimler, BMW & Co weiter zu große, zu schnelle und zu teure Autos verkaufen. Nur sollen die Rennreiselimousinen zusätzlich zum „technischen Erlebnisraum“ hochgerüstet werden.

Die Vision aber, die unsere Autorin Annette Jensen in der Titelgeschichte kurz anreißt, ist der eigentliche Knaller der neuen Automobilität. Mit autonomen Autos können wir Mobilität ganz neu denken. Wir reduzieren den Bestand an Autos auf ein Zehntel. Wir besitzen die Fahrzeuge nicht mehr und lassen sie 24 Stunden am Tag effizient organisiert herumfahren. Die geteilten Autos sind eingebettet in das öffentliche Verkehrsangebot und können im Stadtverkehr, aber auch auf dem Land die Lücken schließen, die der herkömmliche ÖPNV lässt. Morgens bringt das autonome Auto Pendler zum nächsten ÖV-Halt, danach fährt das gleiche Auto die Oma zum Supermarkt, die IT-Expertin zum Kunden, die Kinder ins Schwimmbad. All das passiert innerorts mit 20 km/h deutlich langsamer, aber wegen der insgesamt viel geringeren Automenge ohne Stau. Die Autos ähneln eher der Google-Schmusekugel als einer S-Klasse. Sie sind einfach zu bedienen, und die hochauflösenden Bildschirme bringen die Nutzer selbst mit, wenn sie mögen – wie heute im ICE oder in der S-Bahn.

So entsteht ein regionales Mobilitätsangebot, in dem sich alle Autos an die Regeln halten. Sie werden mit regenerativ erzeugtem Strom betrieben und verbrauchen viel weniger als der hektisch beschleunigende und bremsende mittelalte Mann in seiner Premium-Rennreiselimousine. Sie sind im Zweifel auch sicherer, da die Software nicht telefoniert, nicht betrunken oder übermüdet ist. Um die Angreifbarkeit durch Hacker zu reduzieren, bräuchte man eine „Open Source“-Plattform, die aus den Erfahrungen aller Anwender lernt. Das allerdings dürfte wiederum Apple, Google & Co nicht schmecken: Sie steigen ins Autogeschäft ein, um noch mehr Nutzerdaten zu gewinnen.

Es gibt also gewichtige Gegner einer bürgernahen, ressourcenschonenden öffentlichen Mobilität. Genau hier brauchen wir Politikerinnen und Politiker, die weiter denken, als die Leitindustrien es derzeit zulassen wollen.

Michael Adler

fairkehr 3/2019