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Politik 4/2015

Grüne Stadt für Menschen

Den Autos will die baskische Stadt Vitoria-Gasteiz ihre Straßen und Plätze nicht länger über­lassen. Sie gibt Fußgängern und Radfahrern den öffentlichen Raum zurück.

Alle Fotos: Uta LinnertWo früher der Autoverkehr tobte, fährt heute die Straßenbahn und haben Kinder und Jugendliche Platz für einen sicheren Schulweg.

Alvaro schwärmt davon, was sich in Vitoria-Gasteiz getan hat. Erst kürzlich ist er von seiner großen Trans-Amerika-Radtour in seine Heimatstadt zurückgekehrt. „Vitoria ist die beste Stadt zum Radfahren, die ich in den letzten beiden Jahren gesehen habe, es ist fantastisch“, sagt er. Lässig hat der 35-Jährige sein mintgrünes Rennrad neben sich an eine der Bänke an der Plaza del Machete gelehnt und schaut mit Blick auf die historische Altstadt dem Feierabendtreiben zu.

Tatsächlich hat Vitoria-Gasteiz, die Hauptstadt der spanischen Autonomen Region Baskenland, im Jahr 2009 einen „Plan zur Förderung nachhaltiger Mobilität“ aufgestellt. Dessen Umsetzung ist mittlerweile weit vorangeschritten. Die 240000-Einwohner-Stadt hat eine neue Straßenbahn in Betrieb genommen, ein dicht getaktetes Busliniennetz angelegt, 150 Kilometer Radwege gebaut, überall Fahrradständer aufgestellt, Fußgängerzonen ausgeweitet und Flächen, die von Autos zugeparkt waren, zum Flanieren und Spielen frei gemacht. Alles mit dem Ziel, den privaten Autoverkehr innerhalb der Stadt zu reduzieren. Weil außerdem die vielen Alleen, öffentlichen Gärten und Parks in und um die Stadt herum sehr gut mit Rad- und Spazierwegen verbunden sind, hat die Europäische Kommission Vitoria-Gasteiz 2012 den Titel „European Green Capital“ verliehen. Der VCD hat die Stadt 2013 in sein „European Biking Cities“-Netzwerk aufgenommen.

Mitte Juni 2015. Sieben Journalisten aus Europa sind der Einladung des VCD nach Vitoria-Gasteiz gefolgt. Zusammen mit Heiko Balsmeyer, dem Koordinator des EU-Projektes beim VCD, wollen sie auf einer Radtour mit Vertretern der Stadtverwaltung erleben, was sich verändert, wenn eine Stadt mit der Größe von Braunschweig, Aachen oder Kiel Fahrrädern konsequent Vorrang einräumt.

Neue Wege für Menschen zu Fuß.

Die Tour beginnt im Zentrum. Juan Carlos Escudero, Chef der Umweltbehörde, hält ein Foto hoch, das zeigt, wie es früher hier aussah: Die mehrspurige Straße ist vollgestopft mit Autos und auf beiden Seiten zugeparkt – das normale Bild, das jede europäische Stadt hundertfach zu bieten hat. Heute fährt hier die neue Tram über einen frisch gemähten grünen Rasenteppich. Von den vier Autospuren ist nur eine übrig geblieben, bemalt mit Fahrradpiktogrammen und großen Tempo-30-Zeichen. Radfahrer geben das Tempo vor. Sie dürfen in beide Richtungen fahren. Die parkenden Autos sind verschwunden. Dort laufen jetzt Eltern mit ihren Kindern zur Schule. In Beete haben die Stadtgärtner junge Bäume, Lavendel und Rosen gepflanzt. Auf einer der vielen Holzbänke liest ein Rentner seine Zeitung, hinten toben Kleinkinder auf einem Spielplatz. Unter der roten Markise des Cafés sind schon etliche Stühle besetzt. Platz für Fahrradabstellplätze haben die Stadtplaner auch noch gefunden.

Nächster Stopp, ein paar Straßenecken weiter: Eine eng bebaute, zweispurige Innenstadtstraße mit Läden und mehrgeschossigen Wohnhäusern hat die Stadt in eine Einbahnstraße umgewandelt. Die entgegenkommenden Fahrräder haben eine abgetrennte Spur zur Verfügung. Die wenigen Autos, die hier parken, gehören Handwerkern oder sind Lieferwagen. Privates Parken ist nicht mehr erlaubt, dafür können die Fußgänger jetzt bequem nebeneinander hergehen, auch mit Kinderwagen, Einkaufswagen oder Rollatoren.

