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Auf dieser Montage ist eine Seilbahn in Bonn vor dem Hochhaus Posttower zu sehen.
Foto: Uta Linnert, iStock/Dikuch, Montage Marcus Gloger
Kinder spielen auf der Straße im autofreien Quartier in Köln-Nippes.
Foto: Nachbarn60 e. V.
Eine Carsharing-Station mit zwei Autos.
Foto: Manuela Meyer/cambio

Titel 6/2015

Postwachstum: die wichtigsten Schlagworte

Wirtschaftswachstum = Wohlstand?

Wirtschaftswachstum wird oft mit der Steigerung des Bruttoinlands-produkts (BIP) gleichgesetzt. Das BIP gilt als Indikator für Wohlstand in einer Gesellschaft. Volkswirte berechnen es aus der Summe aller innerhalb eines Jahres hergestellten Waren und erbrachten Dienstleistungen. Die Gleichstellung von BIP und Gemeinwohl ist allerdings problematisch. Darüber, wer vom Wachstum profitiert, sagt es nichts aus. Das Wachstums hat viele negative Begleit-erscheinungen – Klimawandel, Ausbeutung der Ressourcen und globale Ungerechtigkeit.

Grünes Wirtschaftswachstum

Es gibt viele Namen für grünes Wirtschaftswachstum: Green New Deal, Green Growth oder Green Economy. Grüne Investitionen und Konjunkturprogramme sollen gleichzeitig die Wirtschaft ankurbeln, Jobs im Umweltsektor schaffen, den Klimawandel mindern und Ressourcen schonen. Die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch soll dabei vor allem durch eine Effizienz-steigerung möglich gemacht werden (siehe Kasten S. 18). Typische Projekte des Green New Deals sind die Förderung erneuerbarer Energien, der Ausbau von ÖPNV-Angeboten und die energieeffiziente Gebäudesanierung.

Abkehr vom Wachstum

„Jeder, der in einer begrenzten Welt an ein unbegrenztes exponentielles Wachstum glaubt, ist entweder ein Verrückter oder ein Ökonom“, sagte US-Ökonom Kenneth Boulding, Mitglied des Club of Rome, bereits 1972. Die Postwachstumsökonomie (engl. Degrowth) zielt auf eine Wirtschaft und Politik, die nicht das Streben nach Wachstum als zentrales Ziel hat. Kernpunkte sind ein nachhaltiger Umgang mit natürlichen Ressourcen und weltweite soziale Gerechtigkeit. Die Entkopplung der Wirtschaft vom Wachstum erfordert eine grundsätzliche Umgestaltung der Gesellschaft. Wie eine stagnierende oder schrumpfende Wirtschaft funktioniert, die weiterhin stabile Konsum-und Versorgungs-strukturen garantiert, wird weltweit erforscht, aber auch ganz praktisch regional erprobt. Neben der Steigerung von Konsistenz und Effizienz, den Kernthemen des grünen Wachstums, spielt eine Veränderung des individuellen Konsumverhaltens eine Schlüsselrolle beim Umbau zu einer Postwachstumsgesellschaft.

Effizienz – macht es besser!

Wenn Produkte weniger Energie verbrauchen und schon bei der Herstellung Ressourcen sparen, wird die Umwelt weniger belastet. Das ist ist Effizienz. Es ist auch eine Effizienzsteigerung, wenn man die Waschmaschine immer nur voll anschaltet,  auf Tröpfchen-bewässerung in der Landwirtschaft setzt oder ein spritsparendes Hybridauto fährt. Sparsame Produkte können allerdings dazu verleiten, mehr zu konsumieren. Wenn man einen größeren Kühlschrank kauft, weil dieser weniger Strom verbraucht als der alte, oder mit dem neuen verbrauchsärmeren Auto nun auch kurze Distanzen zurücklegt, die man zuvor gelaufen wäre, wird die gewünschte Ersparnis schnell überkompensiert. Dieses Phänomen nennt man „Rebound-Effekt“.

Konsistenz – macht es anders!

Wenn man den Aufbau von Produkten überdenkt, verändert man ihre Konsistenz. Sind Produkte beispielsweise nach dem Kreislaufprinzip designt, kann man nach Ende ihrer Lebensdauer viele der verbauten Rohstoffe wiederverwenden, um neue Produkte herzustellen. Das vermeidet Müll und schont Ressourcen. Die Nutzung von Abwärme, von Verpackungen aus Maisstärke und erneuerbaren Energien sind Beispiele für Ökoeffektivität. Allerdings steht Konsistenz als Strategie für nachhaltige Entwicklung erst am Anfang. Wenige Ideen sind bisher konsequent umgesetzt.

Suffizienz – weniger ist mehr!

Suffizienz bedeutet, sich auf das zu besinnen, was man wirklich braucht, und auch mal mit weniger zufrieden zu sein. Es muss ja nicht alles neu gekauft und allein besessen werden. Oft kann man Dinge auch teilen oder tauschen. In Repair-Cafés hilft man sich gegenseitig, defekte Gegenstände wieder ganz zu machen. Viele Ideen der Suffizienz sind nicht neu: Die gute alte Stadtbibliothek beruht genau wie Carsharing auf dem Prinzip des Teilens und Tauschens. In fast allen Lebensbereichen kann man Energie und Ressourcen einsparen, sei es Fahrrad- statt Autofahren, WG statt Single-Haushalt oder Second-Hand-Laden statt H&M. Suffizienz setzt auf ein Umdenken bei den Konsumentinnen und Konsumenten. Hier liegt die größte Herausforderung: Verzicht wird als negativ empfunden und die Bequemlichkeit ist groß. Dabei schont man Ressourcen und Energie und gewinnt oft soziale Kontakte.

Helen Czioska

fairkehr 2/2022

Cover der fairkehr 2/2022 zum Thema "Parkraum"