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VCD aktiv 1/2016

VCD Bahntest 2015/2016

Der Bahnverkehr in Deutschland braucht einfache Tarife und transparente Preise.

Foto: DB VertriebBislang kaufen nur wenige ­Kundinnen und Kunden ihr Ticket über die Smart­phone-App. Die meisten Fahrkarten verkauft die DB auf ihrem ­Internetportal www.bahn.de

Fahrgäste der Deutschen Bahn (DB) wollen mit einem Ticket von Tür zu Tür reisen – und zwar möglichst günstig. Das komplexe Tarifsystem der DB durchschauen sie nicht. Stattdessen wünschen sich die Reisenden einfache, entfernungsabhängige Tarife und einen günstigen Festpreis mit weniger Rabattaktionen als heute. Das ist das zentrale Ergebnis des 14. VCD Bahntests, den der ökologische Verkehrsclub im Dezember 2015 vorgestellt hat.

Den Schwerpunkt auf Tarife und Preise hat der VCD aus zwei Gründen gewählt. Zum einen entscheiden vor allem die Ticketpreise darüber, ob Reisende mit der Bahn fahren oder nicht. Zum anderen laufen der DB im Fernverkehr die Kunden weg. Dafür sind sicher auch die günstigen Spritpreise verantwortlich, die die Menschen vermehrt aufs Auto umsteigen lassen. Auch die Konkurrenz durch Billigflieger und preiswerte Fernbusse machen der Bahn zu schaffen. Mit seiner Studie hat der VCD das Forschungsinstitut Quotas beauftragt.

Erst im März letzten Jahres hatte die Deutsche Bahn eine umfassende Kundenoffensive für den Fernverkehr angekündigt. Dabei wollte sie das Tarif- und Preissystem stärker an den Wünschen ihrer Fahrgäste ausrichten. Der VCD greift dieses im Bahntest auf und fragt nach, wie das Preissystem angenommen wird, spiegelt bisherige Defizite und bildet konkrete Wünsche der Fahrgäste ab.
Von den 1900 Befragten eines bevölkerungsrepräsentativen Online-Panels gaben nur knapp 12 Prozent an, das Tarifsystem der Deutschen Bahn sei verständlich. Mehrheitlich waren die Befragten der Ansicht, die Preise seien willkürlich und änderten sich ständig. Dabei erwarten sie von der DB genau das Gegenteil.

Busse und Bahn in einem Ticket

Fast 95 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer des VCD Bahntests wünschen sich ein einfach aufgebautes und transparentes Tarifsystem. Auf die Frage, wie dieses im Detail aussehen könnte, geben die Befragten eine klare Antwort: Mehr als Dreiviertel befürworten einen günstigen Festpreis statt vieler Sonderangebote. Zudem findet eine Mehrheit der Befragten es fairer, die Preise abhängig von den gefahrenen Kilometern zu berechnen, statt, wie im Moment von der DB praktiziert, von Strecke zu Strecke vari­ierend. Große Zustimmung gibt es auch für die Idee, dass der Fahrschein für den Fernverkehr die Nutzung des Nahverkehrs einschließlich der Busse und Straßenbahnen am Zielort überall mit einschließt.

Weiterer Schwerpunkt des Bahntests war die Frage: Wie kommen Reisende im aktuellen System an den günstigsten Fahrpreis? Dafür wurden 15 Strecken des Fernverkehrs in ganz Deutschland einem Realitätscheck nach Verfügbarkeit der Sparpreise unterzogen – ausgewählt nach Fahrtenhäufigkeit und geografischer Verteilung.

Auch hier zeigt das Ergebnis, wie kompliziert das aktuelle System ist. Fürdie Strecke München – Stuttgart war der günstigste Sparpreis zu 89 Prozent erhältlich, für die Strecke Mannheim–Erfurt hingegen nur in 16 Prozent der Fälle. Für Reisende ist es nicht planbar und nicht nachvollziehbar, wann sie auf welchen Strecken Sparpreise erhalten. Als Empfehlung an Reisende bleibt aktuell: Das günstigste Ticket gibt es, wenn die Reise möglichst früh gebucht wird und wenn das Reisedatum flexibel ist. Denn, so ein weiteres Ergebnis des Realitätschecks: Preiswert ist es vor allem dienstags, mittwochs und samstags.