„Grundlage unseres Masterplans ist die Einteilung der Stadt in sogenannte Superblöcke“, erklärt Escudero das Prinzip. Autos und Busse fahren durch die Hautpstraßen, die diese Blöcke begrenzen. In ihrem Inneren gilt maximal Tempo 30, was den Radfahrern zugute kommt und das Zufußgehen ebenfalls sicherer macht. Gelb schraffierte Flächen auf dem Boden, verengte Einfahrten und Zebrastreifen markieren den Eintritt in einen der 15 Superblöcke. Sie zeigen den Autofahrern unmissverständlich, dass sie hier zu Gast sind. 

Neue Wege per Rad und Tram

Es ist einfach ruhiger geworden

Mit Umbaumaßnahmen wie diesen hat die Verwaltung von Vitoria-Gasteiz seit Januar 2013 bislang 47 Innenstadtstraßen verkehrsberuhigt. Nicht alle sehen so schick aus wie die Straßen entlang der neuen Trambahnlinie. „Spanien steckt in der Finanzkrise und die Kassen sind leer“, sagt Escudero, „aber Tempo 30  einzuführen, kostet nichts.“ Er radelt mit der Gruppe durch Straßen, in denen die Stadt einfach weiße Fahrradspuren und -markierungen auf den Asphalt gepinselt hat. „Warum jetzt warten, bis wir wieder Geld haben?“ ruft er. „Schön machen können wir das später immer noch.“ In den Neubaugebieten entlang der Innenstadt sind breite Radspuren sowie eigene Brücken und Wege für Radler von vornherein mitgebaut worden.

Neben den vielen Radwegen fällt am meisten auf, wie unglaublich ruhig es in Vitoria-Gasteiz ist. Die Autos fahren überwiegend langsam und rücksichtsvoll. Vor allem sind es wenige, auch an einem normalen Werktag. Die Stadt wirkt tatsächlich entschleunigt. „Wir wollen eine Stadt für Menschen sein“, fomuliert Escudero sein Credo. „Ihnen geben wir den öffentlichen Raum zurück und den Autos zeigen wir, dass sie hier eigentlich nicht hingehören. Sie haben keinen Vorrang, sondern müssen sich den Platz mit Radfahrern und Fußgängern teilen.“

So einfach ist es also. Es hört sich an, als sei hier der VCD an der Regierung, dabei ist es ein offizieller Vertreter der Stadt, der diese Sätze ausspricht. Ungläubig fragen die angereisten Pressevertreterinnen und Korrespondenten aus England, Polen, Griechenland und Deutschland, wie es möglich war, diesen revolutionären Plan zu schmieden und in so kurzer Zeit in die Tat umzusetzen. Gab es keinen Gegenwind von den Geschäftsleuten, keinen Protest der Anwohner, als die Parkplätze wegfielen? Gibt es im Baskenland keine eingefleischte Autolobby, die freie Fahrt für freie Bürger fordert?

Neue Wege für den Wirtschaftsverkehr

Juan Carlos Escudero und sein Kollege Roberto Gonzales, Referent für Öffentlichkeitsarbeit von Vitoria-Gasteiz, erklären die Erfolgsgeschichte der neuen Fahrradhauptstadt Spaniens so: Vier Parteien regieren im Rathaus, keine hat die Mehrheit. Es brauchte einen Konsens – und den gab es. Die Stadt ist flach und die Menschen leben dicht beeinander.

98 Prozent der Einwohner haben es nicht weiter als drei Kilometer ins Stadtzentrum – beste Vorraussetzungen, die Alltagswege zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu machen. Pläne für neue Wohnsiedlungen und Einkaufszentren am Stadtrand lagen auf dem Tisch – man konnte sie gerade noch verhindern und stattdessen das Zentrum stärken. Zu den Arbeitsplätzen im Industriegebiet ist es nicht weit, die Uni liegt mitten in der Stadt. Und vor allem: Ausgaben für Fahrradinfrastruktur sind keine Kosten – hier heißen sie „Investitionen in die Zukunft“.

Post vom Bürgermeister

Auch die Liste der begleitenden Aktionen ist beeindruckend: Der Bürgermeister schickt Briefe an jeden Haushalt, Sicherheitskampagnen zeigen die Vorteile des Radfahrens und ein bunt besetzter Mobiliätsbeirat tagt regelmäßig als Mitwirkungsgremium. Junge Trainer – ausdrücklich nicht die Polizei – führen von der Stadt bezahlte Radfahrtage an Schulen durch. Die Zusammenarbeit mit der örtlichen Fahrradvereinigung ist freundschaftlich und öffentliche Reperaturwerkstätten laden zum Mitmachen ein.

