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Politik 1/2015

Gute Gehwege, starker Nahverkehr

Jede Förderung des Fußverkehrs ist auch eine Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs. Denn der weit überwiegende Teil der Fahrgäste kommt zu Fuß zur Haltestelle.

Foto: istockphoto.com/brasil2Das Mobilitätsverhalten in Städten verändert sich. Mobilitätsformen werden häufiger kombiniert. Statt des Maximums für einzelne Verkehrsmittel ist das Optimum für die Gesamtmobilität das Thema der Verkehrspolitik der Zukunft.

Etwa die Hälfte der Reisezeit verbringen Fahrgäste des öffentlichen Nahverkehrs in Städten auf dem Weg zur Haltestelle oder von der Haltestelle zum Zielort. Fahrten mit Straßenbahn, Bus, U- oder S-Bahn beginnen und enden fast immer mit einem Fußweg. Gunnar Heipp, Leiter Strategische Planungsprojekte bei der Münchner Verkehrsgesellschaft mbH (MVG) betonte in seinem Vortrag bei der internationalen Fußgängerkonferenz Walk21 im September 2013 in München: Fußgängerinnen und Fußgänger sind die wichtigsten Kunden für den öffentlichen Nahverkehr in München. 96 Prozent der Fahrgäste der MVG kommen zu Fuß zur Haltestelle. Die Berücksichtigung der Bedürfnisse von Fußgängern habe deshalb höchste Priorität.

Das gilt auch für die meisten anderen Städte. In Nürnberg wohnen 99,6 Prozent der Einwohner weniger als 600 Meter Luftlinie von der nächsten Haltestelle entfernt. Das entspricht 840 Meter oder zehn Minuten tatsächlichem Laufweg. Auch hier sind die Fahrgäste die Hälfte ihrer Reisezeit zu Fuß unterwegs, auf dem Weg von und zur Haltestelle oder beim Warten selbst.

Trotz dieser Fakten ist die Erkenntnis, wie bedeutsam die Qualität der Wege und die Berücksichtigung des Fußverkehrs für den öffentlichen Verkehr ist, bei den Verantwortlichen noch lange nicht Allgemeingut.

Die Fußverkehrsstrategie der Berliner Senatsverwaltung bringt es auf den Punkt. Zum Thema „Stärkung der öffentlichen Verkehrsmittel” heißt es da: „Fußwege sind eine Voraussetzung für die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel. Die Förderung des Fußverkehrs kommt somit auch dem ÖPNV zugute.”

Ohne Umwege erreichbar

Fahrgäste profitieren nur dann von einer Beschleunigung des öffentlichen Nahverkehrs, wenn sie die Zeit nicht durch Umwege zur Haltestelle und lange Wartezeiten auf die nächste Verbindung wieder verlieren. Der Standort einer Haltestelle ist gut, wenn er für möglichst viele Menschen zu Fuß, bequem und ohne Umwege erreichbar ist. Dazu müssen die Wege ausreichend breit und barrierefrei, überschaubar und nachts gut ausgeleuchtet sein. Wege, die hell und gut einsehbar sind, werden von Fußgängern auch in den Abend- und Nachtstunden angenommen, hier fühlt man sich sicherer. Wesentlich ist die gute Begehbarkeit zu allen Jahreszeiten. Dazu gehört im Winter auch die rasche Räumung von Schnee und Eis im Bereich von Bahnhöfen und Haltestellen und auf Gehwegen dorthin.

Einfach Zugang schaffen

Die Entscheidung, mit Bus oder Bahn zu fahren, treffen die Menschen nicht erst beim Einsteigen, sondern zuhause. Fahrgäste müssen daher schon in den eigenen vier Wänden überzeugt werden: durch leicht zugängliche Information auf Computer oder Smartphone, durch attraktive Fußwege zur Haltestelle, schließlich durch Informationsbildschirme im Umfeld der Haltestelle, die anzeigen, wann der nächste Bus oder Zug kommt. Das entspannt und macht den Weg und die öffentlichen Verkehrsmittel insgesamt attraktiver.

Grüne Wellen für den Fußverkehr bei Ampeln schaffen kürzere Gesamtreisezeiten und sind auf stark frequentierten Wegen in Bahnhofsnähe wichtig. In Köln wurde eine Fußgängerampel mit Videotechnik ausgestattet, die sich nähernde Personen erkennt und auf Grün schaltet. Erst wenn alle Fußgänger die Straße überquert haben – spätestens nach 110 Sekunden – gibt es für den Autoverkehr wieder Grün. Da es weder zu Rückstaus noch Beschwerden kam, plant die Stadt weitere solcher Ampeln, vorwiegend in der Nähe von Schulen mit Bus- oder S-Bahn-Haltestellen.

