fairkehr VCD-Magazin für Umwelt, Verkehr, Freizeit und Reisen

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Reise 3/2015

Für immer jung

Jugendherbergen sind immer noch der Klassiker für junge Leute auf ­Ferienfreizeit oder Klassenfahrt. Aber das Publikum wandelt sich: ­Auch ­Familien, ­Senioren, Wanderer und Rad­urlauber nutzen das ­weltweite Netzwerk. Jugendherbergen befinden sich oft in den besten Lagen mit spektakulärem Ausblick oder in ­außer­gewöhnlichen ­Gemäuern. fairkehr erzählt vom Urlaub in solchen Herbergen, ­beantwortet häufig ­gestellte Fragen und stellt besondere Häuser vor.

Foto: Michael AdlerYouth Hostel direkt am Leuchtturm auf den Klippen am Lizard Point in Cornwall – laut Autor die schönste Jugendherberge der Welt.

Für mich ist sie die schönste Jugendherberge der Welt. Eine viktorianische Villa auf den Klippen am Lizard Point, dem südlichsten Punkt des englischen Festlandes, von Seevögeln umschwirrt, Wind und Brandungsgeräusch des Ozeans bilden die akustische Kulisse.

Der Lichtstrahl des wenige Meter höher gelegenen Leuchtturms teilt die Nacht in regelmäßige Segmente. Bei nebligem Wetter, in England ja bekanntlich nicht selten, gibt das Nebelhorn des Leuchtturms den Takt des Tages vor. Für Gäste, die die meditative Wirkung der monotonen niederen Frequenzen nicht erkennen, liegen Ohrstöpsel auf den Zimmern bereit. Sonnenuntergänge wie von Emil Nolde gemalt und türkisfarbene Meeresbuchten, die jeden Piratenfilm schmücken würden, komplettieren das Naturspektakel am südlichen Ende des Vereinigten Königreiches.

Wir hatten ein Viererzimmer gebucht mit rundumbefenstertem Erker, der ein unglaubliches Meer- und Klippenpanorama eröffnet. In der Sitzecke mit den typisch englischen Holzfenstern zum Rauf- und Runterschieben hätte ich stundenlang sitzen können und schauen. Aber natürlich mussten wir raus, nach Kynance Cove, dem angeblich schönsten Strand in ganz England, ach was, in der ganzen Welt: ein Labyrinth aus Felsen wie Kathedralen mit Höhlen und vom Meerwasser geformten Steinskulpturen und einem Sand, den die Gezeiten Tag und Nacht zu feinstem, fast weißem Pulver schleifen. Der Hausstrand von Lizard Point ist die Housel Bay, keine halbe Stunde Fußweg von der Jugendherberge entfernt über den verschlungenen, mit Wildblumen umwucherten Cornwall Costal Path.

Treffpunkt Küche

Kommunikativer Treffpunkt einer britischen Jugendherberge ist die Küche. Da fast alle Häuser „self catering“ sind, also für Selbstversorger, mischen sich am Abend Sprachen, Kulturen und Gerüche an den sehr gut ausgestatteten Herden. An einem Abend kochten wir zusammen mit einer bunten Gruppe: einer indien­­­stämmigen Großfamilie aus Manchester, zwei Französinnen, drei jungen Frauen aus Taiwan und einem südafrikanischen Surfer namens Charles, dem Sonne und Salzwasser die Haut in seinem bestimmt 60-jährigen Leben gegerbt hatte.

Es duftete nach Curry, nach Fisch, Knoblauch, Sojasauce und gegrilltem Gemüse – eine herrliche Mischung. Charles erzählte vom „endless summer“, seinem Leben zwischen Zimbabwe, Aus­tralien und England, immer auf der Suche nach der perfekten Welle. Eine der Taiwanesinnen berichtete von ihrem Studium in Bamberg. Es war sehr lustig, Oberfranken aus der fernöstlichen Perspektive geschildert zu bekommen.

Turmzimmer mit Aussicht

Was kann da noch kommen, nach der schönsten Jugendherberge der Welt? Nun, vielleicht die schönste Deutschlands. Für meine Kinder ist das eindeutig Burg Stahleck oberhalb von Bacharach. Vom Burghof öffnet sich ein wunderbarer Blick auf den gewundenen Mittelrhein mit ins Flussbett gestreuten Inselchen. Schiffe ziehen ihre langsame Bahn und man fühlt sich erhaben wie ein Burgherr.

Foto: Michael AdlerWärs draußen nicht so schön, säße man stets hier und schaute aufs Meer.

„It’s gorgeous, this landscape and all these old castles built out of real stone“, spricht mich mein Nachbar am Ausguck an. Offensichtlich Amerikaner und sehr beeindruckt von der hinreißenden Landschaft und den echten Steinburgen. Wir reden über das Mittelalter und die ältesten Gebäude in den USA. Geschichte ist greifbar an so einem Ort. Die Gruppe Jugendlicher, die zu Ritterspielen in historischen Kostümen einen Großteil des Burgturms belegt haben, vervollständigen das Bild.

