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Editorial 3/2015

Sonnenwarme Erdbeeren

Foto: Marcus Glogerfairkehr-Chefredakteur Michael Adler

Erinnern Sie sich auch daran, wie Sie als Kind auf die erste rote Erdbeere gewartet haben? Ich erwartete sie sehnsüchtig im Garten meiner Eltern. Wenn ich dann hineinbiss in die dunkelrote Frucht, noch sonnenwarm, dann schloss ich unwillkürlich die Augen und genoss dieses unvergleichliche Aroma. So, wie Erdbeeren nun mal schmecken, paradiesisch.

Tun sie aber kaum noch, wenn man sie im Supermarkt kauft, schon gar nicht im Winter. Das Gleiche gilt für Tomaten frisch vom Strauch, Äpfel, Birnen, Pflaumen vom Baum. Und Pfirsiche, immer ein bisschen schwierig in Deutschland, aber, wenn sie mal richtig reif wurden und man dann mit leichter Gänsehaut in die pelzige Schale biss, mmhm lecker. Dieses Erlebnis des Originalaromas entgeht vielen Kindern inzwischen. Und Gärten sind oft gnadenlos ordentlich ­gemähte Rasenstücke ohne Essbares.

Unsere Lebensmittel und viele der Waren, die wir gedankenlos konsumieren, kommen zu jeder Jahreszeit vom einen oder anderen Ende der Welt. Oft mit Schiffen. 90 Prozent des Welthandels werden auf dem Seeweg abgewickelt. In unserer Titelgeschichte schauen wir den Riesenpötten in den Tank. Und finden eine ziemlich braune, sehr giftige Brühe. Das Schweröl, der Treibstoff für Seeschiffe, ist ­extrem giftiger Sondermüll mit einem Schwefelanteil, der 3500-mal so hoch ist wie beim Dieselkraftstoff für Pkw und Lkw.

Mit den bekannten Folgen für Mensch und Umwelt. Die Schiffsbesatzung im Maschinenraum ruiniert sich ihre Gesundheit, und auch die küstennahen Gebiete bekommen noch ordentlich was ab vom schwefelhaltigen Abgas, dem Feinstaub und den Stickoxiden. Hinzu kommt die CO2-Belastung. Die­ ­Internationale Seeschifffahrts-Organisation IMO schätzt, dass auf das Konto des weltweiten Schiffsverkehrs pro Jahr eine Milliarde Tonnen CO2 gehen. Das ist mehr, als der gesamte Flugverkehr emittiert. Tendenz steigend. Fossile Treibstoffe sind eben nicht mit den Erfordernissen des Klimaschutzes vereinbar. Und auch die Kreuzfahrtschiffe, die sich gerne ein Saubermann-Image mit blütenweißen Kapitänswesten geben, fahren mit dem gleichen Dreck. Ein Luftkurort ist so ein Schiffsdeck definitiv nicht.

Der Preis für weltweiten Transport ist hoch, auch wenn sich das kaum im Kaufpreis für die transportierten Produkte niederschlägt. Der dreckige Schiffstreibstoff ist billig und steuer­befreit. Denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal glauben, unbedingt zu ­Silvester Erdbeeren kaufen zu müssen oder Spargel im September. Kaufen Sie saisonal und regional. Vielleicht bauen Sie Ihre Rasenwüste in einen Nutzgarten um, wenn Sie ein Stück Land besitzen oder tun Sie sich in der Stadt zusammen und starten ein „Urban-Gardening“-­Projekt. Kaufen Sie nicht jeden Mist vom ­anderen Ende der Welt. Das verringert den Dreck aus Schiffsschornsteinen, und vielleicht beißen Sie bald in eine sonnenwarme Erdbeere und erinnern sich …

Reiche Ernte wünscht Ihnen

Michael Adler

fairkehr 2/2019