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Kolumne 3/2016

Der ökologische Autofahrer fährt Oxymoron!

Foto: hemeroskopion/istockphoto.comSo ist jedes Auto umweltfreundlich: Mach es wie Sisyphos und schieeeeeb!

In der letzten Kolumne habe ich gezeigt, dass die Automobilität nicht im Einklang steht mit der Musikalität. Die Deutschen könnten sich nämlich alle einen Konzertflügel leisten, wenn sie beim Auto auf das ein oder andere Extra verzichten würden. Tun sie aber nicht. Sie vernichten stattdessen munter Kapital und Wohlstand. Kaum hatte ich diese makroökonomische Brandrede gegen Autoinvestitionen geschrieben, wurde ich auf der mikroökonomischen Ebene vom Blitz getroffen. Ich muss nämlich auf die Schnelle ein Auto kaufen – wegen eines Mobilitätsbedarfes im engeren Familienkreis, der nicht mit ÖPNV und Carsharing zu bewältigen ist. Ich sage nur, ich bin es nicht und die End-Teenager haben noch keine Führerscheine. Was also macht der ökologische Autofahrer?

Die Überschrift ist natürlich eine Provokation par excellence, denn einen ökologischen Autofahrer gibt es ja gar nicht. Das ist ein herrliches Oxymoron, also eine Verbindung zweier Begriffe, die sich dem Wortsinn nach widersprechen. Viele Jahre glaubte ich allerdings selbst, ich sei die Inkarnation des ökologischen Cardrivers, was nur mit einer Mischung aus Superbia und Hybris zu erklären ist! Weil ich nämlich vor Jahren in einen Lupo 3L investiert hatte und diesen auf reines Pflanzenöl umbauen ließ. Er fuhr mit Rapsöl aus dem gelobten Aac-hener Land, womit ich unsäglich angab. Dieser Lupo war bekanntlich in der Steinzeit mal ein umweltfreundliches Modell, das von 1999 bis 2002 die VCD Auto-Umweltliste anführte. Mit Rapsöl war das „extra virgine“ und unterstützte die regionale Kreislaufwirtschaft. Zugegeben, 3,5 Liter Regio-Öl waren im Vergleich mit 7 Litern fossilem Super gar nicht so übel. Dann kam allerdings die Biotreibstoffdiskussion, und viele meinten, ich würde dem mexikanischen Bauern die Tortilla vom Brot nehmen. Dann kam die Dieseldiskussion, und wenn ich sagte, der Pflanzelöldiesel führe nicht in der Stadt, war das nur eine lauwarme Ausrede. Dann kam Stickoxid und mein kleiner, sparsamer Diesel war ein Diesel zu viel. Und als Sahnehäubchen kam mein Dealer, der mich ökologisch angefixt hatte, mit der ganzen V(erfluchten) W(ahrheit) daher. Ich bedauere zutiefst, jemals eine Schleuder aus Wolfsburg gefahren zu haben. Die Worte „umweltfreundlicher VW“ sollten jedem aufrechten Öko im Mund gefrieren! Am Ende war ich ein nützlicher Idiot für das VW-Marketing mit meinem „umweltfreundlichen“ Lupo. Tatsächlich war ich ein 3-Liter-Wolf im Feinstaubpelz.

Der ökologische Autofahrer ist heute nichts weiter als ein moderner Sisyphos, der den großen Wagen immer wieder den Berg hinaufschiebt und doch nie im Nirvana der umweltfreundlichen Mobilität ankommt. „Fahr halt mit dem Zug, du Depp“, werden mir viele zu Recht zurufen. Doch es gibt tatsächlich Umstände, in denen ÖPNV keine wirkliche Option ist. Die aktuelle Aufgabe: Zwei- bis dreimal die Woche beruflich über die Grenze von M. nach D. Einfache Fahrt: etwas mehr als 100 Kilometer. Mit der Bahn 2 Stunden 11 Minuten, dazu kommen 40 Minuten zum und vom Bahnhof. Wie gesagt, ÖPNV ist nicht wirklich realistisch. Carsharing finanziell nicht machbar. Ich will sowieso kein Fossil mit Verbrenner, das ist Steinzeit!

Der Traum vom Elektrischen: mit meinem Überschuss an erneuerbarem Strom endlich richtig erneuerbar Auto fahren. Problem: Die Reichweite ist im Winter zu knapp – gerade mit den aktuell finanzierbaren Gebrauchten (Leaf, Zoe, eco up!, C-Zero). Dafür hat die Fahrerin, das Versuchskaninchen, zu schwache Nerven. Wussten Sie, dass aus 150 Kilometer Reichweite auf dem Papier im Winter auch mal 85 werden? Nicht mal die heftig teuren BMWs oder E-Golfs wären zumutbar. Vielleicht der neue Kia Soul EV, der 150 Kilometer anscheinend verlässlich schaffen würde? Da gibt es noch keine günstigen Gebrauchten. Ich werd’ noch verrückt. Und sagen Sie jetzt nicht „Tesla“ oder ich fange sofort an zu weinen. Dann lieber sechs Konzertflügel. Was ist mit Erd- oder Biogas als Brückentechnologie, wie es der VCD empfiehlt? Leider schwache Infrastruktur in den Niederlanden. Heftige Umwege zum Tanken sind auch nicht der Sinn der Sache. Bleibt der Benziner, ich krieg’ die Krise! Wie ökologisch waren nochmal der Toyota Hybris, der Skoda Superbia und der Opel Oxymoron?

Martin Unfried

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