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Auf dieser Montage ist eine Seilbahn in Bonn vor dem Hochhaus Posttower zu sehen.
Foto: Uta Linnert, iStock/Dikuch, Montage Marcus Gloger
Kinder spielen auf der Straße im autofreien Quartier in Köln-Nippes.
Foto: Nachbarn60 e. V.
Eine Carsharing-Station mit zwei Autos.
Foto: Manuela Meyer/cambio

Titel 4/2015

Verkehrsberuhigung auf Anfrage

Freiburg baut Straßen auf Anwohnerinitiative um –
kostengünstig und dauerhaft.

Foto: Karl-Heinz RaachFreiburg will noch kinderfreundlicher werden.

Jan Maurer arbeitet beim Garten- und Tiefbauamt Freiburg.  Seit 13 Jahren beschäftigt sich der Verkehrsplaner mit der Umwandlung von Wohnstraßen in verkehrsberuhigte Bereiche. Weil Freiburg noch kinderfreundlicher werden will, hat die Stadt ein Verfahren entwickelt, mit dem Anwohner eine solche Umwandlung beantragen können. Ohne Unterstützung der Nachbarn läuft aber nichts. Das bedeutet: Unterschriften sammeln. Mindestens zwei Drittel der Anwohner müssen der Verkehrsberuhigung zustimmen. Auf der städtischen Internetseite stehen für die Befragung Formulare bereit.

Die ausgefüllten Listen gehen dann an Jan Maurer. Gemeinsam mit der Verkehrsbehörde und der Polizei schaut er sich die Gegebenheiten der Straße an: Die maximale Verkehrsdichte sollte 100 Autos pro Stunde nicht überschreiten. Aber auch Topografie, Bewohnerstruktur und Parksituation fließen in die Beurteilung mit ein. Ob eine Straße den Anforderungen entspricht, entscheidet das Zusammenspiel aller Faktoren: Wenn Kinder in der Straße gemeldet sind, es ausreichend Parkplätze gibt, die Straße flach, kurz und wenig befahren ist, stehen die Chancen gut. Liegt die Straße dagegen am Berghang, sieht es eher schlecht aus. Denn dann besteht die Gefahr, dass ein Kind beim Spielen einem Ball hinterherläuft oder mit Inlinern zu schnell bergab rollt und nicht rechtzeitig bremsen kann, bevor der verkehrsberuhigte Bereich wieder in den Straßenverkehr mündet.

Das Einverständnis der Anwohner ist für Maurer ein ganz entscheidender Faktor. Die Stadt fragt deshalb – auch bei Zwei-Drittel-Zustimmung in der ersten Runde – anonymisiert noch ein zweites Mal nach. „Wenn einen die Nachbarn fragen, ob man so ein Projekt unterstützt, traut man sich vielleicht nicht ohne Weiteres zu sagen, dass man kein Kindergeschrei hören möchte oder Angst wegen einer möglichen Verringerung der Parkplätze hat“, sagt Maurer. Die anonymisierte Abfrage gewährleistet, dass jeder Bürger dem Garten- und Tiefbauamt seine Meinung unbeeinflusst mitteilen kann.

Poller statt Umbau

VCD-Bundesvorsitzender Michael Ziesak sieht den Freiburger Ansatz, Anwohnerinnen und Anwohner per Umfrage in die Stadtplanung einzubeziehen, positiv, fragt aber auch: „Warum werden in Deutschland Anwohner von Hauptverkehrsstraßen, deren Lebensqualität durch Lärm und Luftverschmutzung massiv beeinträchtigt wird, nicht generell befragt, ob sie sich in ihrer Straße Tempo 30 oder ein Nachtfahrverbot für Lkw wünschen?“ Wenn sich Anwohner initiativ für Tempo 30 oder eine Spielstraße einsetzen, sollten die Hürden möglichst niedrig sein.

Ist die Entscheidung für den Umbau gefallen, setzt die Stadt Freiburg die Planung zügig um. Der Eingangsbereich der Straße wird mit Pollern verengt, Querstreifen und Piktogramme auf der Fahrbahn zeigen Autofahrern, dass ein neuer Bereich beginnt, in dem sie zu Gast sind und mit spielenden Kindern rechnen müssen. Versetzt markierte Parkplätze und Spielbereiche unterstützen diese Maßnahmen zusätzlich. Hier sollen Autos nur noch im Schritttempo unterwegs sein.

Laut Straßenverkehrsordnung (StVO) müssen verkehrsberuhigte Bereiche durch ihre Gestaltung den Eindruck vermitteln, dass die Aufenthaltsfunktion überwiegt und der Fahrzeugverkehr eine untergeordnete Bedeutung hat. „Wir erfüllen diese Anforderungen mit kostengünstigen Markierungen, Pollern und durch eine einheitliche Gestaltung der Einfahrtsituationen in diese Bereiche“, erklärt Stadtplaner Jan Maurer.

In der Regel fordert die Straßenverkehrsordnung für die Verkehrsberuhigung einer Straße die Absenkung der Bordsteine auf das Niveau der Fahrbahn. Diese sehr teure Umbaumaßnahme hält viele Kommunen von der Verkehrsberuhigung ab. Aber Freiburg hatte Glück: Das Regierungspräsidium erklärte sich bereit, im Rahmen eines Pilotprojektes dieses „Freiburger Modell“ mitzutragen. Bislang hat die Kommune 14 Straßen dauerhaft umgewandelt.

Benjamin Kühne

fairkehr 2/2022

Cover der fairkehr 2/2022 zum Thema "Parkraum"