„Die Stimmung in der Stadt hat sich spürbar verbessert“, sagt Sprecher Gonzales. Der Fahrradanteil stieg in den letzten drei Jahren von sechs auf 12,3 Prozent und ist damit spanischer Rekord. Der öffentliche Verkehr kommt auf acht Prozent. Das Besondere: Der Anteil der Autofahrten liegt nur noch bei 25 Prozent. Über die Hälfte ihrer Wege gehen die Menschen von Vitoria-Gasteiz zu Fuß. „Das ist der größte Erfolg. Wir haben weniger Autos in der Stadt.“ Diesen niedrigen Autoanteil erreicht keine europäische Stadt dieser Größe. Auch im westfälischen Münster, wo der Fahrradanteil 38 Prozent erreicht, fahren die Einwohner noch 36 Prozent ihrer Wege mit dem eigenen Auto.

Die Bedingungen für Radfahrer hätten sich wesentlich verbessert und seien nirgendwo so gut wie hier, schwärmt Alvaro.

Bleibt die Frage nach den Parkplätzen. „Natürlich ist es unbequem, den Lebensstil zu verändern. Aber wenn die Bürger erst mal sehen, was der Umbau der Stadt ihnen bringt, genießen sie es“, sagt Escudero. Parkplätze existierten noch, nur für viele nicht mehr direkt vor der Haustür. „Wir wollen, dass die Leute zumindest ihren Zweitwagen abschaffen, und das klappt auch, der Autobesitz geht zurück“, sagt er. Insgesamt seien die Einwohner stolz auf den Wandel zur grünen Stadt, sagen die Stadtvertreter. Sie zeigen, wo überall neue kleine Läden eröffnet haben, dass sich jeder Bewohner direkt in seiner Nachbarschaft mit Lebensmitteln und täglichen Gütern versorgen kann ohne weit fahren zu müssen. Außerdem hätten sich einige Supermärkte auf die neue Situation eingestellt und böten Lieferservice an, sagen sie.

Oskar Apellariz ist so ein Bote. Mit einem Lastenfahrrad fährt er für einen Lebensmitteldiscounter Waren in der Altstadt aus. „In spätestens zwei Stunden sind die Einkäufe bei den Kunden“, erklärt er und präsentiert stolz sein elektrounterstütztes Fahrzeug. Das historische Zentrum mit seinen engen Gassen liegt auf einem Hügel über der Stadt. Es ist von jeher nicht für Autos gebaut. Damit es weiterhin belebt und bewohnt bleibt, hat die Stadt an mehreren Stellen elektrische Rampen neben die Treppen gebaut. So können müde oder mobilitätseingeschränkte Menschen auch mit Kinderwagen oder Gepäck leicht hinaufkommen und müssen nicht wegziehen.

Auf der Plaza Espagna in der historischen Altstadt ertönt jeden Abend um 18 Uhr ein Stück aus Beethovens Opus 91 als Glockenspiel. Es ist die Siegeshymne für Wellington über Napoleon in einer Schlacht, in der sich Briten und Franzosen 1813 vor den Toren von Vitoria-

Gasteiz gegenüberstanden. Glücklicherweise werden hier heute andere Siege gefeiert. Man möchte die kraft- und mutlosen Verkehrsplaner aus dem Geburtsland Beethovens hierher schicken, damit sie erleben, dass die Verkehrswende möglich ist und sie sich für den Wandel begeistern lassen können. Vielleicht springt der Funke über, wenn sie sehen, wie viel Gewinn es den Bürgern bringt, wenn Straßen und Plätze wieder den Menschen gehören.

Uta Linnert

Radeln für saubere Luft

Im Rahmen des  Clean-Air-Projektes förderte der VCD einen europäischen Austausch über Radverkehrsförderung. 2013 wurde das „European Biking Cities“-Netzwerk mit sechs ambitionierten Städten ins Leben gerufen. Neben Vitoria-Gasteiz waren auch Mannheim und Potsdam dabei. Eine Abschlussbroschüre wurde im Juni auf der Velo-city-Konferenz in Nantes vorgestellt.

Download: www.cleanair-europe.org/ebc

fairkehr 2/2019