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Titel 2/2016

Schnellster Weg durchs Revier

Zwölf von hundert Kilometern Radschnellweg Ruhr sind fertig – eine Testfahrt.

Foto: Christian WeirichZwischen Essen und Mülheim: fairkehr-Chefredakteur Michael Adler pausiert am schon fertig gebauten Teil des RS1 – dem Schnellradweg durchs Ruhrgebiet.

Wegen eines solch bescheidenen Stücks Infrastruktur so viel Aufregung? Es ist schon erstaunlich, mit welch vergleichsweise geringem Auf­wand das Ruhrgebiet NRW-Verkehrsminister Michael Groschek zu flammenden Reden, Bundesumweltministerin Barbara Hendricks zu politischen Bekenntnissen und die internationale Presse bis in die USA und nach Neuseeland zu einer euphorischen Berichterstattung bewegt. Offenbar ist es immer noch etwas Besonderes, wenn im Autoland Deutschland ein Radverkehrsprojekt für 180 Millionen Euro geplant wird.

Bislang zieht sich ein meist vier Meter breites Asphaltband, an manchen Stellen flankiert von einem Fußweg, von der Essener Innenstadt bis zum Bahnhof in Mülheim an der Ruhr. Länge: rund zwölf Kilometer. Der Radschnellweg RS1, der auf einer Länge von 100 Kilometern von Duisburg bis Hamm führen soll, wird als Stauentlaster, als Klimaschützer oder Innovationsband tituliert. So viel Ehre erlangt er vor allem deshalb, weil hier das Fahrrad erstmals als Alltagsverkehrsmittel auf längeren Distanzen und in Konkurrenz zum Auto ernst genommen wird. Neben kleineren Schnellwegprojekten in Göttingen, Freiburg oder München ist der RS1 der erste seiner Art.

Martin Tönnes, stellvertretender Direktor des Regionalverbandes Ruhr (RVR), zählt die Fakten auf: „1,6 Millionen Menschen leben im unmittelbaren Einzugsgebiet des RS1. Wir werden täglich 54000 Pkw-Fahrten verlagern und damit rund 400000 Autokilometer einsparen. Das bedeutet knapp 17000 Tonnen weniger CO2 im Verkehr pro Jahr.“

Ruhr-Schleichweg A40 entlasten

Tönnes ist kein Fahrradfetischist, sondern ein Regionalplaner mit Blick fürs Ganze: „Der RS1 wird vor allem die als ‚Ruhr-Schleichweg’ bekannte A40 entlasten und dort den Dauerstau verringern.“

An einem Donnerstagvormittag zwischen zehn und zwölf Uhr bei dichten Wolken mit Regenneigung hält sich der Radverkehr zwischen Essen und Mülheim in Grenzen. Noch heißt der Radweg hier nicht RS1. Auf der Trasse der ehemaligen Rheinischen Bahn gebaut, lief die Förderung dieses Teilstücks mit Mitteln des Ökologieprogramms Emscher-Lippe, es wurde als Radweg Rheinische Bahn ausgeschildert. Im Volksmund hat sich RS1 aber längst durchgesetzt.

Während im Bundesverkehrsministerium noch akademische Debatten über Zuständigkeiten geführt werden, haben die Niederländer längst erkannt, dass in Zeiten der Elektrifizierung des Radverkehrs schnelle Infrastruktur für Radfahrer essenzieller Bestandteil einer integrierten Verkehrsplanung sein muss. Folgerichtig werden die „Fietssnelwegen“ aus Bundesmitteln des „Anti-Stau-Programms“ für Autobahnen mitfinanziert. 700 Millionen Euro hat die niederländische Regierung dort für Radschnellwege bereitgestellt.

Diese Tatsache ermunterte NRW-Verkehrsminister Groschek, den RS1 für den aktuellen Bundesverkehrswegeplan anzumelden, der jetzt in einem ersten Entwurf vorliegt. Der RS1 wäre das erste Radprojekt, das Eingang in diesen Asphalt- und Betonplan fände. Im sogenannten vordringlichen Bedarf des Bundesverkehrswegeplans findet sich, wie erwartet, der RS1 bislang jedoch nicht.

Das Land und der RVR wollen weiter dafür kämpfen. Immerhin hatte das renommierte Consulting-Unternehmen TCI Röhling einen Nutzen-Kosten-Faktor von 4,8 für den RS1 ermittelt. Ein Verhältnis, das Straßen- oder Schifffahrtsbauten nur selten erreichen. Und auch im Kleinen zeigt der Weg schon wertsteigernde Wirkung. Immobilienmakler werben bereits mit der Nähe zum RS1 als „besonders hervorzuhebende verkehrliche Anbindung“.

Was zeichnet einen Radschnellweg aus? Kurz gesagt: Man darf nebeneinander fahren und der Beschleunigungsfaktor liegt vor allem darin, dass man nicht ständig an Kreuzungen oder wegen Hindernissen anhalten muss. Die Zufahrten zum Radschnellweg sind mit Steinen gepflastert. Wir passieren Brückenbauwerke und den Thyssen-Krupp-Park. Hier existiert noch eine kleine Lücke im Radschnellweg: Wir müssen an einer Kreuzung stoppen und eine vierspurige Straße überwinden. Im nächsten Jahr soll eine Brücke freie Fahrt garantieren. Die Ampel springt auf Grün, wir fahren wieder: Stetig leicht bergab führt der Weg bis Mülheim an der Ruhr. Hinterm Bahnhof endet das erste Teilstück des RS1 mit Blick auf das Mülheimer Viadukt.

Die Hochtrasse – ein rostiges Relikt aus der Industriebahnzeit – führt über die Ruhr. Die Planer sehen darin das Schmuckstück des nächsten RS1-Abschnitts zur Universität Duisburg West. Sie bauen es zu einem städtischen Balkon für Fußgänger und einer weiteren industriekulturellen Landmarke aus. Bis Sommer 2017 soll Duisburg an den RS1 angeschlossen sein. Zudem wird die Stadt Hamm mit Mitteln vom Bund bald die Abschnitte am dortigen Kanal bauen.

Die Rückfahrt von Mülheim nach Essen ziehen wir in einem Stück durch. Mit Gegenwind und leichter Steigung brauchen wir für die zwölf Kilometer gut 35 Minuten. Wer sich in der Rushhour über die A40 quält, wird es von Innenstadt zu Innenstadt kaum schneller schaffen.

Landesverkehrsminister Groschek will bei seiner Parteifreundin Barbara Hendricks im Bundesumweltministerium und in Alexander Dobrindts Bundesverkehrsministerium noch Fördermittel abholen. Auf dem Kongress der fahrradfreundlichen Städte in Essen im Februar sagte er aber unmissverständlich: „Das Land wird den RS1 Schritt für Schritt realisieren. Der Radschnellweg Ruhr ist ein Schatz, den wir heben müssen.“

Michael Adler

fairkehr 5/2019