VCD-Bundesvorsitzender Michael Ziesak kritisiert, dass die DB AG über die Wünsche der Reisenden hinweggeht. „Fahrgäste müssen das gute Gefühl haben, einen fairen Preis zu zahlen. Das geht nur mit einfach verständlichen – das heißt entfernungsabhängigen – Festpreisen und nicht mit Sonderrabatt­aktionen und Super-Sparpreisen.“ Auch die verwirrende Unterscheidung zwischen Nah- und Fernverkehr müsse ein Ende haben. „Menschen reisen von Haustür zu Haustür, nicht von Fernbahnhof zu Fernbahnhof. Die Tarife müssen im gesamten öffentlichen Verkehr logisch und einfach verständlich sein“, fordert der Bundesvorsitzende.

Um einen günstigen Preis zu ermöglichen, wären etwa 30 Prozent der Befragten bereit, auf die freie Zugwahl oder die Sitzplatzreservierung zu verzichten. Eine längere Reisedauer und häufiges Umsteigen sind für sie hingegen keine Alternative.

Für Heidi Tischmann, Referentin für Verkehrspolitik beim VCD, sprechen die Ergebnisse eindeutig für die Einführung eines deutschlandweit einheitlichen Tarifsystems. „Dieser Deutschland-Tarif berechnet die Preise nach der Entfernung der Reiseziele, unabhängig davon, welche Strecke der Zug nimmt, erklärt die VCD-Bahnexpertin. „Tickets haben in jedem Zug des Fern- und Nahverkehrs Gültigkeit und es besteht die Möglichkeit von überschaubaren Rabatten in nachfrageschwachen Zeiten.“

Auch vor dem Hintergrund der neuen DB-Strategie, die das Unternehmen Mitte Dezember verkündet hat, steht für den VCD-Vorsitzenden Ziesak fest: „Es braucht den Dialog mit der Politik“. Der Bund muss Länder und Verkehrsunternehmen an einen Tisch bringen und ein kluges Konzept für das Tarifsystem im Bahnverkehr erarbeiten. Das ist wahrscheinlich die beste Maßnahme, potenzielle Fahrgäste zu gewinnen und die sich abwendenden Reisenden wieder zurückzuholen.

Uta Linnert

Der VCD Bahntest 2015/2016 als Download

 

VCD-Initiativen Deutschland-Takt
und Deutschland-Tarif

Der Deutschland-Takt ist eine Fahrplanoptimierung durch einen bundesweiten integralen Taktfahrplan (ITF). Dieser beinhaltet zwei Aspekte: Die Züge sollen regelmäßig im Stunden- oder Halbstundentakt verkehren und gleichzeitig so verknüpft sein, dass sie unabhängig von der Fahrtrichtung an wichtigen Knotenbahnhöfen zu annähernd gleichen Zeit eintreffen und wieder abfahren. Dadurch entstehen häufigere und schnellere Verbindungen mit optimalen Umsteigemöglichkeiten. Vom ICE über die Regionalbahn bis hin zum Bus entstehen so verlässliche Reiseketten.

Dazu gehört ein einheitlicher Tarif, der Deutschland-Tarif. Dieser ist ausschließlich von der Entfernung abhängig. Fahrscheine des Deutschland-Tarifs gelten in allen Zügen des Nah- und Fernverkehrs. Für Fahrten mit Fernzügen wird ein Aufpreis fällig, der problemlos und ohne Zuschlag im Zug bezahlt werden kann. Zur besseren Auslastung der Bahnen kann zusätzlich ein verbilligter Tarif angeboten werden, z. B. im Nahverkehr generell ab 9 Uhr und für einzelne Plätze in Zügen des Fernverkehrs. Die BahnCards werden zu unternehmensübergreifenden Karten und gelten in allen öffentlichen Verkehrsmitteln.

www.vcd.org/themen/bahn/deutschland-takt

fairkehr 3/2019