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Editorial 4/2015

Auto oder Kind?

Foto: Marcus Glogerfairkehr-Chefredakteur Michael Adler

Wir Deutsche haben die Frage klar beantwortet. Mit 8,2 Kindern pro 1000 Einwohner ist Deutschland weltweit Schlusslicht bei der Geburtenrate. Mehr als 500 Autos pro 1000 Einwohner bringen uns allerdings weltweit auf einen Spitzenplatz beim Autobesitz. Zwar läuft die Entscheidung nicht so schlicht, wie diese beiden Vergleichswerte es nahelegen. Aber das eine hat durchaus etwas mit dem anderen zu tun hat. Deutschland ist kinderfeindlich, was die Gestaltung der öffentlichen Räume angeht. Die Straße gehört dem Auto. Unberechenbare Kinder stören da nur. Sie bewegen sich wie Anarchisten im Regelraum Verkehr, dem ja auch längst nicht alle Erwachsenen in seiner Komplexität gewachsen sind. Das große Missverständnis der klassischen Verkehrserziehung liegt darin, dass sie dem Kind aufbürdet, sich verkehrsgerecht zu verhalten. Das setzt allerdings voraus, dass Kinder nicht mehr Kinder sind, sondern sehr vernünftige kleine Erwachsene.

Der richtige Weg ist, den Verkehr kindgerecht zu gestalten. Was wiederum voraussetzt, dass Erwachsene viel vernünftiger mit dem Auto umgehen, weniger und langsamer fahren und Verkehrsplaner und -politiker den Stadtraum von Kindern mitplanen lassen und deren Sicht akzeptieren. Kinder brauchen andere Kinder. Kinder brauchen Bewegung. Kinder suchen Abenteuer, Kinder brauchen Freiheit. Kinder brauchen Platz.

Erwachsene brauchen einen Parkplatz vor der eigenen Haustür und Ruhe und Ordnung im Wohngebiet. Mutmaßlich wollen wir Deutsche von Letztgenannten besonders viel. Daraus entsteht eine strukturell kinderfeindliche Umgebung, in der es gesellschaftlich anerkannter ist, viel zu arbeiten, zwei, drei Autos zu besitzen und sich ansonsten ruhig zu verhalten. Die Familie mit zwei oder gar mehr Kindern, bei der die Wohnung in Unordnung ist und deren unerzogene Kleinen ständig die wichtigen Gespräche der Erwachsenen stören, gilt zunehmend als asozial. Welch ein Paradox.

Unsere Titelgeschichte zeigt wegweisende Projekte für selbstständige Kindermobilität, an denen VCD-Orts- und Kreisverbände maßgeblich mitwirken. Und wir stellen das Konzept „Bespielbare Stadt Griesheim“ vor. Die hessische Kleinstadt hat die Perspektive gewechselt. Sie hat die Kinder der Stadt mit Kreide losgeschickt, um ihre alltäglichen Wege zu markieren und zu zeigen, was auf diesen Wegen gut und spannend ist und wo es gefährlich, langweilig oder unvollkommen ist.  Nach diesem Kinderplan wurden in Griesheim an hundert Stellen kleine Dinge verändert. Kostenpunkt: 110000 Euro, Effekt: Seit zehn Jahren gab es in Griesheim keine Unfälle mehr mit Kindern.
Lassen wir unsere Kinder frei. Erobern wir die Straße vom Auto zurück.

Michael Adler

fairkehr 2/2019