Fast wie im Hotel

Die Inneneinrichtung von Burg Stahl­eck ist wie üblich in deutschen Jugendherbergen einfach, aber zweckmäßig. Trotzdem verbreiten die alten dicken Mauern ein besonderes Flair. Im Turm kann man runde Zimmer mieten mit neun oder zehn Betten. Für zwei Familien mit Kindern eine witzige Option.

Was mir persönlich allerdings immer noch zu schaffen macht, ist die Jugendherbergskost: klebrige Nudeln mit Bolognesesoße oder Gulasch, gebackene Schnitzel in fetter Panade, und zum Frühstück Bleichi-Wurst, wie wir sie nennen, und geschmackfreien Scheibenkäse.

Für die zunehmende Fraktion der Vegetarierinnen und Veganer in jugendlichen Kreisen wird’s ganz eng. Dagegen war der Multi-Kulti-Duft in den Selbstversorgerküchen in England eine kulinarische Offenbarung und eine großartige Kontaktbörse.

Nur ein paar Kilometer rheinabwärts auf der anderen Rheinseite liegt die Jugendherberge Kaub am Rhein. Vom Ambiente her moderner und dennoch in einem historischen Gebäude mitten in der Altstadt ­gelegen, bietet sie einen Empfangsbereich mit hotelmäßiger Rezeption, komfortable Zimmer und ein einladend gestaltetes und am Abend gut gefülltes Bistro. Die Küche des sehr schön ins alte Gemäuer integrierten Restaurants scheint mir etwas ambitionierter, aber die Nudeln kleben auch hier.

Die leider immer noch sehr lauten Personen- und Güterzüge fahren mitten durch den Ort Kaub. Aber das hat die Jugendherberge clever gelöst: Gemeinschaftsräume, Bistro und Rezeption liegen auf der Bahnseite. Die Schlafräume gehen in den ruhigen Innenhof. Wir haben dort sehr gut geschlafen.

Foto: Michael AdlerZeitreise: Im Burghof von Burg Stahleck am Rhein treffen sich heute statt ­Ritter die Gäste der ­Jugendherberge ­Bacharach.

Die Drahtzieher von Altena

Wer Burgen und Schlösser mag, hat in deutschen Jugendherbergen eine große Auswahl. Wir haben noch Burg Altena im Sauerland getestet. Hier bewegt man sich auf doppelt historischem Boden, weil diese Burg als die erste Jugendherberge der Welt gilt. Der Lehrer Richard Schirrmann richtete 1909 hier eine Übernachtungsstätte für Kinder und Jugendliche ein. Die alten Schlafsäle mit knarzenden Holzdielen und rustikalen Holzetagenbetten kann man besichtigen, aber leider nicht mehr drin schlafen. Hätte sicher eine ganz spezielle Atmos­phäre. Sehr empfehlenswert in Altena ist das Drahtmuseum. Eine positive Überraschung in der sauerländischen Provinz. So interaktiv und unterhaltsam gestaltet, macht es Spaß, zu erfahren, was die alten Drahtzieher aus Altena so alles gebaut haben: unter anderem die ersten Telegrafenleitungen durch den Atlantik und die Drahtseile der Golden Gate Bridge in San Francisco.

Und zu guter Letzt noch mal ein Ausflug zu den europäischen Nachbarn: Vor zwei Jahren haben wir mit Freunden ein paar Tage im niederländischen Arnheim verbracht und in der Jugendherberge übernachtet. Rein baulich kann das unscheinbar in einem Wohngebiet liegende, einfach konstruierte Haus mit den Burgen des Mittelrheintals zwar nicht mithalten. Was aber von Anfang an überzeugte, war der lockere Umgangston. Und die perfekt ausgestattete Bar samt professionellen Kellnern und Billardtisch. Das kostenlose drahtlose Internet im ganzen Gebäude kam bei meinen inzwischen jugend­­­lichen Kindern besonders gut an. So verbrachten wir mit den Freunden gemütliche Abende in Arnheim. Unsere Kinder urteilten: „Sehr chillig hier“ – ein größeres Lob gibt es von Teenagern nicht.    

Michael Adler

Umweltbewusste Jugendherbergen

Anders als die meisten Hotels weisen alle Jugendherbergen auf die umweltfreundliche Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln hin und beschreiben auf ihren Internetseiten ausführlich, wie die Gäste vom nächstgelegenen Bahnhof zur Herberge gelangen.

Viele Jugendherbergen bieten Wochenend- und Ferienprogramme an. Alles kann man lernen: Stuntmen-Tricks, Filmemachen, Nähen, Kochen. 20 DJHs schreiben sich ökologisches und soziales Lernen auf die Fahnen. Sie haben das Zertifikat „Umwelt-Jugendherberge“ erworben. Das steht für effiziente Energienutzung, gesunde Ernährung, umwelt- und freizeitpädagogisches Programm, Ressourcenschonung und regionale ­Einbindung. Die Richtlinien hat das DJH gemeinsam mit Viabono, der deutschen Dachmarke für nachhaltigen Tourismus, entwickelt.

Einige Jugendherbergen sind besonders auf die Bedürfnisse von Radreisenden eingestellt und mit dem Gütesiegel „Bett&Bike“ des ADFC ausgezeichnet.

fairkehr 2/2020