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Titel 5/2015

Urbane Lebensqualität

Lebendige Innenstädte lassen sich nicht am Laptop bestellen.

Die Städte boomen, immer mehr Menschen ziehen vom Land in die Zentren. Der wachsende Online-Handel legt aber nahe, dass diese Menschen immer seltener zum Einkaufen vor die Tür gehen. Laut Handelsverband ist für fast die Hälfte aller Deutschen das Einkaufserlebnis im Laden schon nicht mehr größer als das Durchklicken der Angebote im Online-Shop. Auch die Mobilitätsforschung sieht mittlerweile bei jungen Leuten unter 35 Jahren mehr Aktivitäten im Haus – und weniger Freizeit- und Einkaufswege außer Haus.

An die Stelle urbaner Lebensqualität und Stadtbummel drohen noch längere Kolonnen an Lieferfahrzeugen zu treten. Dabei ist es gerade die Vielfalt und die Unvorhersehbarkeit des Lebens auf der Straße, die eine Stadt lebenswert machen. Sollen die Innenstädte nicht vollends aussterben, müssen sie sich nicht nur gegenüber dem Einkaufszentrum am Stadtrand abgrenzen, sondern ihren Einwohnerinnen und Einwohnern gute Gründe liefern, vom Rechner in den eigenen vier Wänden hervorzukommen. Beispiele aus Kopenhagen, Wien und Stuttgart zeigen, dass eine Trendwende möglich ist – die Menschen können auch wieder zurück auf die Straße geholt werden. Nötig sind dafür attraktive Flaniermeilen, Begegnungszonen und eine gute Erreichbarkeit mit dem Fahrrad und dem ÖPNV. Auch der Lieferverkehr in den Innenstädten und benachbarten Wohngebieten muss geordnet werden. Hier bieten Lastenräder ganz neue Möglichkeiten, Läden und ­Gastronomie leise und umweltfreundlich zu versorgen.

Der dänische Architekt Jan Gehl hat eine einfache Grundregel aufgestellt: Menschen ziehen Menschen an. Wer also Straßen für Menschen baut, der sorgt auch dafür, dass mehr Kundinnen und Kunden in die Geschäfte und Cafés gehen und neue Läden eröffnen.

Wolfgang Aichinger

Foto: VCDWolfgang Aichinger, VCD-Referent für Verkehrspolitik „Lebenswerte Städte“

fairkehr 5/2019