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Kolumne 2/2016

25 Milliarden Totalverlust im ersten Jahr!

Foto: Terry J Alcorn/istockphoto.comAlternative zum Auto: Konzertflügel haben kleine Räder und können mit sauberer Muskelkraft geschoben werden.

Heute geht es um Investitionen, wobei ich zugegeben von Volkswirtschaft wenig Ahnung habe. Am Wochenende musste ich tief in die Tasche greifen: Ich brauchte nämlich einen neuen Wintermantel für das Rad meines Sohnes. Mit Schlauch! Da nahm ich noch neue Bremsbacken mit für das Rad meiner Tochter. Kosten: um die 50 Euro beim Fahrradhändler meines Vertrauens. Dafür bekam ich allerdings auch einen nach einem Vogel benannten Markenmantel mit Anti-Plattitüden. Das fand ich super.

Meine Investition kommt der Bikenomics zugute, also der gesunden Fahrradwirtschaft, die wir in NL haben. Noch gibt es solide Fahrradhändler mit Werkstatt, die vom Verkauf von Markenrädern und Reparaturen leben können. Genug Niederländer spendieren zwischen 700 und 1000 Euro für ein neues Batavus. In Deutschland, wo der Preiskampf extremer ist, ist das weniger. Ein neues Rad kostete 2015 in DE im Durchschnitt nur 557, 56 Euro. Die schwäbische Hausfrau spart halt, wo es geht. Sie hat nämlich öfter ihr Auto aus der Werkstatt abgeholt und 557,56 Euro sind in der Welt des Automobils bekanntlich Peanuts. Merke: Für den jährlichen Wertverlust eines normalen Neuwagens könnte man sich jedes Jahr ein neues Pedelec kaufen! So lautet eine der interessantesten Fragen der Menschheit, warum denn die Autowirtschaft volkswirtschaftlich so unglaublich positive Auswirkungen auf unseren Wohlstand hat, obwohl die Automobilität selbst so sackteuer ist?

Ich bin zwar wie gesagt kein Ökonom, aber ich kann rechnen. Im Jahre 2015 kostete der durchschnittliche Neuwagen in Deutschland 28153 Euro. Die Zahl stammt natürlich von

Prof. Dudenhöffer aus Duisburg. Nun gab es 2015 anscheinend 3742522 Neuzulassungen. Ich hab das mal in den Taschenrechner eingegeben: 3742522 Autos mal 28153 Euro macht 105363221866 Euro. Und jetzt kommt’s:  Der durchschnittliche Wertverlust über alle Pkw-Klassen hinweg beträgt bei einer Jahresfahrleistung von

15 000 Kilometern im ersten Jahr nach der Neuzulassung 24,2 Prozent. Das geb ich mal in meinen Taschenrechner ein: Das ist also ein Verlust von 25497899692 Euro. Das muss also gut sein.

25 Milliarden bereits nach einen Jahr verdampft, verbrannt, aus dem Autofenster geworfen. Zum Vergleich: Der Verkehrsetat des Bundes beträgt im Jahr etwas weniger, nämlich rund 23 Milliarden. Damit werden allerdings Werte geschaffen, wie Straßen und Schienen.

In den Folgejahren ist der automobile Wertverlust übrigens nur rund fünf bis sechs Prozent im Jahr. Das heißt, so nach fünf Jahren – also im Jahr 2020 ­– ist die Hälfte, also bereits 50 Milliarden, der deutschen Investition in Pkw aus dem Jahre 2015 futsch. Weitere fünf Jahre später droht Totalverlust. Das Interessante ist nun: Dieser Totalverlust ist sehr erfreulich. Da kann der Neuwagenkäufer nämlich wieder investieren und in wenigen Jahren wieder 50 Prozent verlieren. Das, nehme ich an, ist der eigentliche Charme des Autokapitalismus.

Ich bin kein Volkswirt, aber wie gesagt, ich kann rechnen. Nehmen wir in einem Alternativ-Szenario an, die Deutschen hätten im Jahr 2015 nun Neuwagen im Durchschnittswert von lediglich 14 000 Euro gekauft, also halb so teuer. Auch diese fahren. Problem: Dann stünden also im Jahr 2015 rund 53 Milliarden Euro zur anderweitigen Investition zur Verfügung. Nehmen wir mal an, die Leute hätten sich damit 3742522 Konzertflügel gekauft. Und nehmen wir ebenso an, das würde die nächsten zehn Jahre so weitergehen. Dann hätten im Jahre 2025 alle deutschen Haushalte einen Konzertflügel. Eine ganz schlechte Investition im Sinne des Autokapitalismus. Konzertflügel haben bekanntlich keine Sitzheizung.     

Martin Unfried

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