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VCD Aktiv 1/2015

Eine rasant positive Entwicklung

Der VCD konnte durch gute Projektarbeit die verkehrspo-litische Arbeit deutlich ausbauen. VCD-Bundesgeschäftsführerin Claudia Maiwald im fairkehr-Interview.

Foto: Rainer KurzederClaudia Maiwald, geboren 1962 in Dortmund, studierte Industrie-Design, arbeitete als Produktgestalterin in Tokio, als Leiterin einer Kommunikations-gesellschaft in Berlin und war Aufsichtsratssprecherin von Greenpeace Deutschland. Seit August 2011 ist Claudia Maiwald Bundesgeschäftsführerin des VCD.

fairkehr: 100000 Mitglieder hat der VCD im Visier. Eröffnet die ADAC-Krise die Chance, die Mitgliederzahlen substanziell zu erhöhen?
Claudia Maiwald: Der ADAC-Betrugsskandal hat beim VCD tatsächlich zu einem Mitgliederwachstum geführt. ADAC-Mitglieder, die nach einer ökologisch orientierten Alternative gesucht haben, sind bei uns Mitglied geworden. Um die 100000 zu erreichen, müssten aber viel mehr ADAC-Mitglieder diesem viel zu mächtigen Verband für seine Betrügereien und autozentrierte Verkehrspolitik die rote Karte zeigen.

Ist der VCD in puncto Lobbyarbeit ein ernst zu nehmender Gegner des ADAC?
Ja! Wir sind eine positive gesellschaftliche Kraft und werden als ökologisch orientierter Verkehrsclub sehr ernst genommen. Sowohl auf politischer Ebene als auch von den Medien werden wir häufig angefragt und zum Beispiel zu Anhörungen und Diskussionsveranstaltungen jeglicher Couleur eingeladen. Gerade erst hat das „PR-Magazin“ nach einem verdeckten, bundesweiten Test der Pressestellen von Automobil- und Branchenverbänden die Pressearbeit des VCD als „erstklassig” bewertet. Wir lagen weit vor dem ADAC.

Sie sind seit dreieinhalb Jahren Geschäftsführerin. Wie hat sich das Profil des VCD seitdem verändert?
Der VCD hat eine rasant positive Entwicklung hingelegt. Wir konnten im Bereich der verkehrspolitischen Arbeit deutlich wachsen. Als ich anfing, arbeiteten 35 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Geschäftsstelle. Heute sind wir 52.
Insbesondere unser Engagement zur Förderung des Radverkehrs konnten wir deutlich ausbauen. Wir haben ein Verbraucherportal für Elektrofahrräder entwickelt und das Thema Lastenräder für den innerstädtischen Güterverkehr gepuscht.

Welche Projekte sind dazugekommen?
Wir koordinieren ein großes EU-Projekt zur Luftreinhaltung. Und als es darum ging, die neuen CO2-Grenzwerte für Pkw festzulegen, hat der VCD eine wichtige Rolle gespielt. In vielen Gesprächen mit Entscheidungsträgern in Deutschland und in Brüssel haben wir erfolgreich dafür gekämpft, dass die für 2020 geplanten Vorgaben zur Verringerung des CO2-Ausstoßes von Neuwagen nicht gekippt wurden.

Warum ist die Bundesgeschäftsstelle in neue Räume gezogen?
Wir haben tatsächlich so viele neue Projekte starten können, dass wir zuletzt von zwei Standorten aus arbeiten mussten. In unserer neuen Geschäftsstelle ist nun wieder das gesamte Team unter einem Dach und insofern macht unser neues Büro die positive Entwicklung des VCD im wahrsten Sinne des Wortes sichtbar.

Sie waren vorher bei Greenpeace. Was unterscheidet die Arbeit des VCD von der bei den Umweltaktivisten?
Greenpeace ist eine hochgradig kampagnenorientierte Organisation, die von Anfang an so strukturiert wurde, dass Entscheidungen schnell getroffen und in kürzester Zeit umgesetzt werden können. Der VCD dagegen hat eine Vereinskultur. Dies bedeutet: Einbeziehung aller Gremien und somit möglichst vieler Mitglieder. Positionen und Strategien werden intensiv und verbandsweit diskutiert. Entsprechend brauchen wir länger, um festzulegen, welche Kampagnen wir fahren oder welche Themenschwerpunkte wir setzen wollen. Dann steht aber auch – und das ist das große Plus – der ganze Verein dahinter.