Wer zu Fuß geht, ist empfindlich gegenüber Umwegen. Die Planung kurzer, direkter Wege ist daher zentral. Rampen und Unterführungen sind, wenn möglich, zu vermeiden. Hürden können mit Lift oder Rolltreppe überwunden werden. Oft trennen Geländer im Bereich der Haltestelle die Fußwege von Fahrbahnen und zwingen Fußgänger zu Umwegen. Ein solches Wegsperren verärgert alle, die zu Fuß unterwegs sind.

Foto: istockphotocom/frankoppermannWürde helfen: grüne Welle für Fußgänger

Auch Angebot und Qualität des öffentlichen Raumes beeinflussen, wie Menschen mobil sind. Bieten die Erdgeschosszonen der Gebäude entlang des Wegs Abwechslung, etwa durch Geschäfte, Cafés, Trinkbrunnen oder Sitzgelegenheiten, werden Fußwege als kürzer empfunden. Menschen sind in einem ansprechenden Umfeld eher bereit, weitere Wege zu gehen. Neue Gestaltungs-möglichkeiten des Straßenraums wie Begegnungszonen senken die Geschwindigkeit des Autoverkehrs. Denn entlang von Straßen mit niedrigem Fahrtempo laufen Menschen lieber und nehmen längere Fußwege in Kauf. Und es gilt auch: Je mehr ÖV-Linien verkehren, je dichter der Takt ist, umso höher ist die Akzeptanz längerer Fußwege.

Gute Wegweiser

Moderne Informationstechnologien mit Echtzeit- und verkehrsmittelübergreifender Information für Internet und Smartphone beseitigen Informationsbarrieren zwischen den Verkehrsarten. Sie machen vorhandene Kapazitäten besser nutzbar und verbessern die Effizienz des gesamten Verkehrs.

Neben den neuen Informationstechnologien braucht es aber auch durchgängigangebrachte, ganz normale, analoge Wegweiser zum Bahnhof oder zur Bushaltestelle für alle, die nicht ständig auf ihr Smartphone schauen wollen oder keines besitzen. Sie halten Bahnhöfe und Haltestellen und ihre Erreichbarkeit in der ganzen Stadt präsent. Die Stadt Zürich hat im Jahr 2013 mit der Aktion „Schon entdeckt?” die gute Fußläufigkeit der Stadt mit grünen Bodenmarkierungen mit Zeit- und Ortsangaben zum Thema gemacht.

Das Mobilitätsverhalten in Städten verändert sich. Mobilitätsformen werden häufiger kombiniert. Statt des Maximums für einzelne Verkehrsmittel ist das Optimum für die Gesamtmobilität das Thema der Verkehrspolitik der Zukunft. Wie die Realität zeigt, ist die Kombination Gehen und öffentlicher Verkehr längst die zentrale Fortbewegungsart in größeren Städten.

Auch beim Modal Split, der die Anteile der einzelnen Verkehrsarten an den zurückgelegten Wegen wiedergibt, wird diese Symbiose von Fußwegen und ÖV-Wegen deutlich. 2008 haben in Berlin 32 Prozent der Wohnbevölkerung ihre Wege mit dem Auto zurückgelegt, 27 Prozent haben den öffentlichen Verkehr genutzt, 13 Prozent sind Fahrrad gefahren und 29 Prozent sind zu Fuß gegangen. Tatsächlich gilt als stärkstes Verkehrsmittel die Kombination von öffentlichem Verkehr und Gehen: 56 Prozent macht es aus. Zusammen mit den 13 Prozent Radverkehr liegt die umweltfreundliche Mobilität in Berlin bereits bei 69 Prozent.

Die Synergien zwischen Gehen und öffentlichem Verkehr bergen mit jeder Verbesserung weiteres Steigerungspotenzial. Ist eine Stadt auf der Höhe der Zeit und meint es mit der Förderung des öffentlichen Verkehrs ernst, nimmt sie jede nötige Infrastruktursanierung und jeden Umbau als Chance für die Mobilitätssanierung zugunsten des Fußverkehrs wahr. Bei der Erneuerung des Straßenbelags, der Kanalisation oder nach der Neugestaltung von Straßenflächen kommt dann gleichzeitig ein Plus für den Fußverkehr raus. Und dadurch auch ein öffentlicher Verkehr, der wieder ein Stück attraktiver geworden ist.

Christian Höller

fairkehr 4/2019