Wie ist die Aufgabenverteilung zwischen Ehrenamt und Angestellten?
Die Bundesgeschäftsstelle ist in Abstimmung mit dem Bundesvorstand verantwortlich für das operative Geschäft, die inhaltliche Arbeit in den Projekten, die tägliche Pressearbeit, die Auseinandersetzung mit Politik und Medienvertretern und – auch sehr wichtig – sie sichert die finanzielle Basis der VCD-Arbeit. Hier wird die gesamte Mitgliederbetreuung und -gewinnung federführend vorbereitet und durchgeführt, ebenso bundesweite Maßnahmen zur Spendengewinnung oder die Akquise von Zuwendungen durch Stiftungen, Ministerien oder anderen Quellen. Vor Ort sind in erster Linie unsere ehrenamtlichen Aktiven engagiert. Sie organisieren Infostände und lokale Diskussionsveranstaltungen. Sie engagieren sich für den Erhalt von Bahnstrecken und für die Verbesserung des ÖPNV. Sie organisieren Rad- und Bahnausflüge, Demos für Nachtflugverbote, entwickeln Informationsangebote zu umweltschonenden, sozial verträglichen Mobilitätsangeboten in den Regionen.

„Der VCD ist Synonym für intelligente, nachhaltige, ­verkehrsträgerüber­greifende Verkehrskonzepte.”

Ist die Geschäftsführung des VCD eher ein organisatorischer Job als ein politischer?
Als Geschäftsführerin des VCD leite ich die Bundesgeschäftsstelle des einzigen ökologisch orientierten Verkehrsclubs in Deutschland. Wir sind eine Umweltschutzorganisation, die sich Tag für Tag dafür einsetzt, dass die Verkehrswende hin zu einer umweltschonenden Mobilität Wirklichkeit wird. Insofern sehe ich auch den organisatorischen Teil meiner Arbeit als politisches Statement.

Der demografische Wandel spiegelt sich auch im VCD wider, die Mitgliedschaft altert. Wie wollen Sie junge Menschen für Mobilitätsthemen des VCD begeistern?
Mit spannenden, neuen Projektideen. Im letzten Jahr haben wir das Projekt „Towards 2050“ gestartet, mit dem wir uns an junge Erwachsene in Ausbildung und im Studium wenden. Wir haben eine Community gegründet und es gibt die entsprechende Internetplattform nach neuestem, modernstem Stand. Hiermit wollen wir junge Menschen dafür gewinnen, sich mit nachhaltiger Mobilität auseinanderzusetzen und Ideen zu entwickeln, wie nachhaltige Mobilität und umweltfreundliches Verhalten im Verkehr aussehen könnte.

Erhofft der VCD sich davon neue Mitglieder?
Wir erhoffen uns in erster Linie Multiplikatoren. Neue Zielgruppen werden auf uns aufmerksam, können sich bei uns engagieren. Wenn wir sie überzeugen und die Arbeit ihnen Spaß macht, dann wollen diese jungen Menschen auch Mitglied des VCD werden.

Welche Akzente möchten Sie in den nächsten Jahren setzen?
Ich möchte, dass die gute Arbeit des VCD, bekannter wird. Ich möchte noch viel mehr Menschen von der Notwendigkeit einer Verkehrswende überzeugen und sie für die Unterstützung unserer Arbeit gewinnen. Unsere Expertise im Bereich Öffentlicher Verkehr soll noch sichtbarer und unser Engagement zur Stärkung des Radverkehrs weiter ausgebaut werden. Um dies umsetzen zu können, benötigen wir ein deutliches Mitgliederwachstum. Man stelle sich einmal vor, alle Mitglieder, Aktiven und Förderer würden je ein neues Mitglied gewinnen. So wäre die Mitgliederzahl in kürzester Zeit verdoppelt. In diesem Sinne: Packen wir es an!

Wo steht der VCD aus Ihrer Sicht im Jahr 2020?
Da gesellschaftliche Veränderungen nur langsam vorangehen, wird sich der VCD auch 2020 für umweltschonende, nachhaltige Mobilitätsformen einsetzen. Die Arbeit auf europäischer Ebene wird sich verstärken, da immer mehr Entscheidungen in Brüssel getroffen werden. Mit etwas Glück haben wir bis 2025 Partnerstädte gefunden, die mit Unterstützung des VCD Begegnungszonen, Laufbusse, Fahrradautobahnen etc. praktisch erproben. Den Einsatz für Monstertrucks haben wir erfolgreich verhindert, dafür den innerstädtischen Güterverkehr mit Hilfe von E-Lastenrädern deutlich ausgebaut. 2025 ist der VCD der Ansprechpartner für Elektromobilität, da wir die Entwicklung zu kleinen, effizienten Fahrzeugen, die die Lücke zwischen Fahrrad und Auto schließen, vorausgesehen und befördert haben. Der VCD ist Synonym für intelligente, nachhaltige, verkehrsträgerübergreifende Verkehrskonzepte.    

INTERVIEW: UTA LINNERT

fairkehr 3/2019